Opfer gelassen, Täter entnervt

Eine Knarre allein macht noch keinen harten Burschen und garantiert erst recht keinen Erfolg beim Raubüberfall. Foto: Donald Pleasance in „Halloween“, 1978

Von Dieter A. Graber

HANAU/MAINTAL. Am 6. Juni 2014, einem Freitag, überfielen zwei Räuber das Reisemobilzentrum Hüttl in Dör­nigheim. Es war kurz vor 13 Uhr. Die beiden Männer trugen Schals vor den Gesichtern. Einer hatte eine Pistole gezogen, der andere ein Messer. „Kas­se! Kasse! Kasse!“ schrie der Pis­to­len­mann. Es war einer jener dilet­tan­ti­schen Überfälle, die entweder total aus dem Ruder laufen oder als humo­ristisches Idiotenstück die Kri­minal­geschichte bereichern. In die­sem Fall war es Letzteres.

Vor der 2. Großen Strafkammer steht Ferhat S., ein kräftiger Bursche, wenn auch leicht übergewichtig. Schwarz der Vollbart, schwarz das Haupthaar, schwarz die Augen­brau­en, die ausse­hen wie gezupft und mit Schminkstift und Bürstchen in Form gebracht. Er arbeitet „in der Sicher­heitsbran­che“. Er soll der Räu­ber mit dem Messer gewesen sein. Ferhat sagt erst mal nichts.

Es ist die Geschichte eines Versager. Auf die Reihe gekriegt hat Ferhat in seinem jungen Leben wenig, aber man mag ihm zugutehalten, dass ihm, der vor siebenundzwanzig Jahren in War­endorf (NRW) zur Welt kam, die Zu­gehörig­keit zur Kultur der kur­di­schen Ethnie ein Klotz am Bein war. Warum die kinderreiche Familie überhaupt aus der Türkei nach Deutschland kam, bleibt ein Rätsel, zum Arbeiten je­denfalls nicht. Jobcen­ter und Hartz IV sind die Termini, wenn es um den Le­bensunterhalt geht. Man zieht un­stet durch die Re­publik, der kleine Ferhat, ein intelligen­ter Junge, schafft im­merhin die Mitt­lere Reife, versucht aber erfolglos eine Lehre als Kauf­mann, dann als Informatiker. Er jobbt bei Lufthansa Cargo, als Kellner, in ei­nem Handyla­den. Mit ei­nund­zwanzig soll er seine Cousine eheli­chen. Zwangs­heirat heißt das wohl. Die Cousine hätte ja gewollte; er aber nicht. In letzter Mi­nute verweigert er sich und erntet den geballten Zorn der Familie. „Weil doch alles schon vorbe­reitet war – Saal gemietet, Ein­ladun­gen ver­schickt …“ erzählt er nun. Die Eltern setzten ihn, wenn auch nur vorübergehend, auf die Straße.

Ir­gendwie sei er dann völlig aus der Spur gera­ten. „Ich fing mit Can­nabis an.“ Vier Joints am Tag. So viel kann einer als Security-Fachkraft gar nicht verdie­nen, um das lange durch­zuhal­ten. Dazu seine Spielsucht. Dad­deln bis zum Umfal­len. Ein Schulden­berg türmt sich über ihm auf. Und ir­gend­wann … – nein, ein Geständnis kommt jetzt nicht, noch nicht, aber die gefühlsse­lig vor­getra­gene Biogra­fie lässt ah­nen, auf was es hinaus läuft. Ferhat macht auf Mitleid.

Zurück zum Überfall. Manfred H. ist vierundvierzig  und Geschäftsführer des Caravan­hauses im Gewerbegebiet Ost. Ein Mann, der sich nicht so leicht ein­schüchtern lässt. Auch nicht von be­waffneten Strolchen. „Ich sagte den Tätern, es sei kein Geld im Büro“, er­zählt er. War es in Wirklichkeit aber doch, nicht viel freilich, ein paar Hun­derter zum Wechseln, in einer brau­nen Kassette, und natürlich hätte er den Verlust verschmerzen können. „Aber mir geht es gegen den Strich“, grollt er, „wenn einer auf diese Art an mein Geld will. Und dann vielleicht noch meine Uhr, mein Portemonnaie?“

Auch die beiden Mitarbeiter im Büro blieben gelassen. Kurt Wilhelm A., 61, zum Beispiel: „Ich wurde ja schon mal überfallen. Vor meinem Haus. Mit ei­nem Butter­flymesser …“ Er zuckt die Schultern. So was wirft ihn nicht um. Nur dass einer der Täter den drei Opfern an­schließend Reizgas ins Ge­sicht sprühte, ehe die beiden – ent­nervt und ohne Beute – flüch­teten, war unangenehm. „Hat noch tagelang gebrannt wie Feuer“, erin­nert sich Herr H. im Zeu­genstand.

Für diese Tat (und zwei weitere Überfälle) be­reits verurteilt wurde Abdelilah Z., 29. Er muss jetzt als Zeuge ran in Saal 215. Er ist ein mageres Kerlchen mit langen Haaren und einem Kinnbewuchs wie Kapitän Ahab. Er windet sich. „Ich habe keine Erinnerung mehr“, sagt er lakonisch und: „Den Angeklag­ten kenne ich gar nicht“ und schließ­lich patzig zu Richterin Susanne Wet­zel: „Ist mir doch egal, ob Sie mir Ordnungshaft auf­brummen!“ Er scheint ein ganz Harter zu sein. Er hat fünf Jahre und drei Monate kassiert. Jetzt gibt es noch mal 500 Euro Ord­nungsgeld, er­satzweise zehn Tage Haft oben drauf. Abdelilah hat sich zum Hausarbeiter hochgearbeitet in der JVA Weiterstadt, so etwas ist mit Privilegien verbunden, die seien jetzt futsch, erklärt ihm Richterin Wetzel. Und siehe da: Die ganze Härte Ab­delilahs schnurrt plötzlich zusam­men wie ein ausgelei­erter Luftballon. Ja, es sei der Ferhat gewesen, räumt er kleinlaut ein. „Er schuldete mir einiges, da habe ich ihn überre­det, mitzuma­chen.“ Den Tipp hätten sie von einem ehemali­gen Mit­ar­beiter der Firma bekommen, der übrigens Schmiere gestan­den habe bei dem Überfall. „Die Waffe war nur eine Gaspistole“, wiegelt er ab, „und auch gar nicht geladen.“ Richterin Wetzel fragt: „Wozu brauchten Sie das Pfefferspray?“ Gegen Beißattacken freilaufender Hunde, erklärt er. Vor ihnen fürchte er sich. Canophobie also. Eine nette Humoreske, die er da zum Besten gibt. Immerhin macht nun auch der Angeklagte reinen Tisch. „Gestän­dige Einlassung“ heißt das in der Ge­richts­spra­che. Etwas spät, aber im­merhin.

Ferhat S. kommt mit zwei Jahren auf Bewäh­rung davon. Um Drogen und Spielautoma­ten mache er nunmehr einen großen Bogen, beteuert er. Das könnte daran liegen, dass er vor kurzem Vater ei­ner Toch­ter wurde. Brav zahle er Un­terhalt, begeis­tert küm­mere er sich um die Kleine. Vielleicht kriegt er ja doch noch die Kurve.