Mord & Co. im neuen Jahr

Von Dieter A. Graber

HANAU. Nanu, was war denn das? Da staunte der juristische Laie, und selbst die Herrschaften in den schwarzen Roben wun­derten sich. Im Volkemord­pro­zess wartete die Staatsanwalt­schaft mit einer tak­tischen Posse auf, die offenbar dazu dienen sollte, ein sich ab­zeichnendes Debakel hinauszu­zögern.

In der letzten Sitzung vor einer dreiwöchigen Verhandlungs­pause stellte die Verteidigung von Banu D. erwartungsgemäß den Antrag, den Haftbefehl ge­gen ihre Mandantin aufzuheben.  Banu D. ist Mutter von zwei kleinen Kindern. Sie befindet sich seit über einem Jahr in Untersuchungshaft. Staatsanwalt Mathias Pleuser hatte sie im De­zember 2016 als „Ersatzange­klagte“ nachnominiert, weil klar geworden war, dass sich Lutz H., ihrem ehemaligen Lebensgefähr­tin, der Mord an Jürgen Volke nicht würde nachweisen lassen. Seither sitzt Banu D. in der Jus­tizvollzugsanstalt Frankfurt III. Aber weder wussten die Ver­deckten Ermittler Ayse und Errol schwerwiegend Belastendes ge­gen sie ins Feld zu führen, noch gaben die heimlich aufgezeich­neten Telefonate, die sie mit Lutz H. und ihrem Bekannten Cengiz G. geführt hatte, etwas her.

Folge: Die Anklage liegt in den letzten Zügen. Da mussten schon mal Deutungen herhalten, die ei­ner Handleserin mit drei Wochen Jahrmarkterfahrung zur Ehre ge­reicht hätten. So wurde zum Bei­spiel in den Satz von Cengiz G.: „Da wollten wir mal was heim­lich machen [gemeint war das Tête-à-Tête am späten Abend des 7. September 2013, d. Verf.], und dann geht das bis Hanau …“ der „Beweis“ hineininterpretiert, die bei­den hätten sich zur Tatzeit in der Gallien­straße aufgehalten.

Nun also der Antrag der Vertei­diger Fuchs (Frankfurt) und Küster (Wiesbaden). Seltsamer­weise schwänzte Pleuser ausge­rechnet diesen Verhandlungstag – angeblich urlaubshalber. Er ließ sich zunächst von der jungen Staatsanwältin S. vertreten, spä­ter dann von seinem Kollegen Joachim Böhn. Der ist zweifellos ein erfahrener Vertreter seiner Behörde, als Jurist brillant. Zur Überraschung selbst der Kammer (Vorsitzender Graßmück: „Sie werden sicher keine Stellung­nahme für die Staatsanwaltschaft abgeben können …“) beantragte Böhn spontan die Fortdauer der Unter­suchungs­haft! Nachtigall …

Pikant nebenbei: Laut Dienstplan hätte an diesem Tag ein anderer Staatsanwalt den Bereitschafts- und Sitzungsdienst gehabt. Es sieht folglich aus, als sei Böhn an die Front geschickt worden, um einen Antrag einzubringen, den Pleuser mit seiner „aus dem In­begriff der [über vierzigtägigen] Hauptverhandlung geschöpften Erkenntnis“, wie Juristen das gerne umständlich formulieren, guten Gewissens gar nicht ernst­haft mehr hätte stellen können.  Das Gericht will über die Freilas­sung der Banu D. in den nächsten Tagen entscheiden.*

Apropos: Auf eine Entscheidung der 1. Großen Strafkammer war­tet gespannt auch Oberstaatsan­walt Dominik Mies. Es geht um seine Anklage gegen Sylvia D. wegen Mordes. Es ist ein Fall mit internationaler Ausstrahlung – sollte er denn tatsächlich zur Verhandlung kommen. Das aber ist noch fraglich. Das Gericht muss die Anklage zu­lassen.

