Manuels Urteil wird teuer für Lisa

So ist das mit der Liebe in Zeiten von Sturm und Drang: Sie kann böse enden. Illustration aus dem „Werther“: Jean Blaise Simonet

Von Dieter A. Graber

HANAU. Die 2. Jugendkammer hat Manuels zurückliegende Verurteilungen zu­sammengefasst und eine Gesamtstrafe gebildet. Die jüngste Tat, nämlich die Misshandlung seiner Verlobten Lisa (17, Name geändert), ist, so brutal sie auch gewesen sein mag, doch nur ei­ner von vielen schwarzen Flecken in der kriminellen Karriere dieses jun­gen Mannes (hier). Dass sie ursprünglich als Totschlagsdelikt angeklagt war, was sich irgendwie viel schlimmer anhört als „Körperverlet­zung“, ist juristi­schen Feinheiten ge­schuldet. Richterin Su­sanne Wetzel macht das klar in ihrer Urteilsbegrün­dung: Lisa habe sich durchaus in To­desgefahr befunden, als er ihr die Luft abdrückte. Eine „das Leben gefähr­denden Behandlung“ nennen Juristen das. Ob Manuel aber im entscheiden­den Moment, als er die Hände um ih­ren Hals gelegt hatte und ihr „vor Au­gen schwarz“ (Lisa) wurde, ob er da auch wirklich entschlossen war, sie zu töten und seine Äußerung: „Ich bring dich um! Mir ist alles egal!“ Ausdruck die­ses Willens war – nun, das lässt sich mit letzter Sicherheit nicht klären. Vermutlich eher nicht, meint die Kammer. Sie wird damit wohl richtig liegen. Manuels Verteidi­ger, der Ha­nauer Strafrechtler Karl-Friedrich Rix, hat das in seinem Plä­doyer treff­lich herausgearbeitet.

Am zweiten Verhandlungstag hatte sich sein Mandant zu einem Geständnis entschlossen. Er berich­tete von dem Tag, den er mit einem „Bierfrühstück“ begann, der seine Fortsetzung mit flüssiger Nah­rungsaufnahme in einem Hanauer Imbiss fand und dann des nachts mit seinem Ausraster endete. Die Schläge gibt er zu. Auch das Würgen des Mädchens mit beiden Händen. Vor­her hatte er ihr in der Küche der el­terlichen Wohnung noch Brote ge­schmiert. Irgendwie werden sich die beiden jungen Leute den Ausklang des Tages anders vorgestellt haben. Kuschelig vermutlich. Jedenfalls hatte Lisa schon Platz genommen auf dem Bett, als sie sein altes Mobiltelefon fand mit den Nummern anderer Mädchen und sich die Eifersucht mit heftigen Vorwürfen wieder Bahn brach. Der Streit eskalierte. „Aber ge­treten habe ich sie nicht“, betonte Manuel. Von einem Fußstoß gegen ihren Kopf war die Rede gewesen in Lisas Aussage. Davon aber rückte schließlich auch Oberstaatsanwalt Heinze ab. Ebenso war der versuchte Totschlag vom Tisch. Es bleibt eine Körperverletzung.

Manuel ist beileibe kein unbeschrie­benes Blatt. 46 Fälle, bei denen er Bekanntschaft mit Polizei und Ju­gendgericht machte, listet sein Straf­register auf. Diebstähle, Betrüge­reien, Drogen. Die Justiz ließ bisher stets Nachsicht walten. Seit drei Wo­chen sitzt er nun erstmals eine Strafe ab: Zwei Jahre und neun Monate we­gen Vergewaltigung einer Frau, die ihm und seinem Kumpel an einer Ha­nauer Tankstelle in die Hände gefal­len war. Sie war betrunken, ein leichtes Opfer. Vielleicht hätte sich diese Tat mit frühzeitigem konsequentem Durchgreifen verhindern lassen. „Nachsicht verdirbt die Söhne“, so der spätmittelalterliche Humanist Johannes Ludovicus Vives. Da könnte was dran sein in diesem Fall.

