Rätselhafte Botschaft aus der Schweiz

Schlagerweisheiten für den Hausgebrauch: „Drum sei auch nie betrübt, wenn dein Schatz dich auch nicht mehr liebt. Ein Freund, ein guter Freund, das ist der größte Schatz, den‘s gibt.“ ©Edition Metropol Musikverlage GmbH

Von Dieter A. Graber

HANAU. Herr G. erobert den Gerichtssaal wie ein Popstar die Bühne. Elastischen Schrittes ge­winnt er die Tiefe des Raums, mit raschem Blick erfasst er Publikum, Richtertisch, das Personal in den schwarzen Roben. Dem Angeklagten huldvoll zunickend,  nimmt er sodann, ganz die Ruhe selbst, Platz auf dem Zeugenstuhl. Herr G. ist keiner, der sich einschüchtern ließe von den Insignien der Rechtsprechung. Dieser Zeuge nicht!

Erkan G. trägt das gelockte pechschwarze Haar pomadig in den Nacken gebürstet, eine schicke Weste zum schneeweißen Hemd und als Gesichtsbewuchs eine Art Komma überm Kinn. Eine kesse Lippe hat er auch. „Jetzt hören Sie mir mal zu: Ich bin hier Zeuge, kein Angeklagter“, weist er Richter Graßmück zurecht. Da ist er freilich an den Falschen geraten, da gibt es Zunder, da wird es etwas lauter im Saal 215. Herr G. hat übrigens schon Gerichtserfahrung, auch auf einer anderen Bank als der des Zeugen.

Ein Freund sei er ihm, sagt Erkan G. über den Angeklagten. Immer noch. Und trotz allem. Das ist schon erstaunlich. Um eine dieser Männerfreundschaften muss es sich handeln, die um ihrer selbst willen bestehen, die man nicht erklären kann, weil es keine Gemeinsamkeiten gibt, nichts Verbindendes, ja nicht einmal ähnlich gelagerte Interessen. Herr G. ist, zumindest dem äußeren Anschein nach und laut eigener Angaben, ein erfolgreicher Geschäftsmann, der sich in verschiedenen Branchen versuchte, so auch im Schmuckgeschäft. Er wohnt im eigenen Haus, feiert Weihnachten mit der Familie gern im Frankfurter Tigerpalast Varieté  und steigt urlaubshalber vorzugsweise in noblen Hotels wie dem Continental Park zu Luzern ab. Die Welt des Dirk M. hingegen bestand aus Job-Center, durchzechten Stunden in Weinlokalen, unbezahlten Rechnungen, Wodka aus 100-Milliliter-Flaschen, der klassischen Maßeinheit des Alkoholikers, und Nächten bei Kerzenschein, weil der Strom abgestellt worden war.

„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“, sangen die Comedian Harmonists. In diesem Fall könnte das mit den seltsamen Reisen des Dirk M. in die Schweiz zu tun haben. Das mutmaßt Oberstaatsanwalt Dominik Mies: „Sie brauchten ihn, damit er dort für Sie Sachen erledigt!“ sagt er Erkan G. auf den Kopf zu. Es gibt da eine rege grenzübergreifende WhatsApp-Korrespondenz zwischen den beiden. Kryptische Botschaften gingen hin und her. „Weltmeisterschaft“ – „Was ist mit bunt?“ – „Noch keine Farbe“ – „Tor“ – „Na endlich …“ Herr G. sagt, er wisse selbst nicht, was dies zu bedeuten habe. „Sie erwarten doch nicht, dass ich Ihnen das abnehme?“, meint der Staatsanwalt scharf. Herr G. zuckt die Schultern. Er will dazu lieber nichts mehr sagen. Noch ist er nur Zeuge. Sein Abgang ist jedenfalls weitaus weniger prätentiös als der Einzug.

An dieser Stelle mag ein Vorfall von Bedeutung sein, den die Zeugin Magdalene K. in der Badischen Weinstube beobachtet haben will – einen Streit zwischen Erkan G. und Dirk M., in den sich dessen Frau Petra schlichtend einmischte. „Erkan zischte ihr zu: ,Weißt du überhaupt, wer euch finanziert?‘“ Welche geschäftliche Verbindung gab es zwischen den beiden? Der Schmuckladen des Herrn G., in dem sich Dirk M. tageweise aufhielt, die Zeit totschlagend, gelegentliche Botengänge erledigend, wird es kaum gewesen sein. Erkan G. gab das Geschäft zwischenzeitlich auf.

Richter Graßmück trägt die Auswertung der Geodaten des Mobiltelefons Samsung Galaxy S5 von Dirk M. vor. Am 20. März war er um 21.55 Uhr nach Hause gekommen. Der tragische Vorfall, bei dem Petra M. verprügelt, dann mit Spiritus übergossen und angezündet wurde, hat sich nach Ansicht der Ermittler in der folgenden Nacht, also der auf Dienstag, 21. März, zugetragen. Morgens verließ Dirk M. um kurz nach acht das Haus Friedrichstraße 17, um mit der S-Bahn nach Frankfurt zu fahren. Eine Überraschung weist das Bewegungsprofil des Angeklagten für den Abend auf: Bevor er in Dörnigheim ankam (von Mühlheim aus mit der Fähre über den Main), um sich von seinem Bekannten Heinz N. nach Hanau chauffieren zu lassen, war er bereits zu Hause gewesen, und zwar um 19.42 Uhr! Dort muss er seine sterbende Frau gefunden haben. Verdacht: Dirk M. wollte sich schnell ein Alibi besorgen. Im Beisein von Heinz N. hatte er unterwegs angeblich mit seiner Frau „telefoniert“.