Mea maxima culpa

Manchmal muss man halt das Büßerhemd überstreifen, dann fällt auch der Führerscheinbann nicht so arg aus: Heinrich IV. vor Canossa. Gemälde von Eduard Schwoiser

Von Dieter A. Graber

HANAU. Tempus fugit, sagt der Latei­ner, die Zeit flieht, aber bisweilen halt sehr, sehr langsam, gleichwohl sitzt Herr H. (57) geduldig wie ein Lamm vorm Saal 24 des Amtsgerichts und wartet. Zwei Stunden harrt er hier aus, bis sein Fall end­lich dran ist, ein kugeliger Mann mit einem vollbärti­gen, freundlichen Ge­sicht. Im August hatte er einen Unfall verur­sacht in der Konrad-Adenauer-Straße zu Er­len­see; mit seinem Mercedes hatte er einen ge­parkten Honda Civic ge­streift. Des­sen Außenspiegel war hin und die vor­dere Stoßstange auch. Herr H. hatte sich jedoch, nach einer kurzen Inau­genscheinnahme des Schadens, da­von gemacht.

Herr H. ist Lateinlehrer. Obschon an der Universität angestellt, ist seine Entlohnung mager. 1050 netto kriegt er raus, aber Geld mag für ihn nur eine Nebenrolle spielen. Die lingua latina ist seine Leidenschaft, die Spra­che eines Cicero, eines Vergil, eines Seneca. Er hat eine abgewetzte Jute­tasche dabei, die er vor sich auf den Tisch legt. Unter seinem schwarzen Dufflecoat mit Knebelknöpfen trägt er eine ausgebeulte graue Sporthose und einen froschgrünen Pullover. Herr H.  liest wohl Ovid, aber keine Modemagazine. Er ist eine auffällige Erscheinung.

Um den Vorfall macht er kein großes Gewese. „Ich geb’s zu. Ja, ich bin un­ter Alkoholeinfluss gefahren und habe den Unfall verursacht“, lässt er das Gericht wissen. Ita est! So ist es! Ein rückhaltloses Schuldeingeständnis also. Epikureische Gelassenheit zeichnet diesen Angeklagten aus. Er hat die Hände auf dem Tisch gefaltet und lächelt, wobei das nur an seinen klugen Augen auszumachen ist; den Rest verdeckt die wüste Gesichtsbe­haarung.

„Es war so: An diesem Tag feierte ich ein bisschen mit einem Schüler, der seine Prüfung bestanden hatte – dank meiner Hilfe!“ erinnert er sich stolz. Nunc est bibendum, wie es bei Horaz heißt: das muss begossen werden. „Da trank ich zwei Gläser Wein …“ Ach ja, einen Malteser hat er hinter­her gekippt, fällt ihm noch ein. Es wa­ren damals 0,34 Promille Alkohol in seinem Blut festgestellt worden. Rein rechtlich müsste der Unfall also auf einen Fahrfehler zurückzuführen sein, um einen Straftatbestand zu erfüllen – wie Oberamtsanwältin Breideband meint. Richterin Bhanja möchte Herrn H. eine Pons asini, also eine Eselsbrü­cke, bauen: „Die Straße ist dort si­cherlich sehr eng ...“ – „Iwo!“, schallt es von der Anklagebank zurück, „da gibt’s genügend Platz. Alles gut über­schaubar.“ Das ist jetzt nicht sehr klug. Weil sich daraus eine  Fahrun­tüchtigkeit schlussfolgern ließe, für die Paragraph 315c StGB bis zu zwei Jahre Freiheits- oder Geld­strafe vor­sieht. Nemo tenetur se ipsum ac­cusare, wie die Juristen sa­gen: Niemand muss sich selbst belas­ten!

Richterin Bhanja versucht es anders herum: „So etwas kann einem ja auch stocknüchtern passieren. Ich selbst …“ – „Hätte ich nichts getrunken“, fällt er ihr ins Wort, „wäre der Unfall nicht geschehen.“ Punktum. Da ist er konsequent. Mehr noch: Er räumt ein, weggefahren zu sein, um sich vor den Konsequenzen zu drücken. Die klassische Unfallflucht also. Richterin und Amtsanwältin sind etwas irritiert. Eine solcherart beharrliche Selbstbe­zichtigung gibt es wahrlich nicht oft in Gerichtssälen.

Ein Augenzeuge hatte damals die Po­lizei gerufen. Die Beamten suchten Herrn H. zu Hause auf. Ins Protokoll schrieben sie, er habe einen – nun ja – „ungepflegten“ Eindruck gemacht: „Die Kleidung saß nicht ganz korrekt, das Hemd hing aus der Hose …“ Der Polizist Tobias S. erinnert sich im Zeu­genstand: „Und er trug einen dicken Pullover. Obwohl es ein warmer Tag war.“ Aber gilt das schon als Indiz für Fahruntüchtigkeit? Dem Gutachter vom Institut für Rechtsmedizin reicht es nicht. Herr H. ist jetzt ein we­nig beleidigt: „Ich versuche immer, anständig gekleidet zu sein“, schmollt er. Und seien wir mal ehrlich: Modi­sche Ästhetik liegt doch im Auge des Be­trachters …

In den Akten ist von 600 Euro Scha­den die Rede. Der hat sich aber, mir nichts, dir nichts, bis zum Verhand­lungstag auf 2000 Euro hochge­schraubt. „Spiegel, Reifen, Radauf­hängung – alles war lädiert“, be­rich­tet Herr A., der Besitzer des Honda. Das ist für den Angeklagten beson­ders bitter, weil bei einer Un­fallflucht ab 1500 Euro die Fahrer­laubnis erst mal weg ist. Den Führer­schein hatten sie ihm damals schon abgenommen. Seither ist Herr H. auf den ÖPNV an­gewiesen. Das hat ihm zu völlig neuen Einsichten verholfen. „Da bin ich ja meist viel schneller am Ziel. Keine Staus, kein Stress. Wie viel Zeit habe ich doch in all den Jahren mit dem Auto vergeu­det!“ Wohl gesprochen. Und weil er auch häufig zu Fuß unter­wegs ist, hat er abgenommen – von 92 auf 88 Kilo. Allein in drei Monaten.

Nun, Causa finita est, die Sache ist entschieden: Die fahrlässige Straßen­verkehrsgefährdung infolge Trunken­heit wird eingestellt, wegen der Un­fallflucht kriegt Herr H. 30 Tagessätze zu jeweils 25 Euro aufgebrummt, und auf den Führerschein muss er noch drei Monate verzichten. Er nimmt das Urteil sofort an. Dann macht er sich hurtig auf den Weg, muss er doch noch seinen Bus kriegen.

Finis coronat opus! (Das Ende krönt das Werk!) Jetzt aber Schluss mit den la­teinischen Phrasen.