Nicht irre genug

Von Dieter A. Graber

HANAU/GELNHAUSEN. Der Prozess hat Frau K. ver­ändert. Sie trägt eine neue Frisur – kürzer und ein bisschen lockig –, auf ihrem anfangs stets traurigen Gesicht erscheint nun ein Lächeln, als sie den Saal 215 betritt, und überhaupt strahlt sie deutlich mehr Ruhe und Gelas­senheit aus. Sylvia K. mag in den zu­rückliegenden fünf Verhandlungsta­gen erkannt haben, dass es der Kam­mer nicht nur um die Sanktionierung einer Tat geht, sondern um individuelle Gerech­tigkeit. Dies erfordert, per­sönliche Schuld abzuwägen vor dem Hinter­grund einer schicksalhaften Verstri­ckung, das Zusammenwirken zu ver­stehen von psychischer Stö­rung, De­pression, von Angst, Besitzan­spruch und Ent­täuschung. Nun hat das Landgericht sein Urteil über Sylvia K. gespro­chen: Sieben Jahre wegen Mordes und Ein­weisung in ein psychiatrisches Kran­kenhaus (dazu auch hier, hier, hier und hier).

Die Kammer kam zu dem Schluss, Sylvia K. habe sich zwar in einer Ausnahmesi­tuation befunden, sei aber durchaus „in der Lage gewesen, ihre Impulse zu steuern“, so Vorsitzender Peter Graß­mück. Damit schloss sie Para­graph 20 StGB, also Schuld­unfähig­keit, aus. Man könnte es so formulie­ren: Ihr Motiv (Eifersucht, Trennungsangst) war nicht irre genug, die Tat­handlung (zehn Messerstiche) nicht ausrei­chend überzo­gen, um sie vom Mordvorwurf freizuspre­chen.

Am 29. Dezember vergangenen Jah­res tötete Sylvia K., heute 53, ihren sieben Jahre jüngeren Lebensgefähr­ten Adem A. in der gemeinsamen Geln­häuser Wohnung. Eine heimtü­ckische Tat, ohne Frage: Er hatte ge­schlafen, ihr den Rücken zugekehrt. Das ist es, was Juristen mit „bewuss­tem Ausnut­zen der Arg- und Wehrlo­sigkeit des Opfers“ bezeichnen. Adem A. wollte sich von ihr trennen und zu sei­ner Ex-Frau zurückkehren. Zu diesem Zeit­punkt war das Le­ben der Produk­ti­onshelferin Sylvia K. ohnehin auf ei­nem Tiefpunkt angelangt: Sie fühlte sich am Arbeits­platz gemobbt, bildete sich ein, ihr Mobiltelefon werde ab­ge­hört, und zu allem Überfluss waren die Depressionen, unter de­nen sie schon seit Jahren litt, verstärkt wie­der aufgetreten. Ein un­tauglicher Sui­zid­versuch mit Tablet­ten am 15. De­zem­ber, also zwei Wochen vor der Tat, brachte sie in die Psychiat­rie, die sie, auch auf Drängen von Adem A. und gegen den Rat der Ärzte, wieder ver­ließ. In den folgenden Tagen eska­lierte die Situa­tion. Adem A. gab ihr zu verstehen, dass sie ausziehen müsse. Als sie auf seinem Smartphone auch noch liebessäuseln­de WhatsApp-Korres­pondenz ent­deckte, beschloss sie, wahrzumachen, was sie Monate zuvor einmal im Kreise seiner Familie – vielleicht noch im Spaß – angekündigt hatte: „Wenn er mich verlässt, bring ich ihn um!“ Sie stand in der Nacht auf, schloss heimlich das Zimmer ih­res Sohnes ab, um nicht ge­stört zu werden, holte ein Messer aus der Kü­che, kletterte wieder ins Bett und stach zu. Ein Stich öffnete die obere Hohlvene, Adem A. verblutet. Dann versuchte sie, sich mit einem Messer zu töten – und überlebte trotz hohen Blutverlustes auch diesmal.

Sylvia K. sagte während des gesamten Prozesses kein Wort, machte aber auch keinen Versuch, die Tat in Ab­rede zu stellen. Dies sei als Geständnis zu werten, erklärte Richter Graßmück. Übrigens hatte sie bereits anderntags sowohl einem Arzt als auch einem Polizeibeamten gegenüber das Verbrechen  eingeräumt.

Es ist ein juristisch einwandfreies, vor allem aber ein ausgewogenes Urteil. Damit dürften Sylvia K. und ihr Verteidiger Peter Oberländer, der Freispruch wegen Schuldunfähigkeit gefordert hatte, letztlich mehr als zufrieden sein. Syl­via K. wird die Haftstrafe gar nicht erst antreten müssen. Nach dem er­folgreichen Ab­schluss einer Therapie (worüber frei­lich die Ärzte entschei­den) kann sie  aus der Psychiatrie in eine betreute Wohneinrichtung um­ziehen. Viel­leicht schon nach etwas mehr als drei Jahren. Dann hätte sie – theoretisch, wohlgemerkt – die Hälfte ihrer Strafe verbüßt.

Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze, der zehn Jahre gefordert hatte, erklärte, keine Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen zu wollen.