Picheln mit Aussicht

Wenn nicht der Berg, sondern das Tal ruft, ist Vorsicht geboten, jedenfalls am Steuer. Die Ronneburg war Schauplatz eines gemütlichen Feierabendumtrunks, der tragikomisch endete, nämlich in einer Weide. ©Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Hinten im Saal 22 des Ha­nauer Amtsgerichts sitzt Vivian. Sie ist blond, schlank und sehr aufgeregt. Es geht um den Mann, den sie liebt und demnächst heiraten möchte. Er sitzt auf der Anklagebank. Es ist der Franz, 25 Jahre jung. Er trägt ein tauben­blaues Jackett über einem dunklen Hemd und eine Undercutfrisur. Er schaut sehr ernst drein. All die schö­nen Pläne der beiden jungen Leute könnten heute Makulatur werden, denn dem Franz droht Gefängnis.

Der Fall, um den es heute geht, entbehrt nicht ei­ner komischen Note. Franz und seine Arbeitskollegen Patrick und Luca hat­ten oben auf dem Parkplatz der Ronneburg nach Feierabend ein biss­chen gepichelt. Desperados und Jackys. Also Bier mit Tequilageschmack und Whiskey-Cola. Dazu der herrliche Ausblick über das Büdingen-Meerholzer Hügelland. Es war ein Donnerstag im vergange­nen August. Irgendwann am späten Abend fuhren sie mit ihrem Dienst­wagen wieder los, einem alten Opel Corsa. Franz am Steuer. Franz hat keinen Führerschein, nie einen ge­habt, und offenbar auch keine Ah­nung vom Fahren. Er ließ das Wägel­chen bergab rollen, „den Fuß auf der Kupplung“, wie er sagt, die gewun­dene Straße hinunter nach Altwiedermus. Sie ist 900 Meter lang, hat ein starkes Gefälle und eine ziemlich scharfe Kurve am Ende. Das Auto nahm Fahrt auf. Er muss ziem­lich schnell geworden sein. Als die Fahrbahn dann kurz vor der Einmün­dung in die L 3193 nach rechts ab­knickte, war es zu spät. Zu allem Überfluss riss Franz auch noch die Handbremse hoch; da gab’s kein Hal­ten mehr: Die Hinterachse blockierte, das Heck brach aus, der Corsa rammte das Tor eines Weidezauns und überschlug sich. Patrick kam erst im Krankenhaus wieder zu sich. Beule am Kopf, Prellungen. Trotz allem: Glück gehabt; es hätte schlimmer en­den können.

Franz hatte 1,84 Promille im Blut. Ja, der Alkohol. Er ist der ständige Be­gleiter dieses seltsamen jungen Man­nes, ein Tröster und ein Feind zu­gleich, und um das zu verstehen, muss man Franzens Geschichte ken­nen. Seine Verteidigerin trägt sie vor. Der Vater regierte mit eiserner Hand. Prügel waren die Erziehungsmaß­nahmen seiner Wahl. Die beiden älte­ren Schwestern ihres Mandanten, be­richtet die Anwältin, seien wiederholt missbraucht worden. Vielleicht sogar vor den Augen des Jungen. (Der Tä­ter, den man kaum „Vater“ nennen kann, bekommt später zwei Jahre und vier Monate dafür.) Häufiger Schul­wechsel. Abgang nach der 7. Klasse ohne Abschluss. Mit sechzehn Flucht von zuhause und ins Hochprozentige. Eine Flasche Wodka am Tag. Job als Möbelpacker. Und hier macht das Le­ben von Franz eine ebenso scharfe Kurve wie die Straße von der Ronneburg …

Richterin Jeschke verliest ein Schrei­ben seines Chefs. Franz, heißt es da, sei „für unser Unternehmen unver­zichtbar“. Zum leitenden Angestellten habe er sich hochgearbeitet mit Fleiß und Verantwortungsbewusstsein. Nein, das ist kein vom Wohlwollen des Arbeitgebers getragenes Zeugnis. Das ist ein summa cum laude. Und so muss Franz zwei Persönlichkeiten in sich vereinen, den unbelehrbaren Säufer und den gewissenhaften Mit­arbeiter, quasi ein moderner Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Neben Vivian sitzt ihre Mutter. Die Familie hat Franz herzlich aufge­nommen. Sie versucht, ihm Halt zu geben. Mut zu machen. Den braucht er heute. Denn sein Strafregister ist so gestopft, dass Richterin Jeschke eine ganze Weile benötigt, um es vor­zulesen. Diebstahl, Urkundenfäl­schung, Brandstiftung – und immer wieder Alkoholfahrten ohne Führer­schein. Er steht unter zweifacher Be­währung. Mal ehrlich: Möchten Sie so einen als Schwiegersohn? Vivians Mutter schon. Vielleicht hat sie er­kannt, dass in diesem verzweifelten jungen Menschen mehr steckt als ein Krimineller. Einer, der eine Chance verdient. Noch eine, denn heute geht es um Gefängnis.

Am Tag nach dem Unfall hat Franz die Sache ins Reine gebracht. Er beich­tete alles seinem Chef und bezahlte die Reparatur des Corsa, in Raten von seinem Gehalt. Auch für das kaputte Weidezauntor kam er auf. Er begann eine Alkoholtherapie. Mit seiner lei­sen, angenehmen Stimme sagt er: „Das, was in meiner Akte steht, bin ich doch gar nicht.“ Er will ihn los­werden, den anderen, den bösen Franz. Dann schaut er zu Vivian hin­über und fügt hinzu: „Meine Verlobte duldet den Konsum von Alkohol nicht.“

Auch die Bewährungshelferin ist voll des Lobes. „Ein pflegeleichter Pro­band“, sagt sie. „Er erledigt alle Auf­gaben, ist pünktlich und zuverlässig.“ Oberamtsanwalt Andreas Burkard fragt: „Wo haben Sie denn Fahren gelernt?“ – „Hab ich mir selbst beige­bracht“, antwortet er gedrückt. Na ja, auch auf diesem Gebiet müsste er mal professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Richterin Jeschke verurteilt Franz zu einem halben Jahr – und zwar noch einmal auf Bewährung. Er muss 2000 Euro Geldbuße bezahlen und seine Alkoholtherapie fortsetzen. In seinem Gesicht zeichnet sich Erleichterung ab. Vivian weint. Tränen des Glücks. Die Hochzeit ist gerettet. Die beiden dürften freilich noch einen schweren Weg vor sich haben. Wenn sie ihn gemeinsam gehen, ist er leichter.