Nachbarschaft in guter Lage

Die oberen Zehntausend sind nur auf den ersten Blick stets fröhlich und können ganz schön massiv werden, wenn sie überzeugt sind, dass nebenan ein Verrückter wohnt. ©Capitol Records

Von Dieter A. Graber

NIDDERAU/HANAU. Das Haus trägt die Nr. 10 und steht in ei­ner ruhigen Straße am Rande von Nidderau, verborgen hinter ho­hen Bäumen inmitten eines ver­wilderten Gartens. Es ist ei­nes dieser Eigenheime, die bürgerli­che Vornehm­heit repräsentieren inmitten einer parzellierten Landschaft. Hier pflegt der Ra­sen stets gemäht, die Hecke ge­stutzt und das Wasser im blauge­fliesten Pool glasklar zu sein. Eine sogenannte „gute Lage“.

Am 7. November 2016 geschah hinter der leicht maroden Fassade von Nr. 10 ein Verbre­chen. Das Ehepaar E. von ge­genüber hat es als erste be­merkt: „Vier laute Schläge“, erinnert sich Frau E., die früher einmal Lehrerin war. „Jemand schrie: ,Du Sau, ich bring‘ dich um!‘ Aus unserem Badezimmerfens­ter sahen wir Licht im Flur. Und es war etwas auf dem Boden…“ Da muss Herr G., der Nachbar, der dort lag, schon tot gewesen sein, strangu­liert mit dem Kinn­riemen seines Motorradhelms. Es war 3.30 Uhr.

Markus G. ist ein schmaler, hoch aufgeschossener Mann, 44 Jahre alt. Das Haar ist lang und unge­pflegt, das Gesicht mit den trau­rigen Zügen der Spiegel einer kranken Seele. Seit seiner Kind­heit schon. Er war zwölf, als man es erstmals bemerkte. Ein in sich gekehr­ter, verschlossener Junge. Mit fünfzehn kriegte er die Diag­nose „Schizophrenie“. Er hörte Stimmen in seinem Kopf. Zu Kommissar S., der ihn in jener verhängnisvollen Nacht fest­nahm, droben in seinem Bett im ersten Stock, sagte er: „Ich hatte Streit mit meinem Vater. Er sagte schlimme Dinge. Da habe ich ihn geschlagen …“

Vater und Sohn, die einzigen Bewohner von Haus Nr. 10, das war eine Schicksalsgemein­schaft hinter einer Fassade spießiger Wohlhabenheit. Bei schönem Wetter saßen die beiden vorm Haus. Oder sie machten Aus­flüge. Bis zu ihrem Tod lebte die Oma noch mit ih­nen. Die Mut­ter? Weggezogen. Auch sie soll längst verstorben sein. Erimar G., 75, galt in der Nachbarschaft als schrulliger Autonarr. Der ehe­malige Chemiker hatte Vermö­gen. Angeblich besaß er mehrere lukrative Patente. In seiner Ga­rage stand eine teure Fahrzeug­flotte, ein Zwölf-Zylin­der-Mer­cedes etwa, ein BMW, ein VW-Bus. „Autos waren sein Lieb­lingsthema“, erinnert sich Herr E., der Mann von gegen­über. Über Markus, den Sohn, habe er hingegen selten ge­sprochen.

Das besorgten die Leute im Ort. Der sonderbare junge Mann lief bisweilen allein und verstört über die Felder. Er fuhr auch mal mit dem Bus. Es gab Gerüchte. Spä­ter, nach dem tragischen Tod des Erimar G., brachten Herr und Frau E. das alles zu Papier, was sie so auf­geschnappt hatten. Sie wählten den „großen Verteiler“ – Stadt­verwaltung, Landrat, Poli­zei, Oberstaatsanwalt Heinze. „Im ganzen Stadtteil ist bekannt …“ begannen sie und schrieben dann von Markus‘ „auffälligem Verhalten gegen­über Kindern …“ ebenso wie von seinen „gewaltsamen Übergriffen auf den Vater“, der „Helme überall im Haus ver­teilt“ gehabt habe aus Angst vor seinem aggressi­ven Sohn. Schließlich sei der ja schizophren, betont Frau E., die frü­here Lehrerin.

„Woher wissen Sie das?“ fragt Richter Graßmück. Frau E. druckst rum wie ein Pennäler, der beim Rauchen im Klo er­wischt wurde. „Muss ich das sagen?“ Sie muss. „Also gut … – es war …“ Der Doktor Soundso sei’s gewesen. „Einer der schlimmsten Fälle von Schizo­phrenie, die ich je erlebt habe“, soll er ihr anver­traut haben. Der betreffende Arzt dürfte kaum viele Fälle dieser psychi­schen Krankheit kennen, ist er doch Allgemeinmediziner in ei­nem Nachbarort, aber da­mals mochte halt jeder etwas zur Meinungsbildung in dieser Sache beitragen.

Ob er die „Übergriffe“ denn selbst gese­hen habe? fragt Richter Graß­mück den Zeugen. Nein, ant­wortet Herr E. kleinlaut. Und die Helme? „Davon weiß ich nur vom Hörensagen.“ „Se­xuelles Fehlverhalten gegen­über Kin­dern?“ Auch nichts weiter als Gerede.

Der Brief des Ehepaars E., von weiteren Nachbarn unterzeich­net, enthält ein Konglomerat an Ge­rüchten und bösartigem Dorf­klatsch, in den Stand von Tatsa­chen erhoben nicht zu­letzt durch die Be­hauptung eines Medizi­ners, der seine Schweigepflicht hand­habt wie der Paparazzo die Diskretion. Richterin Zeyß macht keinen Hehl aus ihrer Meinung. „Was Sie hier ge­schrieben haben, ist glatter Rufmord.“ Herr E. ist empört. Es ist die schlichte Empörung des Wohl­meinenden.

Die 1. Große Strafkammer muss nun klären, ob Markus G. für seine Tat verantwortlich ist. Seit­her  befindet er sich in der Psychiatrie zu Haina. Er könnte dort auf Dauer untergebracht werden.