Rendezvous bei Lili

Kurz, knapp, präzise: Die Herren im geschäftlichen Dialog. Black Mask Magazin 1932

Von Dieter A. Graber

HANAU. Die flinken Äuglein von Da­vor B. tasten den Saal 216 ab als gelte es, einen Fluchtweg zu finden für den Notfall. Seine Brauen sind ge­schwun­gen wie zwei Schwippbögen aus dem Erzgebirge, und auf der Stirn haben sich tiefe Sorgenfalten einge­graben. Die Verhandlung heute könnte ins Auge gehen, um beim Bild zu bleiben. Davor B. (29) muss sich wegen ver­suchter räuberischer Er­pres­sung ver­antworten; und zwei­mal hintereinan­der dürfte ihm das Glück nicht gewo­gen sein. Hatte ihn doch das Schöf­fengericht in erster In­stanz freige­sprochen, und das war mehr als Dusel gewesen, er wird es selbst wissen. Die Staatsanwaltschaft jedenfalls ging in die Berufung.

Es liegt nun einige Jahre zurück, da hatten ein paar Jungs ein großes Ding gedreht, ein Raubüberfall mit 150000 Euro Beute. Auch der Ümit war mit von der Partie gewesen, der Sohn von Herrn Ö., aber die Polizei hatte das Geld ratzfatz wieder sichergestellt, was die Jungs zunächst gar nicht mit­be­kamen. Sie vermuteten es beim Ümit. Sie vermuteten ferner, dass der sie übers Ohr hauen wolle. Deshalb lie­ßen sie seinem Vater eine Nach­richt zukommen, per SMS: „Lili-Schöne­mann-Steige. Das ist die Ad­resse. Um 21.30 Uhr. Nicht Geschenk vergessen! Und komme nicht zu spät.“ Das war, nachdem sie ihm ei­nen Besuch abgestattet hatten.

An dieser Stelle ein bisschen Volks­hochschule: Der steile Weg befindet sich am Frankfurter Ostpark. Lili Schönemann (1758 – 1817) war kurz Goethes Verlobte und erst sechzehn, als sich der reimende Schwerenöter an sie ranmachte: Wie ihn alle sieben Sinne jücken!/Und sie - sieht ganz gelassen drein./Ich küß' ihre Schuhe, kau an den Sohlen …. Nun, in „Dich­tung und Wahrheit“ kann man wei­tere Details der pikanten Affäre nachlesen. Herr Ö. wird das nicht ge­wusst haben. Er ist ein Rentner aus der Türkei. Die Botschaft verstand er wohl.

Ein bulliger Mann ist er, einer von der Sorte, bei denen es dunkel wird, wenn sie in den Bus steigen. Am Hin­terkopf gibt es eine lichte Stelle im kurzen, angegrauten Haar. Die Unter­lippe scheint so schwer zu sein, dass sie sich im Ruhezustand erdwärts neigt. Sein Sohn Ümit sitzt gerade ein paar Jahre wegen besagten Raubes ab. Herr Ö. erinnert sich noch gut da­ran, wie sie ihm vor seiner Wohnung in Kessel­stadt auflauerten: „Drei Per­sonen. Ei­ner mit Vollbart. Entweder ich würde innerhalb von zwei Tagen bezahlen, oder sie entführten meine Frau und meine Tochter. Sie würden mir den Treffpunkt noch mitteilen.“ Ein Ge­schäftsgespräch unter Män­nern also. Kurz, knapp, präzise. Herr Ö. ging dann schnurstracks zur Poli­zei. Was hätte er auch tun sollen; das Geld war ja schon dort.

Die anderntags folgende elektroni­sche Kurznach­richt kam von Davor B., soviel krieg­ten die Fahnder schnell heraus. „Zu­nächst hatten wir ja nur die Nummer, aber bei der Überwa­chung kamen wir auf seinen Namen“, berichtet Kom­missarin Renate T. aus Hanau im Zeu­genstand. Seine Woh­nung im Rie­derwald war ein Treff­punkt geschei­terter Existenzen: Ar­beitslose und -scheue gaben sich hier die Klinke in die Hand. Die Polizei stieß da auf ei­nen ganzen Schwung Mobiltelefone. Herr B. ist Bastler. Er habe die mobilen Endgeräte nur re­pariert. Schließlich hätte jeder seiner Besu­cher das Handy der Marke Sam­sung unbemerkt benutzen können. Man kann das glauben, man muss es aber nicht. Das Schöffengericht tat es …

Auf dem Tisch von Richterin Peter von der 6. Kleinen Strafkammer sta­peln sich die Akten. Sie ist in ihrem Juristenleben so oft angelogen wor­den, dass sie vermutlich sogar auf die Uhr schaut, wenn einer „Guten Mor­gen“ sagt. Sie hat diesen Papierberg durchforstet, endlose Reihen von Verbindungsdaten – Gespräche, Kurznachrichten. Sie sagt lächelnd: „Es war ein Puzzlespiel. Aber ich liebe Puzzle­spiele.“ Das Bild, das sie zu­sammen­setzte, passt nicht zu Davors Ge­schichte, hatte er das Te­lefon doch nachweislich auch vorher schon häu­fig benutzt, mit ver­schiede­nen SIM-Karten.

Der Angeklagte hat sich eine neue Geschichte zurecht gelegt. Sie geht so: „Das Handy gab mir ein gewisser Pero. Ich kenne ihn aus einem Café in Frankfurt. Er ist in der Baubranche. Mehr weiß ich nicht.“ Mit der SMS habe er ihm nur eine Gefälligkeit er­wei­sen wollen. „Ich ahnte schon, dass es da nicht mit rechten Dingen zuging …“ Sein Gesicht zeigt nun den leicht verschmitzten Ausdruck eines Man­nes, der beim Mogeln erwischt wurde. Die Richterin fragt: „Was ha­ben Sie dafür bekommen?“ – „Nichts!“ lautet die Antwort. Vertei­diger Alois Kovac aus Offenbach sagt: „Mein Mandant hat sich entschlos­sen, reinen Tisch zu machen.“ Das müsse sich doch strafmildernd … usw. usw.

Tut es dann auch: Wegen Beihilfe zur versuchten Erpressung, also eines deutlich abgespeckten Tatvorwurfs, gibt es neun Monate auf Bewährung, dazu muss Davor B. noch 200 Stun­den ge­meinnützige Arbeit leisten. Seine Stirn hat sich inzwischen ge­glät­tet. Es hätte schlimmer kommen können. Schnurrig meint Anwalt Ko­vacs: „Ohne sein Ge­ständnis wäre es ein viel größeres Puzzle ge­worden, mit mindestens 5000 Tei­len.“

Wir sind aber sicher, dass „Miss Puz­zle“, par­don: Richterin Peter, auch dies geschafft hätte!