Partitur verschriftet

Der Meister hat’s verschriftet. Beethovens 1. Sinfonie beginnt mit einer Dissonanz und endet wie ein Marsch. Im Volkeprozess ist es eher umgekehrt.

Von Dieter A. Graber

HANAU. Nach knapp eineinhalb Jahren und drei Anläufen ist der Volkeprozess irgendwie aus dem Ruder gelaufen. Die Verteidi­gung misstraut dem Gericht. Es gibt gute Gründe dafür. Wieder­holt hat die 1. Große Strafkam­mer zu erkennen gegeben, dass sie sich in der Schuldfrage längst festgelegt hat, und zwar auf eine kaum nachvollziehbare Weise. So begründete sie die Fortdauer der Haft für die Angeklagte Banu D. unter anderem mit einem du­biosen Telefonat, in dem die Worte gefallen sein sollen: „… wir zwei fahren bis nach Ha­nau!“ Eigentlich geht es nur um das Verb fahren. Cengiz. G. sagte dies – nach Überzeugung des Gerichts, wohlgemerkt – zu Banu D., vier Tage nach den tödlichen Schüssen in der Gallienstraße. Auch wenn die Zeitform nicht passt – Perfekt wäre im Sinne der Anklage wohl richtig gewesen –: Kann dies als Beweis dafür herhalten, dass die beiden in der Tatnacht wirklich in Hanau waren?

Der Marburger Sprechwissen­schaftler Hermann Künzel gilt als führender Experte auf dem Ge­biet der modernen Phonetik. Das Landgericht beauftragte ihn mit einem Gutachten. Eigentlich war es ja mehr eine technische Dienstleistung: Künzel sollte den genuschelten, schwer verständli­chen Satzbruch durch Umwand­lung ins WAV-Format „hörba­rer“ machen. (Bei einer kompri­mierten MP3-Datei, in der das mitgeschnittene Gespräch dem Gericht vorlag, ist das Audio­material in mehrere Frequenz­bänder unterteilt, was mit einem Verlust an Präzision einher geht.)

Künzel jedoch kam gar nicht dazu, seine Expertise „über die Verbesserung der Tonqualität“ im Gerichtssaal vorzutragen. Die Kammer hatte ihn kurzerhand wieder abgeladen. Sie hielt sein Erscheinen für nicht erforderlich und beschränkte sich darauf, das Gutachten durch Richter Peter Graßmück vorlesen zu lassen. Fazit: Was Cengiz G. wirklich geäußert habe, lasse sich auch durch technische Verbesserungen nicht mehr feststellen.

Tatsächlich aber hatte der Phonetikprofessor besagte „Text­partitur“ (O-Ton) über seinen Auftrag hinaus verschriftet und dies dem Berichterstatter Kolja Fuchs bereits fünf Tage zuvor telefonisch mitgeteilt. Zudem habe er, wie es heißt, eine „pho­netische Textanalyse“ der Audiodatei angeregt, was von dem Richter indes abgelehnt worden sei. In der Verhandlung kein Wort davon. Fuchs habe es auch unterlassen, so die Anwälte von Banu D., darüber einen ent­sprechenden Vermerk in die Hauptakte aufzuneh­men. Als „ungeheuerlich“ be­zeichnet dies Verteidiger Axel Küster (Wies­baden): „Unsere Mandantin hat jegliches Ver­trauen in die Un­voreingenom­menheit dieses Ge­richts verlo­ren.“ Es sei schlicht „das Ergeb­nis von Nachermitt­lungen ver­heimlicht“ worden.

Küster stellte umgehend einen neuen Befangenheitsantrag, diesmal gegen den Vorsitzenden und seinen Berichterstatter. „Für den Fall, dass das Gespräch einen anderen Wortlaut hat, als die Be­rufsrichter ihn in dem Haftfort­dauerbeschluss wiedergeben ha­ben, hält der abgelehnte Richter Fuchs entlastendes Beweismate­rial zurück.“ Nach unseren Informationen will der Gutachter das Wort fahren tatsächlich nicht vernommen haben …

Es war nicht der erste Patzer der Kammer im Volkemordprozess, die inzwischen mit einer Vielzahl von Befangenheitsanträgen über­zogen wurde. So lehnten erst im Januar alle vier Verteidiger die Beisitzerin Andrea Zeyß ab, weil sie sich während der Verhand­lung womöglich mit einem ande­ren Verfahren beschäftigte. Aus ihrer dienstlichen Erklärung ging dann aber nicht hervor, was sie wirklich in ihren Laptop getippt hatte. Auch pikant: Obwohl es im Dezember 2016 bereits einen Verdacht gegen Banu D. gab, wurde sie als Zeugin – damals noch im Prozess gegen Lutz H. – nicht auf Paragraph 55 StPO hin­gewiesen: „Jeder Zeuge kann die Auskunft auf solche Fragen ver­weigern, deren Beantwortung ihm … die Gefahr zuziehen würde, wegen einer Straftat … verfolgt zu werden.“

Prozessbeobachter verwundert es, dass sich die 1. Große Straf­kammer derartige Blößen gibt, gilt ihr Vorsitzender Graßmück doch als einer der erfahrensten Richter in Hanau, sein Kollege Fuchs als ein profunder Kenner der juristischen Materie. Über die Befangenheitsanträge entschei­den Hanauer Richter anderer Kammern. Bisher wurden alle entsprechenden Anträge abge­lehnt. In diesem Fall dürfte es schwierig werden, dies zu be­gründen.