Paah inne Fresse

Von Dieter A. Graber

HANAU. Jan und Tim sind zwei bär­tige Gesellen, kräftig, muckibuden­gestählt alle beide, die Gesichtsbehaa­rung identisch gestutzt, die Frisuren wie aus dem Musterbuch für Coif­feure; sie tragen Jeans mit tiefer ge­legtem Hosenboden und Kapuzen­shirts und haben intelligente Gesich­ter, ernst, aber nicht unfreundlich. Jan und Tim sind ein Herz und eine Seele und Zwillinge obendrein, und weil sie alles gemeinsam machen, auch die üblen Dinge, sitzen sie heute auf derselben Anklagebank, und zwar in Saal 215 des Hanauer Landgerichts.

Es geht um zwei Vorfälle. Um Hand­greiflichkeiten geht es. Böse Ge­schichten. Aber so sind sie nun mal, der Jan und der Tim, 26 Jahre alt, Stu­denten: Immer gut für „n paah inne Fresse“, wie der Ruhrpottler sagt. Gewalt ist ihr Steckenpferd; wie an­dere joggen oder abends ein Bier trinken, verprügeln sie Leute. Man konnte sie dafür auch buchen. Das war im Juli vor zwei Jahren so, als ein Gast eines Birsteiner Dönerlokals in Streit geriet mit dem Wirt, rausflog und dann Jan und Tim engagierte. In dem kleinen Ort am Rande des Vo­gelsbergs spricht man heute noch davon, wie sie um 21.15 Uhr die Ört­lichkeit mit Base­ballschläger und Ei­senstange stürmten. Dann wurde gedroschen, was das Zeug hielt, ver­ängstigte Gäste stieben auseinander, Schreie gellten, Flaschen zerbarsten, Stühle polterten durch den Raum … Das ganze Programm halt. Dass auch stocknüchterne Juristen bisweilen zu farbiger Detailschilderung fähig sind, bewies später die Gelnhäuser Amts­richterin Petra Ockert, die in ihr Urteil schrieb: „Ein Fahrrad flog durch die Luft, Blumenkübel zerbrachen.“ Die beiden Prügelknaben kriegten von ihr zwei Jahre und neun Monate wegen gefährlicher Körperverletzung. Auch dafür, dass sie ein Vierteljahr zuvor ei­nen Skateboarder auf der Straße am Ärztehaus Triangulum in Gelnhausen vermöbelt hatten. Der junge Mann erlitt eine Gehirnerschütterung, nachdem sie ihm ins Gesicht geschlagen und ihm die Beine weggetreten hatten, dass er mit dem Kopf aufs Pflaster knallte.

Viel haben sich die beiden Kraftmeier schon erlaubt: Da ist die Rauferei bei der Schulabschlussfeier am Aufenauer Sportplatz, vorm Bus­bahnhof in Bad Orb, bei einer Fa­schingsfete in Wäch­tersbach. Und weil sie einander gleichen wie das doppelte Lottchen, war es nicht im­mer leicht, dem jeweiligen Missetäter seine Tatbeteiligung zuzuschreiben. Immerhin gehen sie arbeitsteilig vor: Tim prügelt, Jan hält ihm den Rücken frei, so dass ihr gemeinsames Wirken eine gewisse Struktur aufweist. Ge­gen das Urteil von Richterin Ockert haben sie Berufung eingelegt. Und nun landete der Aktenberg bei Rich­terin Peter von der 6. kleinen Straf­kammer. Noch sind Jan und Tim gu­ten Mutes.

Sie ist eine erfahrene Juristin, die Richterin Peter, seit 30 Jahren im Ge­schäft mit dem Recht. Drumherum reden ist ihre Sache nicht: „Sollten sich die Tatvorwürfe so bewahrhei­ten, wie sie im Urteil stehen, gibt’s noch ordentlich was oben drauf“, sagt sie ungerührt. Das ist übrigens auch die Intention des jungen Staats­anwalts Voigt, der ebenfalls Rechts­mittel einlegte. Deshalb kann es rich­tig böse ausgehen: Immerhin hat Paragraph 224 für so etwas Freiheitstrafe bis zu zehn Jahren pa­rat. Den Angeklagten gefriert die Mi­mik. Mit stummer Intensität starren sie erschrocken vor sich hin. Damit ha­ben sie  vermutlich nicht gerechnet. Schon klar: Die Hoffnung stirbt zu­letzt! Stürbe sie früher, gäbe es jedoch weniger Enttäuschungen.

Dabei hat Tim für seine Lust am Hauen schon teuer bezahlt, mit dem Verlust des rechten Daumens und ei­ner Fingerkuppe. Die Schabefleisch-Gastrono­men aus Birstein leisteten nämlich erbitterten Widerstand – mit einem Kebabmesser.

Nein, schlichte Dumpfba­cken wie manch andere Schlagetots sind Jan und Tim nicht. Eigentlich könnte man sie als akademische Rauf­bolde bezeich­nen: In Internationaler Betriebswirt­schaft­lehre haben sie sich ein­ge­schrieben, einer arbeitet nebenher noch in einem kaufmännischen Job. Vielleicht lag es am frühen Tod des Vaters, dass sie aus der Bahn geraten sind. Jedenfalls strotzt ihr Vorstrafen­register von allerhand Gewaltdelik­ten, aber auch Missbrauch einer Zwölfjährigen (Tim) und Urkundenfäl­schung (Jan). Sie leben noch in der „Pension Mama“.

Zehn Zeugen sind für diesen Verhandlungstag geladen, zwei wei­tere Termine vorgesehen. Richterin Peter rät aber zur Rücknahme der Beru­fung. Das muss überlegt werden. Gemein­sam mit ihren Anwälten, den Geln­häuser Strafrechtlern Jürgen Scherer und Steffen Heß, wägen die beiden Für und Wider ab. Das Für gewinnt. Sie akzeptieren ihr Urteil. Es wird damit rechtskräftig. Demnächst also ist Einrücken angesagt.

Aber ein neues Verfahren lugt be­reits um die Ecke: Vergangenes Jahr sollen Jan und Tim die Besucher der Kirmes in Romsthal, einem Dorf im östlichen Main-Kinzig-Kreis, aufge­mischt haben. Eine veritable Festzelt­klopperei. Es gab Verletzte.