Messer im Kopf

Von Dieter A. Graber

HANAU. Herr S. betritt den Gerichts­saal wie ein scheues Tier, das Gefahr wittert. Ängstlich blickt er sich um. Die Augen in dem staubgrauen, hage­ren Gesicht sind dunkel gerändert, ein strähniger Haarkranz umzieht den fast kahlen Schädel. Hinten im Saal sitzen seine Brüder, ein Umstand, der ihn mit Hoffnung zu erfüllen scheint. Aber auf was könnte Herr S. noch hoffen nach diesem elenden Leben, das er, von heute, von dieser Anklage­bank aus betrachtet, seit mehr als fünfzehn Jahren führt?

Martik S. ist siebenunddreißig und rein äußerlich und psychisch ein Wrack. Das blaue, karierte Hemd hängt ihm traurig über den mageren Leib; mit einseinundsiebzig wird seine Größe in einem der Gutachten ange­geben, mit 64 Kilo sein Gewicht, das sagt ja schon einiges über den Zustand dieses Angeklagten. Herr S. hat einen Menschen beinahe umge­bracht. Er hat ihm ein Messer in die Schläfe gerammt, aber der andere kam mit einem offenen Schädel-Hirn-Trauma davon. Der andere war ein Drogenhändler, jedenfalls hat das die Polizei so ermittelt. Herr S. sein Kunde.

Es passierte im vergangenen Jahr auf einem Steg über die Kinzig, irgendwo hinterm Heinrich-Fischer-Bad, dort, wo sich zwischen den Türkischen Gärten und den Wohnklötzen an der Reichenberger Straße ein verstecktes Stück Naturidylle entlang zieht. Sie waren da verabredet gewesen. Martik S. brauchte mal wieder Stoff. Das war häufig der Fall. Der andere, ein poli­zeibekannter Dealer namens Walde­mar K., kam angeradelt. Es gab Streit. Dann ist es passiert. Mitten auf der Brücke.

Herr S. versucht sich an einer Erklä­rung. Sie klingt etwas lau. „Ich habe ihn verwechselt. Ich sah einen ande­ren in ihm. Ich habe Stimmen gehört …“ Ja, diese Stimmen. Immer wieder tauchten sie in seinem Kopf auf, um ihn zu verwirren. In den Gesichtern anderer Menschen sähe er bisweilen Monsterfratzen. Sich selbst erkenne er wieder in Figuren aus dem amerikani­schen Horrorfilm „Predator“, berich­tete er dem Gutachter Said Hooboty Fard aus Hanau, der ihn nach der Tat in der Psychiatrie zu Haina explo­rierte. Dort haben sie ihn einstweilen zwischengeparkt. Heute soll die 1. Große Strafkammer über sein weiteres Schicksal entscheiden. Die Staatsan­waltschaft will ihn in einem psychiat­rischen Krankenhaus unterbringen lassen (Paragraph 63 StPO). „Maßre­gelvollzug“ heißt das.

Seine beiden Brüder erzählen über ihn. Die Familie stammt aus Teheran. Nach und nach haben alle den Iran verlassen; Martik, der Jüngste, folgte als Letzter im Jahr 2001 in die Bundesrepublik, aber im Ge­gensatz zu den anderen, die ordentli­che Berufe lernten, sogar ein kleines Un­ternehmen gründeten, kriegte er die Kurve einfach nicht. Schon in seiner Heimat war er auf Droge gewesen. Im Land der Mullahs gibt es schätzungsweise 391.000 Süchtige. Heroin, Haschisch, Opium. Und das trotz dra­konischer Sanktionen; auf Rausch­gifthandel steht der Tod.

Richter Peter Graßmück verliest Martiks Vorstrafenregister. Diebstähle jede Menge. Beschaffungskriminalität halt. Klau im Laden. Meist kam er mit Bewährung davon, mal musste er aber auch einrücken, zuletzt sprach ihn eine Amtsrichterin jedoch wegen Schuldunfähigkeit frei. „Paranoide Schizophrenie“ heißt es. Seine Anwäl­tin, die engagierte Frankfurter Straf­rechtlerin Michaela Roth, möchte um den Paragraphen 63 herum kommen. Der findet Anwendung, wenn der Täter zwar wegen seelischer Störung als schuldunfähig gilt, von ihm aber „infolge seines Zustandes erhebliche rechtswidrige Taten … zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist“. Es könnte dann aber auch geschehen, dass Herr S. viele Jahre, vielleicht so­gar den Rest seines Lebens hinter den Gittern der Psychiatrie verbringen muss. Der Gutachter spricht sich da­für aus. Er attestiert dem Angeklagten „eine krankhafte seelische Störung“, „eine dissoziale Persönlichkeit“ und „eine niedrige Gewaltschwelle“.

Waldemar K. ist ein Lulatsch im schwarzen Trainingsanzug und das, was man einen „Kotzbrocken“ nennt. Rüpelhaft flegelt er auf dem Zeugen­stuhl. „Diese Ratte hat mich verletzt!“ knurrt er. Der Vorsitzende weist ihn zurecht. Der Zeuge springt auf, stößt wirre Anschuldigungen gegen den Angeklagten aus, schimpft: „Macht nur weiter so in Deutschland …“ Er hat einen osteuropäischen Akzent. Richter Graßmück setzt ihn vor die Tür. Mitleid mit diesem Opfer zu ha­ben fällt einem doch sehr schwer.

Die Kammer macht sich ihre Ent­scheidung nicht leicht. Vielleicht seien die Halluzinationen, die Stimmen im Kopf ja doch nur einer Taktik ge­schuldet, sagt der Vorsitzende. Er will noch eine weitere Zeugin hören, eine Ärztin aus Haina. Der Fall wird vor­erst vertragt.

Sie würden weiter zu ihm halten, sa­gen die Brüder. Die Drogen seien schuld. Hätten ihn krank gemacht im Kopf. Die beiden haben viel für ihn getan, ihn von der Straße geholt, als er obdachlos war, ihn durchgefüttert, ihm immer wieder Geld zugesteckt. Das sei man seinem kleinen Bruder doch schuldig. Oder etwa nicht?