Rätsel um Raptus

Farbtupfer in einer grauen Straße: Das  Haus, in dem Herr K. seine Margareta erstach. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Herr K. hat geschwiegen. Be­harrlich. Den gesamten viertägigen Prozess über hat er nichts gesagt. Nur ganz am Schluss, als die Plädoyers gehalten sind und Richter Peter Graßmück ihm das letzte Wort erteilt, bringt er einen Satz heraus, von hef­tigem Schluchzen verschluckt: „Ich bitte um Verzeihung …“ Sein eisernes Schweigen wird mehr gewesen sein als nur eine Verteidigungsstrategie. Es ist nicht ausgeschlossen, sogar wahr­scheinlich, dass Herr K. selbst von ei­ner Ratlosigkeit erfasst ist, die ihn sprachlos macht, weil er sich nicht er­klären kann, wie es zu dieser bizarren Tat am Abend des 17. Februar kam.  

Edward K. (66) hat seine Frau Marga­reta (53) erstochen. Nein, nicht einfach erstochen: Nacheinander drei Messer rammte er ihr in den Hals und in die Brust, und zwar so angeordnet, dass es ein imaginäres Dreieck ergab. Es hat etwas Mystisches, Rituelles. Es ist eine unerklärliche Bluttat, deren Rät­sel zu lösen dem Gericht trotz auf­wendiger Beweisaufnahme nicht ge­lang.  Wenigstens vermochte es einen Blick auf diese tragische Beziehung zu werfen, über der, dräuend wie ein dunkler Schatten, die Depressionen der Margareta K. lagen. Wiederholt hatte sie Suizidabsichten geäußert. Beide flüchteten sich immer öfter in den Alkohol. Sie kaufte den Wein, der auffälligen Mengen wegen, längst bei einem weiter entfernten Supermarkt, wo man sie nicht kannte. Der ehema­lige Elektromonteur sei, wie mehrere Zeugen bestätigten, eifersüchtig ge­wesen. Ein Kontrollfreak. Erst recht, nachdem er in Rente gegangenen war. Aber auch das könnte letztlich der Sorge um seine seelisch kranke Frau entsprungen sein. Vielleicht brachte er sie nur aus Angst, sie könnte sich sonst unterwegs etwas antun, jeden Tag von Klein-Auheim zur Arbeit bei einer Firma im Stadtteil Steinheim.

Um 18.27 Uhr am Tattag meldet sich Edward K. bei der Notrufzentrale. Die Aufzeichnung wird mehrfach in Saal 215 abgespielt. Er nennt seinen Na­men, seine Adresse und berichtet in knappen, ziemlich präzisen Worten, was er getan hat. Dann sagt er, wie zur Rechtfertigung: „Ich konnte nicht mehr.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht nur mindestens eineinhalb Fla­schen Wein intus – die Blutprobe ergab später 2,94 Promille –, auch etwa 70 Tabletten des Antidepressi­vums Mirtazapin. Aber wann hat er die geschluckt? Vor oder nach der Tat? Und welche Wirkung hatten sie auf seine Psyche, etwa in Verbindung mit dem Alkohol?

Die Verteidiger Matthias Reuter und Michael Simon wollen auf Paragraph 20 StGB hinaus. Ohne Schuld sei, wer wegen „einer tiefgreifenden Be­wusstseinsstörung … unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln“, heißt es da. Aber Mirtazapin, das Margareta K. gegen ihre Depressio­nen verschrieben worden war, gilt wegen seiner geringen Toxizität als vergleichsweise harmlos, selbst in Überdosis eingenommen, wie der Frankfurter Gerichtsmediziner Stefan Tönnes erklärt. Es führe zu Lethargie und Schwindel, mache müde, aber nicht aggressiv. Tatsächlich war Ed­ward K. in der Gewahrsamszelle der Polizei am späten Abend regelrecht umgekippt; ein langsamer Zusam­menbruch, derart schulbuchmäßig von schläfrig bis Kollaps, dass es möglich ist, den Zeitpunkt der Tablet­teneinnahme ziemlich genau zu be­stimmen, nämlich auf kurz vor der Tat. Oder sogar erst danach … Wollte er tatsächlich in den Freitod gehen – oder nur einen Versuch vortäuschen? Warum hätte er, den ersten Fall an­genommen, dann noch einen Notruf tätigen sollen?

In seinem Vorabgutachten, erstellt nach einer Exploration des Angeklag­ten in der JVA, hatte der Psychiater Ansgar Klimke aus Friedrichsdorf die Schuldunfähigkeit von Edward K. zur Tatzeit nicht ausschließen wollen. Das sieht er jetzt, auch vor dem Hinter­grund des ziemlich sachlich geführten Telefonats mit der Notrufzentrale, anders. Verteidiger Simon attackiert den Gutachter. Ihm schwimmen die Felle weg. Erst das Mirtazapin, das nicht als möglicher Tatauslöser infrage kommt, nun auch noch kein Paragraph 20 mehr. Klimke bleibt dabei: Weder Einsichts- noch Steuerungsfähigkeit seien geschmä­lert gewesen.

Aber warum dann dieser „raptusartige Affekt“ (Klimke), also ein Wutanfall? „Etwas muss ihn massiv gekränkt haben“, vermutet der Psychiater. „Ein Satz, vielleicht eine Beschimpfung. Was dann folgte, war wie eine Entladung …“ Doch hier verliert sich der Versuch einer Deutung  im Nebel der Mutmaßung.

Die 1. Schwurgerichtskammer entscheidet auf sieben Jah­re Freiheitsstrafe. Staatsanwalt Mathias Pleuser hatte acht gefordert, Verteidiger Reu­ter nicht mehr als sechs. Edward K. nimmt das Urteil sofort an. Er sagt, er möchte die Angelegenheit endlich hinter sich bringen.

Mehr zu diesem Fall hier, hier und hier.

 

Rap­tus, der: (Medizin) plötzlich auftretender Wutanfall. Herkunft: lateinisch raptus = das Fortreißen, Zuckung, zu: rapere = (fort)reißen; Grammatik: der Raptus; Genitiv: des Raptus, Plural: die Raptus […tuːs] und Raptusse

Quelle: duden-online.de