Männer, die auf Ziegen starren

Die Ziege im Blick. Das Verhältnis des Menschen zu den domestizierten Hornträgern hat bisweilen was Skurriles – im Film wie im echten Leben. Szene aus der US-Satire „The Men Who Stare at Goates“ ©BBC Films

Von Dieter A. Graber

HANAU. Nicki Schirm ist 59 Jahre, Landtierarzt, und zwar Spezialist für Paarhufer, dane­ben Buchautor („Ein Doktor und `ne Menge Vieh“); überdies war er einst Protagonist der VOX-Do­kusoap „Menschen, Tiere und Doktoren“. Im Jahr 2010 lernte er Harry Klock ken­nen. Es ging um die Spezies Capra aegagrus hircus, das ist die gemeine Haus­ziege. Die ganze Herde, welche neben Pferden und Kanarischen Doggen auf der Main River Ranch gehalten wurde, berichtet der Veterinär nun im Zeugen­stand, habe sich in schlimmem Zu­stand befunden. „Manche Tiere konnten sich nicht mehr bewe­gen. Ihre Klauen wa­ren verfault und blutig“. Es han­delte sich um die Ziegen des Harry Klock. Der habe verspro­chen, es künf­tig nicht mehr an der nötigen Hufpflege feh­len zu lassen.

Drei Jahre später wird Schirm erneut auf den Hof bei Dörnig­heim gerufen. Dieselben Ziegen zeigen erneut das alte Krank­heitsbild: Moder­hinke, eine durch bakterielle Erreger hervorgeru­fene, sehr schmerz­hafte Klauen­entzün­dung. Doch jetzt gehört die achtköpfige Herde dem Claus Pierre B.; Klock hatte sie an den tierlieben jungen Mann auf Raten ver­kauft, ihm zusätzlich eine monatliche Stallmiete berechnet – und ihn dann prompt wegen Tierquälerei beim Ve­terinäramt ange­schwärzt. Spä­ter wird sich herausstellen, dass Klock die Ziegen zuvor ge­schenkt worden waren. Zumin­dest gelten die sei­nerzeitigen Eigentumsverhältnis­se als fragwürdig.

Tierarzt Schirm will kein unpar­teiischer Zeuge sein. Das räumt er ein. Ein Hüne ist er, über eins neunzig vom eisgrauen Haar bis zu den Sohlen, einer, dessen Diktion aus den Ställen stammt, die er den lieben lan­gen Tag in Gummistiefeln durchmisst. Seine „Praxis“ parkt um die Ecke vom Gericht. Ein Opel Vivaro, vollge­stopft mit medizinischem Gerät und Medikamenten. „Be­schiss“ nennt er das mit dem Ziegendeal. Und überhaupt: „Mein Eindruck war, dass Claus Pierre und sein Vater von den Klocks finan­ziell an die Wand gedrückt wurden.“ Mit dem Junior verbinde ihn so etwas wie … –  nun ja, ein An­flug von Freund­schaft vielleicht. Auch, weil der sich hinterher so vor­bildlich um die siechen Tiere gekümmert, ihnen trittfeste, tro­ckene Bret­terstege für ihren Auslauf ge­zimmert habe. Jüngst hat er die bei­den in ihrer derzei­tigen Notunterkunft besucht, ih­nen ausrangiertes Mobi­liar mitge­bracht, einen Tisch, ein paar Stühle. „Weil, die ha­ben doch nichts, seit sie aus dem Ge­fängnis raus sind.“

Eigentlich hat er das Drama ja ir­gendwie vorausgeahnt. Es war am 13. Dezember 2013. Schirm war zur Ziegenvisite auf der Main River Ranch erschie­nen. Die Klocks hätten sich „abfällig“ über Vater und Sohn B. geäußert: „Richtig ehrverlet­zend und ag­gressiv. Es herrschte eine bitter­böse Stimmung, irgendwie bedrü­ckend. Claus Pierre erzählte mir hinter vorgehaltener Hand, dass sie sich aus Angst vor den Klocks eine Pistole besorgt hät­ten. ,Wir können doch nicht weg. Wo sollen wir denn hin?‘ meinte er verzweifelt. Ich riet ihm drin­gend, sich an einen Anwalt zu wenden.“

Diesen Rat hat Claus Pierre B. beherzigt. Der Rechtsbeistand empfahl, wegen des illegalen Mietverhältnisses nichts mehr an die Klocks zu zahlen. In deren Wohnung fand die Polizei neben einem Wust von Mahn- und Vollstreckungsbescheiden auch den Entwurf eines Schreibens, in dem Vater und Sohn B. die „Kündigung des Mietverhältnis­ses“ angedroht wird.

Eine Bekannte des Ehepaars be­richtete der Polizei von einem Telefonat, das sie mit Sieglinde Klock kurz vor deren Tod führte. Sie habe darin über Angst vor den beiden Männern gesprochen. „Die würden ihr hinterher stie­feln“, sagt Kommissar D., der seinerzeit mit Ermittlungen be­traut war.

Und so führten Misstrauen und Furcht, begründet auf einer de­solaten finanziellen Lage, gepaart mit einer gehörigen Por­tion Wut, und zwar in beiden Lagern, schließlich in die Tragödie.