Orgellehrer kauft sich frei

Der Musikus und das Mädchen – Ende der Vorstellung. Was bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack. ©Ghislain Cloquet, Szene aus „Mickey One“, 1964

Von Dieter A. Graber

HANAU. Seine Stimme klingt wie nas­ser Sand, der mit einem Kinder­schippchen umgeschaufelt wird. Er flüstert ein weinerliches Geständnis in den Saal 216: „Ja, es stimmt alles, was sie sagt. Es tut mir so leid. Sie hat das nicht verdient. Ich wollte meinen Spaß haben, aber ich hätte wissen müssen, dass es falsch war …“ Han­delte es sich nicht um ein Verbre­chen, mit dem sich die 6. kleine Straf­kam­mer befassen muss, man könnte es glatt eine komische Nummer nen­nen (dazu auch hier).

Mit Nummern ist Herr B. vertraut. Aber heute ist er meilenweit entfernt von einem Erotomanen (einmal nennt er sich wirklich so in der Verhand­lung, stolz und selbstmitleidig glei­cherma­ßen), sondern nur noch ein schmutzi­ger alter Mann mit einer schmutzigen Masche, der mit seinen Krankheiten kokettiert wie Greise auf der Park­bank: Herzklappeninsuffizi­enz, chro­nische Nierenentzündung, Hyperto­nie. Ach ja, Erektionsschwie­rigkeiten plagen ihn inzwischen auch …

Missbrauchte Frauen pflastern seinen Weg. Schon früh hat er damit ange­fangen. Mit neunzehn eine Jugend­strafe wegen „Gewaltunzucht“, dann Vergewaltigung, Förderung der Pros­titution, Menschenhandel, Zuhälterei … Da ist die Steuerhinterziehung (279.705 DM), die ihm 2002 drei Jahre und drei Monate einbrachte, fast eine erfrischende Abwechslung. Richterin Peter sagt: „Ich kriege Gän­sehaut bei dem Gedanken, Ihnen noch mal Bewährung zu geben.“

Aber darum kämpft er nun, der Or­gellehrer aus Maintal. Gegen die vie­rundvierzig Monate, die ihm das Schöffengericht vergangenen März aufbrummte, weil er die 17-jährige Schülerin Tabea (Name geändert) vergewaltigt und zur Prostitution ge­nötigt haben soll, ist er in Berufung gegangen. Weil es doch stets einver­nehmlich geschehen sei, wie er sagt. Er hat alles auf Video, die Autofahr­ten mit Tabea, ihre Gespräche, den Ge­schlechtsverkehr. Es sind Porno­filme jenseits der Ekelgrenze. Ganz am Ende, als alles vorbei ist, auf dem al­lerletzten Clip grunzt er zufrieden: „Yeah, ich habe sie gef..!“ Richterin Pe­ter sagt: „Wenn es noch eines Bewei­ses Ihrer Schuld bedurft hätte …“ Da schrumpft Herr B. auf der An­kla­ge­bank zusammen wie ein porö­ser Bal­lon am Morgen nach der gro­ßen Sause.

Seine Opfer waren meist jung. Sehr jung. Sie suchten einen kleinen Ne­benverdienst. Er heuerte sie an mit großen Versprechungen, für seine an­gebliche Detektei, für „Foto- und Filmaufnahmen“. Er schüchterte sie ein, knebelte sie mit „Vertragsstra­fen“, zwang sie zum Anschaffen. Sie hießen Bianca, Jessica, Mona. Und Tabea. Die befindet sich heute in psy­chologischer Behandlung. Sie ist Ne­benklägerin. Sie ist ein Mäd­chen aus gutem Hause, dem Erich B. die ju­gendliche Unbefangenheit ge­stohlen hat. Aber was nützte ihr ein Täter im Gefängnis?

An diesem Punkt offenbart sich das Dilemma dieses Verfahrens. Es geht um mehr als nur das, was Staatsan­walt Oliver Piechaczek in seinem trefflichen Plädoyer „den Anspruch des Staates, eine solche Tat zu ahn­den“, nennt. Der lasse sich nicht aus der Welt schaffen mit einem Ge­ständ­nis, mit einer Entschuldigung nicht und ebenso wenig mit einer Schaden­ersatzzahlung oder was auch immer. Es ist die Kalamität eines Rechtssys­tems, in dem Opfer vorwie­gend als Zeugen vorkommen. Piechaczek for­dert drei Jahre.

Tabeas Anwalt sagt: „Wir sollten dem Angeklagten eine letzte Chance ge­ben.“ Es ist der ehemalige Bundes­an­walt Wolfram Schädler, der, ein weite­res Kuriosum in diesem unge­wöhnli­chen Fall, nun das Geschäft der Ver­teidigung besorgt, ja besorgen muss, weil er nur so die Interessen seiner Mandantin wahrnehmen kann. Es geht nämlich inzwischen um Geld, um 9.000 Euro zunächst, eine Summe, die während der Verhandlung, schneller als bei einer Sotheby’s-Auk­tion, ratzfatz auf 20.000 ansteigt. Tä­ter-Opfer-Ausgleich heißt das. Da­mit soll der durch die Straftat ge­störte so­ziale Frieden zwischen Täter und Ge­schä­digtem wiederhergestellt wer­den. Es ist eine Form der Konflikt­schlich­tung, des modernen Ablass­handels, könnte man auch sagen. Ei­gentlich ist es eine Verqui­ckung von Straf- und Zivil­recht, ein Aufrechnen von Schmerz und Schuld und Sühne.

Einen Deal, betont Richterin Peter, werde es mit ihr nicht geben. Aber dem Ausgleich will sie auch nicht im Wege stehen. Verteidiger Stephan Lu­cas aus München hält einen großarti­gen Schlussvortrag. Er wiederum hört sich ein bisschen wie der Ankläger an, wenn er die Schuld seines Mandanten hervorhebt und die Leiden des Opfers betont. Aber weil jeder das Bestmögliche herausholen will, muss jeder, mit Ausnahme des Staatsanwalts, auch ein gutes Stück in die Rolle des Gegenübers schlüpfen. Heute hät­ten die Filme im Saal 216 noch einmal vorgeführt wer­den sollen, sagt Lucas. Dann hätte Tabea dazu im Zeugenstand seine Fragen, unange­nehme Fragen natürlich, beantworten und alles noch einmal erleben müs­sen. Aber so ist das nun mal bei der Wahrheitsfindung.

Dies bleibe ihr nun (durch das Einlenken seines Mandanten) erspart. Dessen Ge­ständnis, der abgeschlossene Ver­gleich und auch sein Alter – er ist 65 – werden Erich B. strafmildernd ange­rechnet. Er kriegt zwei Jahre auf Be­währung.  Gänsehaut hin oder her. Staatsanwalt Piechaczek ist plötzlich ein einsamer Mann. Ein­samer ist vielleicht nur noch eine junge Zu­schaue­rin hinten im Saal: Caro­lin B., die 34 Jahre jüngere Ehefrau des An­geklag­ten. Das viele Geld, das er nun zahlen muss – sie wisse nicht, wie es weiter­gehen soll. Aber sie liebe ihn nun mal.