Der Fall liegt 29 Jahre zurück. Am 17. August 1988 soll Sylvia D., inzwischen über siebzig, den damals vierjährigen Jan „aus niedrigen Beweggründen und grausam getötet“ haben, „indem sie den in ein Badezimmer zum Mittagsschlaf gelegten und in einem Leinensack bis über den Kopf eingeschnürten Jungen seinem Schicksal überließ, ob­wohl sie dessen Panik auf­grund seiner intensiven Schreie wahrgenommen hatte. In diesem Leinensack verstarb das Kind.“ So die Staatsanwaltschaft. Eine bizarre Geschichte: Jans Eltern hatten sich der Grup­pierung um Sylvia D. und ihren Mann Walter, einen ehemaligen Metho­distenpastor, angeschlos­sen. Von einer „Sekte“ ist die Rede, in der Kin­der ruhig gestellt worden seien, indem man sie „in Säcke ge­packt, zuge­schnürt und umwi­ckelt“ habe. Sylvia D. soll Jan unter anderem als „Schwein“ und „Re­inkarnation Hitlers“ bezeich­net haben. Er sei „von den Dunk­len besessen“. Später grün­deten Walter und Sylvia D. in Hanau ein erfolgreiches Medi­enunter­neh­men. Mitar­beiter wei­sen die Sektenan­schul­digungen ent­schieden zu­rück, sprechen von einer „Ruf­mord­kampagne“.

Problem der Strafverfolger: Mies kann in diesem Fall nur noch „Mord“ anklagen (mit „lebens­lang“ bedroht); alle anderen in Frage kommenden Delikte wie Totschlag (Mindeststrafe fünf Jahre) oder Körperverletzung mit Todesfolge (drei Jahre) wären verjährt.

Weitere große Prozesse im Landgericht: Das Urteil gegen den ehemaligen Hanauer Rechts­anwalt Dirk M. wird für den 9. Februar (10 Uhr) erwartet. Er soll seine Frau Petra mit Spiritus übergossen und angezündet ha­ben. Sie starb Tage später qual­voll. „Es war Mord“, sagt Ober­staatsanwalt Mies auch in diesem Fall. Es sieht nicht gut aus für den Angeklagten. Viele Indizien sprechen gegen ihn. Vor allem soll er seine alkoholkranke Frau schon früher schwer misshandelt haben. Die Plädoyers der Vertei­diger Matthias Reuter (Hanau) und Catrin Runge (Frankfurt) werden mit Spannung erwartet.

Vorerst bis zum 16. März termi­niert ist der zweite Klockprozess. Haben Klaus-Dieter B. und sein Sohn Claus Piere ihre Vermieter auf der Main River Ranch in Maintal ermordet – oder war es Notwehr, wie das erste Urteil seinerzeit lautete? Bisher sieht es nicht aus, als würde die 2. Große Strafkammer zu einem anderen Ergebnis kommen, auch wenn die Nebenklageanwälte mit al­lerlei juristischen Kapriolen das Verfahren herumzureißen versu­chen.

Noch etwas? Richtig: Das Ta­bakverfahren – Sie erinnern sich? – strebt seinem Ende zu. Von einst einundzwanzig Angeklag­ten, die in großem Stil Tabak ge­schmuggelt, gefälschte Marl­boro-Zigaretten vertrieben und über zwanzig Millionen Euro an Steuern hinterzogen haben sol­len, sind nach 138 Prozesstagen noch fünf übrig. Aus Kosten­gründen wird nun wieder im Jus­tizgebäude verhandelt. Weitere „Geständnisse“ sind angekün­digt. Richter Andreas Weiß hofft, die Sache bis Ostern abgeschlos­sen zu haben.

*Staatsanwalt Pleuser erklärt, er habe seinen an diesem Tag, dem 22. Dezember, beginnenden Urlaub schon länger geplant gehabt.

Oberstaatsanwalt Mies beteuert, es habe vorher keine Absprache gegeben! Vielmehr sei es so gewesen, dass Joachim Böhn an diesem Nachmittag kurzerhand für die junge Staatsanwältin S. eingesprungen sei, weil diese ihren Zug nach Hause noch habe kriegen wollen.

Staatsanwalt Böhn sagt, er sei von dem Antrag auf Haftverschonung überrascht worden, habe die Fortsetzung der U-Haft lediglich deshalb beantragt, weil sich in der kurzen Zeit, die er an der Verhandlung teilnahm, nichts wesentlich Neues im Hinblick auf die Beweislage  ergeben hätte.