Manuel hat keinen Schulabschluss. Einen Beruf auch nicht. Im Handwerksbe­trieb von Lisas Vater arbeitete er als Handlan­ger. Vielleicht war diese „Ab­hängig­keit“ von den Eltern seiner Verlobten eine Sackgasse für ihn, ein zusätzli­cher Stressfaktor in der von wechsel­seitigen Eifersüchteleien ge­prägten Beziehung. Mag sein, dass Lisa dies als Druckmittel einsetzte. Es muss ei­ner nicht viel Phantasie auf­wenden, um Indizien für eine sexuelle Hörig­keit im Verhältnis der beiden zu ent­decken.

Er ist ein junger, gut aussehender Bursche mit einer schweren Hypo­thek. Nach dem frühen Tod seines Vaters wandte sich die Mutter einem neuen Mann zu. Fortan gehörte häus­liche Gewalt zum Alltag der Familie. Als das anfing, war Manuel vier. Sein prügelnder Stiefvater terrori­sierte die Familie. Wegen jeder Klei­nigkeit habe es Schläge gesetzt, erin­nert sich der Angeklagte. Aber ein gewalttätiger Mensch sei er deshalb nicht gewor­den, beteuert er. Gleichwohl wird es seine kriminelle Karriere befördert haben; frühkindliche Erfahrungen prä­gen den Menschen. Aber unser Rechtssystem basiert auf dem Prinzip des freien Willens. Gründe für eine verminderte Schuldfähigkeit jeden­falls mochten die Gutachter, der Psy­chologe Nils Habermann und der Ge­richtsmediziner Hans Werner Leukel, nicht erkennen. Leukels Berechnun­gen über den Alkoholisierungsgrad des Angeklagten in jener Nacht, ein Rechenwerk mit den Variablen Ge­wicht, Trinkmenge und –beginn, Nah­rungsaufnahme und Tatzeitpunkt, er­geben maximal 0,6 Promille.

Manuel könnte in der JVA einen Schulabschluss machen und vielleicht eine Ausbildung. Es wäre ein Segen für ihn. Fraglich aber, ob dafür vier Jahre reichen, zumal eine vorzeitige Haft­entlas­sung wahrscheinlich ist. Er wurde nach Jugend­strafrecht verurteilt. In zwei Wochen wird er zwanzig. Richterin Wetzel sagt: „In diesem Alter steht anderen Leuten die Tür zur Welt of­fen. Bei Ihnen geht die Tür gerade zu.“ Die nächsten Jahre hinter geschlosse­nen Türen dürften für Manuels weite­res Leben entscheidend sein.

Die Kammer wollte ihm da nicht auch noch eine finanzielle Belastung auf­bürden. Sie wandte Paragraph 74 des Jugendgerichtsgesetzes an. Da­nach kann davon abgesehen werden, dem Angeklagten Kosten und Ausla­gen aufzuerlegen“. Es wäre „ein fünfstelli­ger Betrag“ (Wetzel) gewor­den. In Li­sas Ohren wird dies wie Hohn klin­gen, muss sie doch nun ih­ren Rechts­beistand, die renommierte Hanauer Opferanwältin Gabriele Berg-Ritter, aus eigener Tasche bezahlen. Da fallen ein paar Hundert Euro an. Lisa macht eine Lehre als Verkäuferin. Sie verdient kleinen Lohn. Sie hatte Gebrauch gemacht von ihrem Recht „zum Anschluss als Ne­benklä­ger“.

Manuel schrieb ihr einen Brief aus der JVA, in dem er sich für seine Tat entschuldigte. Er wurde von Rechtsanwäl­tin Berg-Ritter vorgelegt und verlesen. Richterin Wetzel fand das „anständig“. Lisa hat den Brief aber nie bekommen. Ihre Mutter ent­hielt ihn ihr vor.