Mordprozess Volke: Lügen, Geld und Waffenliebe

Unter Mordverdacht: Lutz H. beim Prozessauftakt mit seinem Verteidiger von Dahlen. Foto: Graber
Durch die Tür erschossen: Mordopfer Jürgen Volke. Foto: Polizei

Von Dieter A. Graber

Die Anklage (wird von Staatsanwalt Mathias Pleuser vertreten): Danach begab sich Lutz H. am 7. September 2013 zur Wohnung der Volkes in der Hanauer Gallienstraße 18. Er wollte seinen Schwager „aus Rache“ töten. Hintergrund war eine erbrechtliche Zivilklage. Er klingelte. Als er die Gestalt  seines Schwagers schemenhaft hinter der Glastür sah, schoss er vier Mal. Die Waffe: Eine Pistole Browning Kal. 7.65. Volke wurde im Arm und zweimal im Bauch getroffen. Er verstarb um 0.31 Uhr. Am Nachmittag hatte Volke mit seiner jüngsten Tochter noch ein Schlauchbootrennen besucht.

Im August 2014 wurde in der Fernsehsendung Aktenzeichen XY ungelöst über den Fall berichtet. Zu der Zeit aber hatten Polizei und Staatsanwaltschaft längst einen Mann im Visier: Lutz H. (heute 52), der Schwager Volkes. Sein mögliches Motiv: Rache. Zu einem Haftbefehl reichte es jedoch nicht. Aber es wurde weiter ermittelt.

Nach der Tat war Lutz H. mit seiner Lebensgefährtin (30) nach Gmünd in Kärnten verzogen. Im April dieses Jahres konnte er in Österreich verhaftet werden, nachdem die in Hanau verwendete Tatwaffe bei ihm aufgetaucht war. Er hatte sie einem verdeckten Ermittler zum Kauf angeboten. „Wir gingen davon aus, dass er sich inzwischen relativ sicher vor den Ermittlungsbehörden glaubte“, so Oberstaatsanwalt Heinze.

Hintergrund sollen langjährige familiäre Zerwürfnisse gewesen sein, in deren Verlauf das Opfer seine Ehefrau – die Schwester von Lutz H. – zu einer erbrechtlichen Zivilklage gegen ihn veranlasste, wodurch seine wirtschaftliche Existenz gefährdet worden wäre.

Der Ohrenzeuge: In der Tatnacht hörte Manuel N. (21), der bei seinen Eltern in der Gallienstraße neben den Volkes wohnt, „mehrere Schüsse. Vier bis fünf, direkt hintereinander. Ich öffnete das Badezimmerfenster. Auf der Straße sah ich jemanden weglaufen. Ein blonder junger Mann. Er trug eine helle Kapuzenjacke.“ Das Gesicht habe er jedoch nicht zu erkennen vermocht. Richter Peter Graßmück: „Woran machen Sie fest, dass er jung war?“ – „Weil er so flott unterwegs war.“ In seiner Tasche habe er „irgendetwas Schwarzes“ gehabt. Näheres vermag der Zeuge heute nicht mehr zu sagen.

Verteidiger Andreas von Dahlen: „Sind Sie sicher, dass es eine männliche Person war?“ – „Ja, das habe ich erkannt.“ – „Woran?“ – An den Haaren, dem Körperbau.“ Verteidiger von Dahlen regt an, mit Manuel N. einen Ortstermin – „bei gleichen Lichtverhältnissen“ – anzuberaumen.

Der Angeklagte: Lutz H. (52) trägt einen hellgrünen Trachtenjanker. Er ist groß und schlank, hat blaue Augen, ein ernstes, kantiges Gesicht und lockiges, kurzes, graues Haar. Gelegentlich schiebt er eine Lesebrille auf die Nasenspitze. Aufmerksam verfolgt er das Prozessgeschehen. Zur Sache will er keine Angaben machen.  Zuletzt lebte er, getrennt von seiner Ehefrau, in Österreich (wo er auch festgenommen wurde). Sie verfolgt den Prozess im Zuschauerraum.

Lutz H. kam als jüngstes von vier Kindern zur Welt. Schon als kleiner Junge nahm ihn der Großvater mit auf die Pirsch in die Wälder um Klein-Auheim und Hainstadt. Eine jagdbegeisterte Familie, in der Waffen allgegenwärtig waren. „Als er in die Schule kam, hatte er schon seinen ersten Fasan geschossen“, erinnert sich die Schwester. Die Jagd wurde sein großes Hobby. Vor allem das Schießen …  Ein Waffennarr. In Österreich, wohin er mit seinen Eltern in den frühen 80er Jahren gezogen war, habe er sich einen Spaß daraus gemacht, auf Straßenschilder zu ballern, berichtet die Schwester.

