Mordprozess Volke: Gericht vor Ort

Tatort Gallienstraße 18 (Pfeil links). Nach den Schüssen will der Zeuge Manuel N. (21) aus seinem Badezimmerfenster (roter Kreis rechts) eine Person auf der Straße wegrennen gesehen haben (gestrichelter gelber Pfeil): „Ein blonder junger Mann. Er trug eine helle Kapuzenjacke.“ Die Polizei hält seine Angaben aber für nicht glaubwürdig. ©GoogleEarth/Graber

HANAU (dig). Es ist der 7. September 2013, 23.30 Uhr. Ulrike Volke hat sich bereits zu Bett begeben. Das Schlafzimmer befindet sich im Souterrain des Reihenhauses. Ihr Mann Jürgen ist im Wohnzimmer (Erdgeschoss) vorm Fernseher auf dem Sofa eingeschlafen. Sie kann sein Schnarchen hören. Die Tür des Schlafzimmers ist halb geöffnet, die zum rückwärtigen Garten verschlossen. Hanau feiert das Bürgerfest. Sohn Lars, damals achtzehn, ist noch nicht zuhause; die anderen drei Kinder des Ehepaars sind in ihren Zimmern. Als Zeugin sagt Ulrike Volke aus: „Es klingelte. Ich hörte, wie mein Mann den Schlüsselbund aus der Küche holte und zur Tür ging. Dann ein Schlag!“ Keine Schüsse, sagt sie, kein Knall – vielmehr „ein Schlag!“ (Nachbarn allerdings haben die Schüsse gehört und alarmieren die Polizei.)

Frau Volke hetzt nach oben. Ihr Mann liegt auf den Fliesen im Flur, Blutspritzer auf dem Gesicht. Sie glaubt, er sei gestürzt und habe sich dabei an der Garderobe verletzt. Auch noch, als sie das Blut sieht, das unter dem T-Shirt hervor quillt, denkt sie an einen häuslichen Unfall. Sie versucht, es mit Geschirrtüchern zu stillen. Sie ist gelernte Arzthelferin. Erst der Notarzt wird die Schussverletzungen feststellen.

Da ist die Sache mit dem verformten Haustürschlüssel. Der Bart ist seltsam abgewinkelt. Sie kann sich das nicht erklären. Als sie den Schlüsselbund am Abend wie üblich in der Küche deponierte, war er noch heil gewesen. Vielleicht wurde Jürgen Volke just in dem Moment von den Kugeln niedergestreckt, als er ihn nichtsahnend ins Türschloss steckte, und er hat ihn beim Sturz verbogen.

Ortstermin via Google Earth in Saal 215. Auf den großen Gerichtsmonitoren sind die Häuser zu sehen, die Straßen, Sträucher und Hecken. Es ist eine gute Hanauer Gegend, die Gallienstraße, vielleicht keine erste Adresse, aber doch ruhig und von einer gewissen bürgerlichen Vornehmheit. Dereinst stand hier die Maschinenbaufabrik der Familie. Es sind die frühen 60-er Jahre. Wirtschaftswunderzeit. Man ist wohlhabend und zeigt es gerne. Der Vater, von Hause aus Arzt und Präsident des Landesjagdverbandes Hessen, nimmt seine Söhne früh mit ins Revier. Die Pirsch ist Ulrikes Sache nicht; sie liebt Pferde, ist lieber mit der Kutsche unterwegs. Ihr Bruder Lutz aber schießt gerne. Zunächst mit Vaters Waffen. Die Zeugin erinnert sich an dessen umfangreiche Sammlung: Eine silberbeschlagene Schrotflinte, einen Revolver Smith  & Wesson, einen „Damenrevolver“, eine Walther PPK, Zwillings- und Drillingsflinten … Sogar von einer Maschinenpistole ist die Rede.

Das Haus hat einen kleinen Garten mit Hortensien, einem Holzzaun, einem Quellstein. Er grenzt an eine Sackgasse. Einsam ist es hier, erst recht des nachts. Von dort könne man, erklärt Frau Volke, bei offener Jalousie ins Wohnzimmer schauen. Da hätte einer auch das spätere Opfer sehen können, auf dem Sofa liegend. Das Licht war ja an. Eine kleine Lampe. Freilich muss sich einer auskennen. Vorn an der Tür gibt es einen Bewegungsmelder, der die Beleuchtung einschaltet. Da ließe sich durch den geriffelten gläsernen Türeinsatz erkennen, wer draußen steht. Und von außen, wer drinnen öffnet. Wie gesagt: Wenn sich einer auskennt …

Das Haus Nr. 16 nebenan war mal die Adresse eines Swinger-Clubs. Es sei bisweilen vorgekommen, dass sich Leute in der Tür geirrt hätten, erzählt die Zeugin. Aber das ist viele Jahre her. Unwahrscheinlich, dass dies eine Spur sein könnte.

Das Gericht zunächst weitere fünfzehn Verhandlungstage anberaumt. Die Termine: Donnerstag, 24. November, 9 Uhr und 17 Uhr (Gallienstraße 18, Hanau), Donnerstag, 1. Dezember, 9 Uhr, Freitag, 2. Dezember, 10 Uhr, Donnerstag, 08. Dezember, 9 Uhr, Freitag, 9. Dezember, 10 Uhr, Dienstag, 13. Dezember, 9 Uhr, Donnerstag, 15. Dezember, 9 Uhr, Freitag, 16. Dezember, 10 Uhr, Donnerstag, 12. Dezember, 9 Uhr, Dienstag, 24. Januar, 9 Uhr, Donnerstag, 26. Januar, 11 Uhr, Freitag, 03. Februar, 10 Uhr, Freitag, 10. Februar, 11.30 Uhr und Freitag, 17. Februar, 10 Uhr (eventuell Urteilsverkündung).

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