Nachts beim Dealer des Vertrauens

Drogengeschichten: Ihre Kinder wissen Bescheid, aber sie werden Ihnen nichts erzählen. Deshalb lesen Sie’s hier!  Pulp-Magazin, USA 1953

Von Dieter A. Graber

HANAU. Alle nennen ihn „Olli“. Na­tür­lich hat er auch einen rich­tigen Na­men, aber den lassen wir mal uner­wähnt, weil Olli ein Opfer ist in dieser Geschichte, vielleicht ein nicht ganz unschuldiges, aber das kann man so ge­nau nicht sagen.

Es steht zu vermuten, dass Olli einen großen Teil seines Lebensweges auf der schattigen Straßenseite zurück­ge­legt hat, die bessere, sonnige ge­gen­über stets im Blick, aber für ihn uner­reichbar. Er ist klein von Sta­tur, zer­brechlich fast, 65 Jahre, mit stop­peli­gem Resthaarbewuchs, der sich vom Schädel nach vorn über die Wan­gen zum Kinn hinab zieht. Das kantige Gesicht spürt selten eine Ra­sierklinge. Warum auch? Olli verdient sich ein karges Zubrot zum Hartz 4 mit Arbeit, die Soziologen als „pre­käre Beschäfti­gung“ bezeichnen. Früh morgens raus bei Wind und Wetter und dann immer im Freien unter­wegs. Er lebt allein in einer kleinen Wohnung im Zentrum der Stadt. Kü­che, Bad, Wohnzimmer, Schlafnische hinterm Vorhang. Alles einfach, aber immer schön aufge­räumt. Und da ha­ben sie ihn überfal­len und ausgeraubt, den Olli, den ar­men Hund.

Landgericht, Saal 216. Giovanni und Andreas, zwei hoch aufgeschossene Burschen, schmal, kräftig, 29 und 27 Jahre alt, sitzen auf der Anklagebank. Sie sind gut zwei Köpfe größer als der Olli. In einer Julinacht vor drei Jahren be­schlossen sie, ihm einen „Besuch“ abzustatten. Deutschlands vierter Fußball-WM-Ti­tel war gerade ein paar Stunden alt. Die beiden hatten ge­meinsam mit Leyla und Ra­mona sowie einer Menge Bier, Jack Daniel’s, Kokain und Cannabis in Aschaffenburg das Siegtor von Mario Götze gefeiert. Dann ging ihnen der Stoff aus. Leyla schlug vor, Nachschub beim Dealer ihres Vertrauens zu besorgen. Gesagt, ge­tan. Sie fuhren zum Olli nach Ha­nau.

Laut Anklageschrift, die Staatsanwalt Joachim Böhn vorträgt, klingelte Leyla an der Tür. Sie hatte ihren Be­such vorher telefonisch angekündigt: „Ich komme zum Kaffeetrinken.“ Später wird sie sagen, dies sei das Stichwort für ein Drogengeschäft ge­wesen. Olli öffnet. Die Männer drän­gen sich in die Wohnung. Sie bear­beiten den Olli mit Fäusten und Trit­ten, einer feuert mit einer Luft­druck­pistole mehrere Diabolo-Kugeln auf ihn, als er bereits am Boden liegt. Dann türmen sie mit einem uralten Mobiltelefon, einem 50-Euro-Schein und zwei Päckchen Zigaretten. Nun, die Beute entspricht den Lebensver­hältnissen des Opfers. Sie ist beschei­den.

Giovanni und Andreas haben eine an­dere Version der Geschichte. Quasi eine diametrale. Mit den Worten: „Ihr habt doch noch mehr Geld dabei, her damit!“ und einem Messer in der Hand als „Überzeugungshilfe“ habe der Olli sie, zwei ahnungslose Kun­den, um ihre Barschaft, ein paar Hun­dert Euro übrigens, erleichtern wol­len. Es folgte das Übliche: Handge­menge, Kopfstoß, fliegende Fäuste; Giovanni kriegte einen Stich in den Daumen, blutete die Wohnung voll und auf der Flucht vermutlich auch das Treppenhaus. „Ich habe zuge­schlagen“, gibt sein Freund Andreas zu. „Ein- oder zweimal.“ Sozusagen in  Not­wehr. „Aber geschossen wurde nicht!“ Die beiden wollen dann zum Bahnhof gelaufen und mit dem Zug zurück nach Aschaffenburg gefahren sein. Und Leyla und Ramona? Die seien im Getümmel irgendwie verlo­ren gegangen, sagt Giovanni.

Olli ist aufgeregt. Wo wer genau ging, stand oder saß in je­nen kritischen Au­genblicken damals – wie soll er das heute noch wissen? Liegt ja schon ein paar Jahre zurück, das Ganze. Gio­vannis Verteidiger, der Straf­rechtler Jens Goymann, nimmt ihn in die Mangel. Olli kratzt mühsam seine Erinne­rungen zusammen und fertigt unbe­holfen eine Skizze an. Manchmal re­det er schneller als es die Worte aus seinem Mund heraus schaffen. Dann stottert er ein wenig, zappelt herum und wird wütend. Es stimme schon, dass er sich gelegentlich mal einen Joint gönne. Na und? Aber Drogen­handel? Nie und nimmer!

Ja, die Leyla. Lange kenne er sie schon. Ihre Sorgen habe er sich bis­weilen angehört, des Nachts, zum Bei­spiel damals, als ihr Kerl „eingefah­ren“ war und sie sich bei ihm aus­heulte. Ist halt ein gutmütiger Bur­sche, der Olli. Und tapfer obendrein. „Als ich auf dem Boden lag, gelang es mir, mein Messer aus der Tasche zu ziehen. Damit habe ich mich gewehrt. Sie sind dann ge­flüchtet. Ich rief ih­nen noch hinterher: ,Man sieht sich immer zweimal!‘“ Das wäre dann heute.

Leyla ist 21 Jahre, schlank, ein hüb­sches Ding mit langen, schwarzen Haaren und einem trotzigen Kinder­gesicht, zu dem die abgeklärte, leise Stimme so gar nicht passen will.  „Ich saß auf dem Sofa im Wohnzimmer. Plötzlich hörte ich Schüsse in der Kü­che und schaute nach.“ Giovanni habe die Waffe in der Hand gehabt, Olli auf dem Boden gelegen. Sie gibt zu, den 50-Euro-Schein gemopst zu haben. Sie wurde für die Tat bereits verur­teilt. Sie sitzt zurzeit eine Freiheits­strafe in der JVA III ab. Das ist der Frauenknast in Frankfurt. Ob es ein ge­planter Überfall auf Olli war? Nein, sagt sie. Irgendwie sei alles aus dem Ruder gelaufen. Ansonsten weiß sie wenig.

Mit der Tatwaffe hatte sie übrigens mal für ihr Facebookprofil posiert, als Killerlady oder sowas in der Art. Sie habe Gio­vanni gehört. Aus Ollis Kopf mussten die Ärzte mehrere Kugeln heraus puhlen, außerdem erlitt er Hämatome und eine Platzwunde.

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