Nur ein Streit, einfach so

Brauner Aktendeckel zum blau-karierten Hemd: Edward K. verbirgt zum Prozessauftakt sein Gesicht vor den Linsen der Fotografen. ©Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. „Es war wohl einfach nur ein Streit.“ Mit dieser nüchternen Feststellung kommentierte Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze am 18. Februar jene rätselhafte Bluttat, die am Vortag in der Klein-Auheimer Eisenbahnstraße geschehen war: Edward K. (66) hatte seine Ehefrau Margareta (53) mit drei Messerstichen getötet. Nun muss er sich dafür vor der 1. Großen Strafkammer unter Vorsitz von Richter Peter Graßmück verantworten. Angeklagt ist Totschlag.

Es ist eine ruhige Straße. Wie Festungswälle schirmen sechs langgezogene, wuchtige Wohnriegel  die kleinteilige Bebauung des Stadtteils vom gegenüberliegenden Gewerbegebiet ab. Kleine Balkone kleben an adretten Fassaden. Im Haus Nummer 30 lebte das Ehepaar in einer Dachgeschosswohnung. Am frühen Abend des 17. Februar, laut Protokoll war es 18.26 Uhr, ging unter der 112 ein Anruf bei der Rettungsleitstelle ein. Edward K. sagte, er habe seine Frau umgebracht. Eine Polizeistreife fand die Tote in der Küche. Sie lag auf dem Boden. Sie muss innerhalb weniger Minuten verblutet sein. Edward K., der seelenruhig auf das Eintreffen der Beamten gewartet hatte, ließ sich widerstandslos festnehmen.

In der Anklageschrift, die Staatsanwalt Joachim Böhn verliest, heißt es, der Täter habe drei Messer aus dem Messerblock genommen und sie „jeweils bis zum Schaft in Hals, Brust und Bauch“ seines Opfers gerammt, das auf dem Küchenstuhl saß. Ein Stich verletzte das Zwerchfell, ein anderer durchtrennte einen Herzbeutel; der Gerichtsmediziner fand bei der Leichenschau später 1,6 Liter Blut in der Brusthöhle. Eine Tat, die überschäumende Wut verrät. Blinden Zorn. Er hatte sich seiner Frau von vorn genähert, so dass Heimtücke als Mordmerkmal auszuschließen ist, weil sie nicht „arg- und wehrlos“ war  und es juristisch folglich „nur“ um Totschlag geht. Die Mindeststrafe liegt laut Paragraph 212 StGB bei fünf Jahren.

Edward K. ist ein mittelgroßer Mann mit grauem Haar und grauem Vollbart. Er trägt eine Brille und ein kariertes Hemd. Elektriker hat er mal gelernt; das war noch in Polen, seiner eigentlichen Heimat. Er stammt aus dem schlesischen  Strzelce Opolskie, das bis Kriegsende Groß Strelitz hieß. Inzwischen ist er Deutscher. Bis zu der Tat war er nicht polizeilich auffällig geworden.

Der Platz der Nebenklägerin bleibt am ersten Verhandlungstag noch leer. Seine Stieftochter Anna hat sich der Staatsanwaltschaft angeschlossen. Sie wird von der Hanauer Rechtsanwältin Gabriele Berg-Ritter vertreten. Aber heute geht es ohnehin nur um die Verlesung der Anklage. Das hat formale Gründe: Die Untersuchungshaft darf bis zum Prozessbeginn in der Regel höchstens sechs Monate dauern; andernfalls könnte das OLG die Freilassung anordnen. Der erste Verhandlungstag dauert also nur knapp 15 Minuten. Es sind noch weitere vier Prozesstermine vorgesehen, das Urteil soll Ende September verkündet werden.

Zum Zeitpunkt der Tat hatte Edward K. 2,94 Promille Alkohol im Blut. Über sein Motiv machte er bisher keine Angaben. Er sagte nur, seine Ehefrau habe „zuviel geredet“. Eine Vorgeschichte, heißt es, etwa die Eskalation familiärer Konflikte oder häufige Auseinandersetzungen, sei nicht bekannt. Es war wohl doch „einfach nur ein Streit“.