Meine Kinder schlage nur ich!

Luise und Lotte – nein, Lotte und … –also: wer ist nun wer? Mit dieser Frage brachten schon Erich Kästners kultige Gören ihre Umwelt zur Verzweiflung. Aber alles wurde gut! Wie jetzt auch vor Gericht

Von Dieter A. Graber

HANAU. Janni ist ein pfiffiges Kerl­chen, vielleicht sechs Jahre alt, mit dunklem Schopf, großen, neugie­rigen Augen und einem verschmitzten Grinsen im hübschen Gesicht. Er hat noch zwei jüngere Geschwister, die Kleinste kann so eben laufen. Er schiebt ihren Buggy in den Saal 19 des Hanauer Amtsgerichts. Sein Papa sitzt da auf der Anklagebank. Es geht um Körperverletzung. Janni klettert auf die Zuschauerbank. Seine Füße bau­meln gut dreißig Zentimeter überm Boden.

Jan B., 43, soll Karolina, 29, misshan­delt haben spät abends in sei­ner Wohnung, und zwar mit einem Mes­ser. Karolina ist die Zwillings­schwes­ter seiner Lebensgefährtin An­gelina, also der Mutter von Janni, welcher sich nun verwundert umschaut in dem großen Raum. Alles so imposant hier: der Richtertisch, leicht erhöht, die wuchtige Kassettendecke, tau­benblau, die mächtige, zweiflüglige Tür. Da wirkt der Papa noch ein wenig schmaler und kleiner, als er ohnehin schon ist.

Es passierte vergangenen Sommer um 23.55 Uhr in Kesselstadt. Jan B. war abends heimgekommen; Karo­lina, mal wieder angetrunken, wie er mit mühsam beherrschter Empörung ausführt, habe bei ihm zuhause her­umgelungert und seine Kinder ge­züchtigt. Und das geht gar nicht! Er redet sich in Rage. Er ruft aus: „Wenn je­mand meine Kinder schlägt, dann ich!“ Na! Na! Na! Aber, ehrlich ge­sagt, er sieht wirklich nicht aus, als könnte er einem goldigen Racker wie dem Janni was zuleide tun. Jan B. trägt einen schwarzen Zweirei­her, ein schwarzes Hemd, eine schneeweiße Krawatte und eine fins­tere Miene, was ihm den Habitus eines Ober­kell­ners verleiht, der zum wiederhol­ten Male gefragt wird, ob der Fisch auf der Karte auch wirklich frisch sei. Lei­dend, verärgert, resig­niert.

„Und weiter?“ will Amtsrichterin Kohlheim wissen. „Sie schrie mich an. ‚Du Scheißer kannst mir nicht verbieten, meine Schwester zu besuchen!‘ An­schließend ging sie auf mich los.“ Und schon war die schönste Tätlichkeit in vollem Gange … Ach ja: Der Janni sei dabei gewesen, habe sogar geweint vor Schreck.

Nun war es jedoch so, dass Jan B. sage und schreibe 2,26 Promille Alkohol im Blut hatte. Dass diese Menge in einen derart – nun ja – schmächtigen Mann hinein geht, ist schon recht erstaun­lich. Er hatte auch mehrmals nachge­tankt, wie er ein­räumt. Wodka aus handlichen Minia­turflaschen. Aber was ihm noch erin­nerlich ist aus jener Nacht hat er auf­geschrieben und ans Gericht ge­schickt. Zum Beweis seiner Unschuld. Oder so. Ob er das wirklich alles noch mal erzählen müsse? „Ja“, sagt Rich­terin Kohlheim. „Alles!“ Also gut: „Erst bespuckte sie mich, dann schlug sie mit einer Flasche nach mir und traf mich am Ohr. Sie packte mich an den Haaren und drohte, mich umzubringen. Ich stieß sie nur zurück und habe daraufhin das Haus verlassen. Nein, ein Messer hatte ich nicht!“ Als er später zurück­kam, war schon die Polizei da. Und der Är­ger obendrein!

Es gibt Fotos von Karolinas blutigen Blessuren. In Farbe. Schnittverletzungen an Ell­bogen, Oberschenkel, Fuß. Und Fotos von der Wohnung gibt es. Überall Glasscherben. Mannomann, muss da was los gewesen sein. „Daran könnte sie sich auch verletzt haben“, schluss­folgert die Richterin. „Sie wird immer aggressiv“, sagt Jan B., „wenn sie was getrunken hat. Einmal belei­digte sie meine Nachbarin als ,Schlampe‘. Die glaubte natürlich, es sei meine Le­bensgefährtin gewesen, und ich musste mich entschuldigen.“ Wie hätte sie die Zwillingsschwestern auch auseinanderhalten sollen? Karo­lina, Jan, Angelina. Ein Mann zwi­schen zwei identischen Frauen. Er seufzt grimmig.

Angelina nimmt Platz auf dem Zeu­genstuhl. Maria, so heißt die Jüngste, macht sich von ihrer Hand los und stapft mit noch unsicheren Schritten in Richtung Anklagebank. Der Papa strahlt. Maria rammt ein Möbel und plärrt. Janni schnappt sie sich, schleppt sie nach hinten und tröstet sie. Er ist ein verantwortungsbewuss­ter Junge.

Seine Mutter erklärt, sie habe nichts mitbekommen damals. „Ich war in ei­nem anderen Zimmer und hörte Mu­sik.“ Eigentlich möchte sie ja gar nichts sagen. „Weil es doch um meine Schwester geht. Sie mag meinen Freund einfach nicht.“ Die ganze Ge­schichte ist ihr sichtlich peinlich.

Karolina aber lässt sich trotz ord­nungsgemäßer Zeugenladung heute nicht blicken. Sie sei, sagt der Ange­klagte, auch bei ihm nicht mehr auf­getaucht seit jener Nacht. Tja, da ist schwer richten. Staatsanwalt Joachim Böhn könnte sich mit der Einstellung des Verfah­rens anfreunden. Gegen eine Geld­auflage von 400 Euro. Jan B. stimmt zu. In zwei Monaten möchte er seine Angelina heiraten. Bis dahin muss die Sache vom Tisch sein.

Und am Schluss gibt es noch eine kleine Genugtuung für ihn: Karolina kriegt 200 Euro Ordnungsgeld aufge­brummt für unentschuldigtes Fern­bleiben. Und die dadurch entstande­nen Verfahrenskosten muss sie auch tragen. Ha!

Janni schnappt sich schnell den Buggy und schiebt ab. Gerichtssäle sind halt keine Orte für Kinder. Auch nicht für aufgeweckte kleine Burschen.