Mustafa ist dann mal weg

Von Dieter A. Graber

HANAU. Mustafa Horst M. hat bereits langjäh­rige Freiheitsstrafen wegen Verstö­ßen gegen das Betäubungsmittelge­setz ab­gesessen; einmal waren es drei, später sogar sechs Jahre. Weil er sich im Gefängnis gut führte, kam er nach Verbüßung der Hälfte, bzw. von zwei Dritteln der Strafe wieder auf freien Fuß.

Mustafa Horst M. besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Er ist 53 Jahre alt. Angeblich verdient er sein Geld im Altmetallhandel. Na ja – Geld: 700 Euro gab er mal als Monatseinkom­men an. 40.000 fahrende Sammler sind in Deutschland noch unterwegs. Aber das Schrottgeschäft ist schwierig geworden. Die Preise machen Sprünge wie Popcorn in der Pfanne. Im Sommer sind sie ohnehin im Kel­ler. Magere 215 Dollar gibt es zurzeit für aufbereiteten Stahlschrott zur Lieferung in die Türkei. Vor zwei Jah­ren war es nahezu das Doppelte. Und dann das neue Kreislaufwirtschafts­ge­setz mit seinen bürokratischen Hür­den – da ist der Drogenhandel deut­lich lukrativer. Für ein Kilo „Koks“ lassen sich locker 69.000 Euro erlö­sen.

Im September 2015 verkaufte Herr M. laut Anklage einem Kunden 0,53 Gramm Kokainzubereitung. Ein „klei­nes Geschäft“, sozusagen. Die Fahn­der hatten ihn aber schon länger im Auge und nahmen ihn fest. In seiner Wohnung stießen sie auf ein gut sor­tiertes Lager: zehn Gramm Kokain, 850 Gramm Marihuana, 150 Gramm Cannabisharz. „Mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren wird bestraft“, so heißt es in Paragraph 30a BtMG, wer beim Drogenhandel „eine Schusswaffe oder sonstige Gegen­stände mit sich führt, die ihrer Art nach zur Verletzung von Personen ge­eignet und bestimmt sind.“ Und nun wird’s sehr ernst für Herrn M.: In sei­nem Schlafzimmer fanden sich ein Schlagring und zwei Klappmesser, „zur Absicherung der Betäubungsmit­telgeschäfte“, wie die Staatsanwalt­schaft vermutet.

Kurz vor dem Prozess meldete sich Mustafa Horst M. in der Kanzlei sei­nes Pflichtverteidigers, des Hanauer Strafrechtlers Peter Müller, und er­klärte, der Termin müsse ausfallen. Er halte sich im Ausland auf und könne nicht erscheinen. Ein Mann, ein Wort: Die 2. große Strafkammer wartete vergeblich auf ihn. Ein wenig verlegen machte Anwalt Müller entsprechend Meldung. Sein Mandant habe sich üb­rigens auch noch nicht bei ihm bli­cken lassen. Die Polizei schaute dann mal vorbei in dem an einer ruhigen Erlen­seer Seitenstraße gelegenen Zweifa­milienhaus. Tatsächlich: aus­geflogen. Vielleicht ist er dem Schrott, also dem Handelsgut seiner bürgerlichen Pro­fession, gefolgt; die Türkei zählt zu den wichtigsten Ab­nehmern von Alt­metall. Und es könnte durchaus sein, dass im Ha­nauer Drogendezernat K 34 nun ein paar Beamte vor Wut in den Tisch beißen.

Ein Haftbefehl zur rechten Zeit hätte das möglicherweise verhindert. Staatsanwalt Tobias Wolf sagt, dazu habe er keinen Anlass gesehen, weil weder Verdunkelungs- noch Wieder­holungsgefahr bestanden hätten, die Voraussetzungen für eine solche „verfahrenssichernde Ermittlungs­maß­nahme“, wie es unter Juristen heißt. „Und Fluchtgefahr alleine reicht nicht“, sagt Wolf bedauernd, „der Mann hat ja immerhin einen fes­ten Wohnsitz.“ Außerdem lägen die Vor­strafen schon Jahrzehnte zurück. Er sei aber optimis­tisch, dass man seiner wieder habhaft werde: „Die meisten kriegen wir im europäischen Ausland ohnehin, und aus der Türkei wird er auch wieder nach Deutsch­land zu­rückkehren wol­len.“

Die Strafkammer unter Vorsitz von Richterin Susanne Wetzel hat nun ei­nen Haftbefehl ausgestellt. Damit könnte Mustafa Horst M. jederzeit festgenommen und eingeliefert wer­den …  – jederzeit? Nein, das nun auch wieder nicht. Frühestens ab dem 16. Januar, legte das Gericht fest. Weil doch bald Weihnachten sei. Und Richterin Wetzel in Urlaub …

Wäre ja nett, wenn der Angeklagte der Kammer mal eine Karte schicken würde. Und allerliebst, erschiene er zum festgelegten neuen Termin. Das ist der 6. Februar, 14 Uhr. Den kann sogar ein Langschläfer schaffen.