Nur dissozial, mehr nicht

Von Dieter A. Graber

HANAU. Das Verfahren mit dem Ak­tenzeichen 51Ks 1140 Js 11929/16 ge­hört ins Lehrmaterial für ange­hende Juristen aufgenommen. Es zeigt die Stärke unseres Rechtssys­tems, die gleichzeitig eine Schwäche sein mag: Die Verpflichtung des Gerichts zum akri­bischen Forschen noch nach dem letzten Krümel Wahrheit in einem Wust wider­sprüchlicher Angaben. Koste es, was es wolle, möchte man hinzufügen, und teuer war dieser Pro­zess auf je­den Fall: Fünf Gutachter sind aufge­treten, vier allein zur Frage, ob der Angeklagte die Taten unter dem Ein­fluss einer eventuellen Dro­gensucht begangen habe. Nein, hat er nicht, be­fand die 5. Große Strafkam­mer nun und verurteilte ihn mit der Strenge des Gesetzes: Sieben Jahre und zwei Monate für Soufiane J., der damit die Quittung für drei eher skur­rile Raub­überfälle erhielt. Es sind vier Monaten mehr, als Staatsanwalt Jung gefordert hatte.

Richter Andreas Weiß zählt zu den emotionslosen Vorsitzenden. Densel­ben Gleichmut, mit dem er seit gut zwei Jahren das Tabakverfahren im Congress Park Hanau abarbeitet, legte er auch in diesem Prozess an den Tag. Seine mündliche Urteilsbe­gründung ist, was Klarheit und Präzi­sion an­langt, bemerkenswert. In ihre kleins­ten Bestandteile dröselt er die einzel­nen Taten auf und leitet daraus seine juristischen Schlussfolgerungen ab – die „mindere Schwere des Falles“ zum Beispiel (wegen der geringen Beute, ein paar Euro nur, auf dem Spielplatz an der Ludwig-Geißler-Schule). Das Abreißen einer goldenen Kette vom Hals des mit einem Messer bedrohten Miquel sei als Raub (Paragraph 249 StGB) zu qualifizieren, wohingegen eine räuberische Erpressung (255) vor­gelegen habe, als er das Opfer auch noch – unter Vorhalt desselben Mes­sers – zur Her­ausgabe seines Porte­monnaies zwang. Es ist eine durchaus spannende Tour d'Horizon durch die ansonsten bisweilen schwer verständ­liche Welt der Juristerei.

Soufiane J. wird wenig Gefallen daran gefunden haben. Resignierend hat er den Kopf auf die gefalteten Hände gelegt, ge­rade so, als habe er sich jetzt, da ohnehin nichts mehr zu ändern ist, fürs Schlafen entschieden. Was hat er nicht alles versucht, sich die Legende eines Dro­gen- und Spielsüchtigen zu­zulegen, der letztlich doch selbst nur ein Opfer seiner Schwächen gewesen sei. Auch angebliche Psychosen, unter denen er als Folge seines Rauschgift­konsums leide,  führte er ins Feld. „Er richtete seine Angaben hierzu aber stets nach dem Stand des Verfahrens und sattelte immer noch was drauf“, sagt Weiß: Aus ursprünglich behaup­tetem „gelegentlichen“ Cannabiskon­sum wurde im Laufe des Prozesses „täglicher“ Kokainmiss­brauch, dazu gesellte sich angeblich Amphetamin, auch Al­kohol – Wodka, Whisky, Bier in Men­gen –, schließlich noch Tab­letten, und das alles über Jahre hin­weg … Eigent­lich müsste Soufiane J. schon lange tot sein.

Er ist aber quicklebendig, ein schma­les Kerlchen mit zornigen Augen, das sich nicht scheute, die eigenen Eltern zu bestehlen, mit einer Axt zu bedro­hen, die Schwestern zu erpressen, die Spardose seines kleinen Neffen zu plündern. „Eine dissoziale Persönlich­keit“, sagte Gutachter Werner Richt­berg, der es zumindest im dritten An­lauf schaffte, ein brauchbares Gut­achten vorzulegen. Die Taten sind denn auch Ausdruck einer Geistes­haltung: Sich rücksichtslos zu neh­men, was man will, wann immer es einem in den Sinn kommt.

Ja gut, er hat sich entschuldigt. Bei Frau K., der Kassiererin in der Freien Tankstelle an der Leipziger Straße, bei Miquel, den er gemeinsam mit einem bisher unbekannten Komplizen be­raubte, auch bei Lars, Fabian, Daniel und den anderen Jungs vom Spiel­platz. „Auf dem Sessel liegend hinge­rotzte Entschuldigun­gen“, merkt Richter Weiß (zum ersten Mal mit ei­ner Spur von Emotion) an. Viel­leicht gibt es in Soufianes beschränktem Wortschatz, seiner retardierten Kör­persprache keinen Ausdruck des Be­dauerns. Er bot den Schülern sogar Geld an. Als Wiedergutmachung. Hundert Euro für jeden. Dies mag seine größte Dreistigkeit in dem Pro­zess gewesen sein. „Das ist Ihnen leicht gefallen“, konstatiert der Rich­ter, „weil nicht Sie es hätten bezahlen müssen, sondern Ihre Familie.“

Soufiane J. ist 27 Jahre alt. Nie hat er, von kurzen Jobs abgesehen, sich sei­nen Lebensunterhalt selbst verdient. Er besitzt die marokkanische Staats­ange­hörigkeit. Er ist nur geduldet in Deutschland. Er dürfte nach Verbü­ßung der Strafe abgeschoben wer­den. Hoffentlich.