Mein Bruder, das Biest

Mörder im Janker? Obschon er 2016 im Besitz der Waffe war, wurde es im Verlauf der Beweisaufnahme immer unwahrscheinlicher, dass Lutz H. selbst die tödlichen Schüsse abgefeuert hat. Es ist sogar fraglich, ob er überhaupt an der Tat beteiligt war. ©D. Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Ulrike Volke spricht über ih­ren Bruder Lutz. An nahezu jedem Verhandlungstag sitzt sie ihm gegen­über, doch ihre Blicke begegnen sich nie. Sie ist achtundfünfzig, fünf Jahre älter als er. Es gibt noch einen älteren Bruder. Der Vater war eine Respekts­per­son: Stabsarzt im Zweiten Weltkrieg, später Fabrikant, Präsident des Lan­des­jagd­verbandes Hessen, Alter Herr in der Akademischen Landsmann­schaft Nibelungia. Auf den Gerichts­monitoren scheint kurz ein Foto von ihm auf: Eine bolzengerade Erschei­nung in Wehr­machtsuniform, nach­denklich der Blick, streng und gütig gleichermaßen. Ulrike Volke erinnert sich: „Er war ein guter Vater, aber ich glaube schon, dass er die Söhne be­vor­zugt hat.“

Es ist des Guten wenig, was sie über den Lutz zu erzählen weiß. Seine Schulschwänzereien, die von der Mutter gütig gedeckt wurden, später seine Es­kapaden in Österreich, wohin die Eltern ihn, das Nesthäkchen, nach dem Ver­kauf ihrer Hanauer Fabrik im Jahr 1980 mitge­nommen hatten: Verkehrsdelikte, Amtsanmaßung; und dann sein ge­fälschtes Abizeugnis, seine unehren­hafte Ent­lassung aus der Bundeswehr, sein be­rufliches Scheitern als Pharma­vertre­ter, das wohl seinem Desinteresse an einem geregelten Broterwerb ge­schuldet war. Aber das sind, man muss es betonen, nichts als Kolporta­gen. Auf der Einladung zu seiner Hochzeit, der zweiten, der mit Silke, die ihn bisweilen im Gerichtssaal be­sucht, setzt er seinem Namen ein „Dr. med. Lutz-Wilhelm“ voran, und wenn einer unbe­rechtigt den Doktortitel führt, dann ist es ihm nicht wesensfremd, ein Tes­tament zu fälschen. Nun, jedenfalls ist Ulrike Volke davon überzeugt.

Nach des übermächtigen Patriarchen Tod im Januar 1989 schlüpft er in die Rolle eines engsten Vertrauten der Mutter. Er hat alle Vollmachten, von ihr blanko unterschrieben. Es wird wohl so gewesen sein, dass er endlich die ihm zustehende Stelle des Fami­lien­ober­hauptes eingenommen zu haben glaubte. Seine herrische Art ist Ulrike Volke im Gedächtnis geblieben, die, man mag es kaum glauben, darin gip­felte, dass er ihr, der Schwester, kurzer­hand die Wohnung im Eltern­haus, dem Anwesen Friedrichstraße 40 in Hanau, kündigte, weil sie einer Mieterhöhung nicht zustimmen mochte.

Und da gibt es noch so eine Ge­schichte, eine Mischung aus Bizarre­rie und An­maßung: Kurz vor der Hochzeit seiner Schwester mit Jürgen Volke be­stellt Lutz H. den künf­tigen Schwa­ger in das Jagdhaus bei Klein-Auheim ein, um ihn einer „Be­fragung“ auf seine Ehetaug­lichkeit hin zu unterziehen. Wohlge­merkt: Volke ist bereits achtundreißig, ein studierter Inge­nieur, Lutz H. elf Jahre jünger, ar­beitslos. Er soll ihm bedeutet haben, nicht in die Familie zu passen, die Verbindung sei nicht erwünscht …

Lutz H. pflegt einen rückwärtsge­wand­ten Lebensstil, und zwar den des Vaters, dessen Fußstapfen er aber nicht ausfül­len kann, von dessen Erbe er zehrt, in dessen Charisma er hineinzuwachsen versucht wie in ei­nen übergroßen Man­tel. Das Haus im Kärntner Dörfchen Ei­sentratten wird zu einer Art Museum der Familien­tradition mit Antiquitäten und Jagd­trophäen. Es wurden Fotos ge­zeigt in diesem Prozess. Am Ende lässt sich die Persönlichkeit des Lutz H. auf seine Jagdleidenschaft und Waffen­be­geisterung reduzieren, also nicht mehr als die Fortset­zung des väterlichen Zeit­ver­treibs.

Die Browning, mit der Jürgen Volke er­schossen wurde, stammte vermut­lich aus dem Besitz des Vaters. Er sammelte ballistische Geräte: Eine Smith & Wes­sen, eine silberbeschla­gene Flinte, Kipplaufwaffen, einen „Damenrevol­ver“ mit Perlmuttgriff … „Ein ganzer Schrank voll“, sagt Ulrike Volke, die auch besagte Browning  einmal bei ihm gesehen haben will. Sie hat sie später unter acht verschiedenen Schusswaffen heraus gedeutet, die ihr von Kommissar Bernd Fischer nach der Verhaftung des Lutz H. vorge­legt worden waren. „Ich erkannte sie an dem schmalen Lauf“, sagt sie jetzt. Man darf getrost daran zwei­feln, dass diese „Identifizierung“ viel wert sei, waren doch alle anderen Pis­tolen von modernem, klobigem Aus­se­hen. Ver­teidiger Andreas von Dahlen bemän­gelt das folglich zu Recht, doch was än­dert es an der Tatsache, dass Lutz H. eben diese Mordwaffe in seinem Besitz hatte?

Der Umfang des Nachlasses, den er nach dem Tod der Mutter im Jahr 2009 in die Hand bekam, lässt sich ge­nau nicht mehr bestimmen. Von einem „Nummernkonto“ ist die Rede, von Immobilien. Aber mit großen  Vermögen ist es wie mit großen Schiffen – sie sinken schnell. Ulrike Volke gibt an,  nichts geerbt zu haben. Keinen Cent. Im Testa­ment taucht sie nicht auf, obwohl ihr doch der Vater zu Lebzeiten einiges versprochen habe. Wurde es „fri­siert“? Wie ge­sagt: Sie traut ihm vie­les zu, die­sem jüngeren Bruder, der ihren Sohn mal ge­schlagen und seine Jagdhunde auf die Hasen ihrer Kinder gehetzt ha­ben soll. Auch einen Mord?

Man kann Zweifel heraushören aus ih­rer Antwort. Sie hört sich an, als habe sie inständig gehofft, es sei nicht die Tat ihres Bruders, sondern die eines Fremden gewesen. „Natürlich weiß ich nicht, ob er’s war“, sagt sie. „Aber dass er dort sitzt, ist schon schlimm.“

Der Prozess ist bis ins nächste Jahr hin­ein termi­niert.