Praktizierter Täterschutz

Ich bin dann mal weg … Giuseppe M. versteckt sich hinterm Aktenordner, neben ihm Verteidiger Peter Schmidt Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Giuseppe M. ist ein un­scheinbarer Mann. Er hat schütteres braunes Haar über einer hohen Stirn. Sein Gesicht ist blass. Gefängnis­bläs­se. Seine Adresse gibt er auf Anfrage der Gerichtsvorsitzenden mit „Obere Kreuzäckerstraße, Frankfurt“ an. Das ist die Justizvollzugsanstalt. Giuseppe M. sitzt dort seit dem 29. Oktober vergangenen Jahres in Untersu­chungs­haft, weil er in Hanau ein jun­ges Mädchen vergewaltigt ha­ben soll. Es ist eine besonders brutale Tat, für die er sich jetzt vor der 2. Großen Ju­gendkammer verantworten muss.

Passiert ist sie in der Auheimer Straße. Die 17-jährige Schülerin Me­lanie (Name geändert) wollte nach Hause. Sie kam von einer Feier. Sie hatte die S-Bahn aus Offenbach ge­nommen und dann ihr Rad, das am Hauptbahn­hof abgestellt war, bestie­gen. Die Auheimer ist eine breite, des nachts menschenleere Straße auf der Rückseite des Hauptbahnhofs. Es war Sonntagfrüh, 0.20 Uhr. Giuseppe M. wartete an der einsa­men Stelle. Er sei zufällig dort gewe­sen, sagt er. Es gibt dort, neben Gewerbe, Parkplätzen  und einem Lebensmitteldiscounter, auch eine Tank­stelle, wo er Getränke gekauft hatte.

Laut Anklage sprang er vor Melanie auf die Straße, wodurch sie zu Fall kam. Mit einem Taschenmesser in der Hand forderte er sie auf, mitzukom­men. Er drohte: „Sei ruhig, sonst stech´ ich dich ab!“ Er hielt ihr das Messer vor den Bauch. Das verängs­tigte Mäd­chen ging ein Stück mit ihm. Er zerrte Melanie in ein Gebüsch. Er küsste sie, wo­bei er ihr das Messer an den Hals hielt. Dann vergewaltigte er sie.

Giuseppe M. ist 32 Jahre alt, ein un­auffälliger, farbloser junger Mann. Er war bei einer Zeit­arbeitsfirma be­schäftigt, hatte zuvor lange bei den Eltern gelebt. Er ist nicht der Typ, nach dem sich die Mädchen auf der Straße umdrehen. Er wirkt schüch­tern. Er trägt ein graues Kapuzenshirt. Zum Prozessbeginn versteckt er sich hinter einem Akten­ordner vor den Objektiven der zahl­reichen Journalis­ten. Sein Verteidiger, der Strafrecht­ler Peter Schmidt aus Hanau, bean­tragt, die Öffentlichkeit auszuschlie­ßen. In der Verhandlung könnten „Einzelhei­ten über die Persönlichkeit und das Sexualleben meines Mandan­ten“ zur Sprache kommen. Von „schutzwürdi­gen Interessen“ spricht er. Die Kam­mer unter Vorsitz von Richterin Su­sanne Wetzel gibt dem Antrag statt.

Melanies Aussage wird über Video aus dem Zeugenzimmer in den Saal 215 übertragen. So muss sie dem An­geklagten wenigstens nicht ins Ange­sicht sehen. Sie schildert, wie sie heute noch unter den Folgen der Tat leidet, unter Schlafstörungen und Angstattacken. Sie ist Nebenklägerin und wird von der Hanauer Anwältin Gabriele Berg-Ritter vertreten. Sie wird ein Schmerzensgeld fordern, wenn so etwas mit Geld überhaupt zu lindern ist.   

Der Angeklagte gibt alles zu. Auch, dass er wenige Tage zuvor ganz in der Nähe eine andere Passantin überfal­len hatte. Als die sein Ansinnen „Sex für Geld“ ablehnte und die Straßen­seite wechselte, fuhr er mit seinem Rad hinter ihr her, drängte sie in eine He­cke  und begrabschte sie. Und Wo­chen später eine weitere Tat, am helllichten Tag in der Frankfurter Taunusanlage: Da habe er eine Frau „überfallartig und fest unsittlich be­rührt“, heißt es in der Anklage. 

Giuseppe M. erklärt, nicht zu wissen, warum er das alles getan habe. Der Phar­makologe Alexander Paulke vom Frankfurter Institut für Rechtsmedizin wohnt als Gutachter der Verhandlung bei. Er gilt als Experte für Rauschmit­tel, insbesondere sogenannte „Legal Highs“. Das sind Drogen, die als Kräu­termischungen, Lufterfrischer, Reini­ger oder Badesalze ganz legal zu kau­fen sind. Das also dürfte die Verteidi­gungs­strategie sein …

Der Prozess wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit fortgesetzt.