Rabatt mit Juristenalgebra

Von Dieter A. Graber

HANAU. In ein paar Tagen wird Taher 20 Jahre. Er wird zu Hause feiern, mit den Eltern, dem Bruder, der Freun­din. Das wird dann auch eine Art Ab­schiedsfest sein, denn bald darauf wird Taher zum Haftantritt geladen, um den Rest seiner Strafe abzusitzen. Bis hierher enthält dieser Artikel viermal das Hilfsverb „werden“ im Fu­tur. Mehr sichere Zukunft aber dürfte es für Taher vorerst nicht geben.

Es ist die Geschichte eines Kriminel­len aus gutem Hause, der an eine nachsichtige Justiz geriet (hier und hier). Am ersten Verhandlungstag las Richterin Ober­länder aus seinen Strafakten vor: Körperverletzung, Beleidigung, Sach­beschädigung, Diebstahl, Hehlerei … Stets kam er mit dem erhobenen Zei­gefinger davon. Jugendstrafrecht ist dem Erziehungsgedanken verpflich­tet. Erst nachdem Taher – zusammen mit Jamea und Ali – in Erlensee einen Zi­garettenautomaten in die Luft gejagt und in der Hanauer Innenstadt einen Behinderten bestohlen hatte, brummte ihm der Hanauer Jugend­richter Filbert erstmals eine unbe­dingte Haftstrafe auf: 20 Monate ohne Be­währung.

Tahers Berufung wird zurückgewie­sen. „Man müsste bei Jugendlichen früher mit freiheitsentziehenden Maßnahmen eingreifen!“ sagt Richte­rin Susanne Wetzel. Wohl gespro­chen. Die Kammer hat sich ihre Ent­schei­dung nicht leicht gemacht. Ihr Rechtsspruch ist der Versuch, einen Ausgleich zwischen dem Verständnis für die durch fort­währende Indulgenz in ihrem krimi­nellen Tun bestärkten Täter und dem Sanktionsbedürfnis der Gesellschaft zu finden.

Der Angeklagte hatte vorgetragen, nach seiner fünfmonatigen Untersu­chungshaft geläutert zu sein. Er habe eine Lehrstelle in Aussicht. Er wolle seine Zukunft planen. Ein guter Mensch sein. Endlich. Hätte man ihn nur rechtzeitig mal ins Gefängnis ge­steckt, wäre vieles nicht passiert … Aber Tahers fromme Worte sind kaum mehr als eine müde Ver­teidigungsstrategie. Hinter dem Ausbildungs­platz steckt lediglich die Einladung zu einem unverbindlichen Gespräch; ein schier endloses Vorstrafenregis­ter dürfte hochtrabende Ziele zunichte­machen.

Sein Verteidiger, der Frankfurter Strafrechtler Robert Schmelzer, meinte in seinem Plädoyer: „Mein Mandant ist sich darüber im Klaren, dass er Schadenersatz wird leisten müssen.“ Wieder so ein Hilfsverb im Futur! Nicht: „Er will den Schaden wieder gutmachen!“ sagte er, was ein Indiz für Katharsis hätte sein können, für tätige Reue. Richterin Wetzel hebt das ausdrücklich hervor. Manche Pro­zesse werden im Detail entschieden. Dieser vielleicht auch.

Nach Abzug der U-Haft und bei guter Führung könnte Taher gleichwohl im nächsten Sommer wieder ein freier Mann sein. Zumindest vorüberge­hend. Die Staatsanwaltschaft habe da nämlich „noch einiges in der Pipe­line“, sagt die Vorsitzende: einge­stellte Verfah­ren, die flugs wieder zum Leben er­weckt werden könnten. Taher wird Bescheidenheit lernen und seine Vor­stellung revidieren müssen, eine  Mittlere Reife sei bereits ein Le­bens­werk. Er hat sich, wie an den beiden Verhandlungstagen zuvor, in Schale geworfen: Grau-brauner Pullover, schicke Hose. Das gegelte Haar klebt akkurat am Kopf. Ja, er hätte es zu etwas bringen können, dieser Flüchtlings­junge aus Palästina. Dass er ein Schwerkri­mineller wurde, ist, wie ge­sagt, nur zum Teil, wenn auch zum größten, seine Schuld.

Ähnlich liegt der Fall bei Jamea. Dieb­stahl, Hehlerei, Beleidigung und mehr hatte er schon auf dem Kerbholz, ehe ihm das Jugendschöffengericht, ein Gesamtpaket schnürend, zwei Jahren und zehn Monaten aufbrummte. Dass die Bezeichnung „Jude“, mit der er  mal einen Kontrolleur im Frankfurter Hauptbahnhof belegte, für ihn als Beleidigung taugt, mag be­zeichnend sein für seine Geisteshaltung. Sein Vater, der sich früh vom Hof machte, ist streng­gläubiger Moslem. Seit eineinhalb Jahren sitzt Jamea nun in Untersu­chungshaft, weil das Urteil wegen der Berufung nicht rechtskräf­tig gewor­den war. Dafür wurde die Strafe nun um vier Monate reduziert.

Auch Ali, der Dritte im Bunde, legte ein Geständnis ab, was ihm Plus­punkte einbrachte. Der Rest ist Juris­tenalgebra: Die Neubewertung ein­zelner Taten, wobei etwa die miss­lungene Sprengung des Fahrkar­ten­automaten in Rodenbach als „min­derschwerer Fall“ durchging, führte zu einem Nachlass in Höhe von sage und schreibe dreizehn Mo­naten. Die Sache mit dem gespreng­ten Automa­ten gilt, weil mit bis zu fünfzehn Jah­ren strafbewehrt, rein juristisch be­trachtet als das schwerste ihm zur Last gelegte Delikt. Am verab­scheu­ungswürdigsten aber ist, dass er einem behin­derten Mann die EC-Karte stahl und damit dessen Konto plünderte. Rich­terin Wetzel nannte dies „nieder­trächtig“. Niedertracht ist übrigens ein altes deutsches Wort für Perfidie. Und die kommt nur in der Haager Konvention vor, nicht im Strafgesetz­buch. Leider.