Er jobbte später als Pharmavertreter (Blutdrucksenker, Anti-Baby-Pillen, sein ganzer Keller sei voll Medikamente gewesen, erinnert sich die Schwester), verdiente zunächst gut, lebte aber stets auf großem Fuß: Da war schon mal ein Trip mit der Gattin nach Rio drin. Er unternahm Jagdausflüge nach Ungarn, Schweden. Und es gab Alkoholexzesse – und zumindest einen Verkehrsunfall im Rausch. Er pachtete eine Luxusjagd im Westerwald, fuhr gern große Autos. Später war er arbeitslos. 2012 brannte sein Anwesen in Österreich ab.

Das Opfer: Jürgen Volke hatte seine spätere Frau Ulrike 1981 kennengelernt; aus Freundschaft war damals Liebe geworden. Zunächst hatte Volke als Fahrer bei einer Spedition gearbeitet, sich dann in der Firma hochgearbeitet bis zum Prokuristen und das kleine Unternehmen im Jahr 2010 sogar übernommen. Finanziell ging es der Familie gut. Das Ehepaar engagierte sich im Elternbeirat. Volke gehörte, ebenso wie sein Schwiegervater, einer schlagenden Verbindung (Frankonia) an.

Die Ehefrau: Ulrike Volke (57) entstammt einer wohlhabenden Familie. „Es war immer Geld da“, erinnert sie sich. Der Vater besaß dereinst eine Maschinenfabrik, die er 1980 verkaufte, um fortan als Privatier ein sorgenfreies Leben zu führen. Den Erlös legte er in Österreich an, wo er auch eine Immobilie erwarb. Im Zeugenstand belastet sie ihren Bruder schwer. Die gelernte Arzthelferin ist Nebenklägerin, ebenso wie ihre vier Kinder Björn (24), Lars (22), Nils (20) und Kim (16). Zunächst habe sie ein gutes Verhältnis zu ihrem Bruder Lutz gehabt, berichtet sie im Zeugenstand, das sich jedoch nach dem Tod des Vaters rapide verschlechterte.

Frau Volke nennt ihren Bruder „einen aggressiven Choleriker“. Sie berichtet von seinem Hang zum Alkohol. Sein Leben sei auf Lügen aufgebaut. So habe er sich zum Beispiel als Arzt ausgegeben und auch sein Abiturzeugnis gefälscht, angeblich erworben auf der Otto-Hahn-Schule in Hanau.

– Dieses  Zeugnis könnte in dem Fall noch eine Rolle spielen. Ist es der „Beweis“, den Jürgen Volke im Erbstreitprozess gegen seinen Schwager verwenden wollte? –

Auch sein Studium in Insbruck – angeblich frei erfunden, so die Schwester. Obwohl er lange Zeit arbeitslos gewesen sei, habe er sich jedes Jahr in Afrika auf Großwildjagd begeben. Von Schreiereien berichtet sie, von „Gemeinheiten“: Einmal habe er aus Spaß seine Hunde auf die Hasen ihrer Kinder gehetzt, wegen Kleinigkeiten sei er ausgerastet. Damals wohnten die Familien noch in Hanau unter einem Dach. Am Schluss, berichtet sie, habe sie Angst vor ihm gehabt, vor seiner Gewalt.

Der Erbstreit: Unklar ist, wieviel aus dem Vermögen der Eltern am Ende noch übrig war. Von mindestens 240.000 Euro ist die Rede: Schmuck, Immobilien, Antiquitäten, Jagdwaffen, ein Nummernkonto, Goldbarren. In Österreich besaß die Familie ein Haus. Es dürfte, wenn das so zutrifft, um weitaus mehr gehen. Nach dem  Tod der Mutter soll Lutz H., der Kontovollmacht besaß, das Vermögen beiseite geschafft haben. Es gab mehrere einander widersprechende Testamente. Die Zwistigkeiten zwischen ihm und seiner Schwester spitzten sich zu und mündeten in einen langjährigen Zivilstreit. „Ich machte meinen Pflichtteil geltend“, erzählt sie. Das Oberlandesgericht Frankfurt schlug einen Vergleich vor – 40.000 Euro –, den Lutz H. aber ablehnte. Kurz vor seinem Tod habe Jürgen Volke angekündigt, die „Lügen und Machenschaften“ seines Schwagers in dem Verfahren aufzudecken. Seine Frau berichtet nun, sie habe Angst gehabt, ihr Bruder könne etwas gegen sie unternehmen. Einbrechen etwa (um das verräterische Zeugnis zu stehlen?).

Am 12. September 2013 fand die Verhandlung, in der es womöglich von Bedeutung hätte sein können, vor dem OLG statt. Da war Jürgen Volke bereits tot.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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