Mob lässt Prozess platzen

Vorbild El Patrón: Escobar nach seiner ersten Festnahme. Er regelte das Verfahren auf seine Weise: Nachdem zwei Belastungszeugen plötzlich „verstorben“ waren, wurde der Fall eingestellt. Foto: Polizei Medellin

Von Dieter A. Graber

HANAU. Angeklagt sind vier junge Leute, unter ihnen Ali Ö., 19 Jahre, ein jugendli­cher Intensivtäter. Es geht um Kör­perverletzung, und zwar um eine der härteren Art. Die Tat geschah vor gut einem Jahr im Schlossgarten. Nach bisherigen Ermittlungen wollte ein Passant einem Mädchen zu Hilfe kommen, dass durch einen Fußtritt attackiert worden war. Daraufhin wurde er von einer größeren Gruppe, darunter die Angeklagten, zusam­mengeschlagen: Er erlitt eine Nasen­bein- sowie eine Jochbeinfraktur und verlor mehrere Zähne.

Es gibt Zeugen des Vorfalls. Sie haben bei der Polizei ausgesagt und müssen dies nun auch vor dem Jugendschöf­fengericht tun. Auf seltsame Weise unterscheidet sich ihre jetzige Dar­stellung erheblich von der damaligen. Es heißt, sie seien vorher auf dem Ge­richtsflur „angesprochen“ worden. Das Publikum hinten im Zuschauer­raum von Saal 19 rekrutiert sich aus Parteigängern der Angeklagten. Es ist ein Kommen und Gehen während der Verhandlung, ein dauerndes Stören, es gibt Palaver und hämische Bemerkungen. Es sollen auch Fotos mit Mobiltelefonen gemacht worden sein. Jugendrichter Vetter ist bemüht, der Verhandlung zumindest den An­schein von Gerichtswürde zu verlei­hen. Aber es sieht so aus, als habe die Straße das Hausrecht übernommen. Die Vertreterin der Jugendgerichts­hilfe konstatiert „schädliche Neigun­gen“ bei Ali Ö.; das ist ein anderes Wort für Anlage- oder Erziehungs­mängel und bedeutet, dass er ver­mutlich weiterhin Straftaten von er­heblichem Gewicht begehen wird. Ei­gentlich müsste der Angeklagte nun die vielzitierte „volle Härte des Geset­zes“ zu spüren bekommen. Gleich­wohl spricht sie sich in ihrem Bericht nicht für die Verhängung einer unbedingten Jugendstrafe aus. Gnade vor Recht also? Mal wieder?

Pablo Emilio Escobar galt als der rück­sichtsloseste Drogenhändler aller Zei­ten. Der Chef des kolumbianischen Medellín-Kartells soll Aufträge für mehrere Tausend Morde gegeben haben. Wie es heißt, hat sich eine Gruppe Jugendlicher aus Hanau, die meisten mit Migrationshintergrund, El Patrón zum Vorbild erkoren. Sie nennen sich die Pablo-Escobar-Bande. Auch Ali Ö. soll dazu gehören. Anfang März rotteten sie sich im Ha­nauer Schlossgarten zusammen, um Raufhändel vom Zaun zu brechen. Insgesamt 150 junge Leute, unbegleitete minderjährige Flücht­linge aus Afghanistan einerseits, orts­ansässige Jugendliche, vorwiegend mit türkischen Wurzeln, andererseits, sind zur Massenschlägerei angetreten. Die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, die Hitzköpfe auseinander zu halten. Eine Woche später: Gelnhau­sen. Der Mob unternimmt einen Ausflug von Hanau in die Kreisstadt, Leibesübungen vor dem Bahnhof inklusive. Mit Stöcken und Fla­schen gehen Zugereiste auf Einhei­mische los. Revierkämpfe.

So auch vor dem Hanau Forum. Abends gerät hier ein Spaziergänger zwischen die Fronten und wird er­heblich verletzt. Die Staatsanwalt­schaft ermittelt wegen diverser De­likte, so Körperverletzung und Landfrie­densbruch. Ali Ö. und die Pablo-Esco­bar-Verehrer sind mit von der Partie. Der Freiheitsplatz gilt inzwischen als High-Crime-Area. Einmal werden hier zwei Jugendliche von sechs anderen verprügelt. Platzwunden und eine Gesichtsfraktur sind das Ergebnis.

Nun also auch subtile Gewalt im Gericht. Es ist eine neue Dimension. Es ist das Ergebnis einer Recht­sprechung, die mit dem Instrument des Jugendstrafrechts zwar einen pä­dagogischen Auftrag wahrnimmt, in Wirklichkeit aber nicht erzieht, son­dern mit vorauseilender Güte die Jus­tiz der Lächerlichkeit preisgibt.

Die Staatsanwaltschaft hat die Polizei beauftragt, die Vorgänge in Saal 19 und davor aufzuklären. „Wir prüfen, ob es im Rahmen der Tumulte mögli­cherweise zu neuen Straftaten ge­kommen ist“, sagt Oberstaatsanwalt Dominik  Mies. Zumindest die erste Runde geht an die Entourage von Ali Ö.: Richter Vetter beschließt, das Verfahren auszusetzen.

Vielleicht wollen sie wirklich nur Gangsta sein, die Jungs in Jogginghosen und Kapuzenpullovern, nichts weiter: eine romantisierende Vorstellung von Männlichkeit tritt da zutage, wie sie den Werten anderer Kulturkreise geschuldet ist. Deshalb die Verehrung von Pablo Escobar, genannt El Patrón. Der begann seine kriminelle Laufbahn mit dreizehn, mit vierundvierzig wurde er bei einer Razzia in Medellín erschos­sen.