Resignation mit Biss

Die Medien spekulieren halt gerne, wenn sie sonst nichts zu berichten wissen: Natürlich ist er nicht geplatzt, aller Voraussicht nach wird er im März mit einem Urteil zu Ende gehen

HANAU. Der Klockprozess hat seine eigene Dynamik entwi­ckelt. Ruhigeres Fahrwasser, könnte man sagen. Es ist nicht mehr das verbissen geführte Ver­fahren wie damals vor der 1. Großen Strafkammer, es fehlen die brachialen Anträge der Ne­benklagevertreter, die am Ende nur noch auf Konfrontation mit dem Vorsitzenden gerichtet wa­ren. Stattdessen wechseln nun­mehr kleine Nickligkeiten wie Pingpongbälle hin und her zwi­schen den Verteidigern und ihren Kollegen von gegenüber. Bissige Bemerkungen. Mehr nicht.

Dies mag der souveränen Pro­zessführung  durch Richterin Su­sanne Wetzel geschuldet sein, fast möchte man von Moderation sprechen, die für Störfeuer wenig Angriffsfläche bietet. Möglich aber auch, dass sich eine gewisse Resignation breit gemacht hat. Die Erwartung, dass in diesem zweiten Klockprozess alles an­ders bewertet würde und am Ende eine Verurteilung stünde, dürfte sich erledigt haben. Nun steht auch Stefan, Sohn des ge­töteten Ehepaars und einer der Nebenkläger, dem Gericht nicht mehr zur Verfügung. „Verhand­lungsunfähigkeit“ hat ihm der Amtsarzt attestiert. Im ersten Prozess berichtete er, seine El­tern hätten an jenem schicksal­haften 6. Juni 2014 über nahezu kein Geld mehr verfügt und die ausste­hende Miete „mit aller Macht“ kassieren wollen. Mit aller Macht! Was das wohl be­deutet habe, hatte Richter Graßmück gefragt. Antwort: „Dass sie jetzt Druck ma­chen würden …“ – „Druck? Damit war was ge­meint?“ – „Sie woll­ten die beiden rausschmeißen.“

Peter Graßmück wird in diesem Prozess doch noch einmal zu Wort kommen. Die Verteidiger Scherzberg (Frank­furt) und Kühne-Geiling (Diet­zenbach) haben beantragt, ihn als Zeugen (für die damalige Aussage des Stefan Klock) zu hören. „Ich würde ihn dann bitten – aber prozessual wäre es natürlich eine förmliche La­dung“, sagt die Vorsitzende. Tja, so ein Zeugenstuhl hat eine harte Sitzfläche, auch für Richter.

Herr S. betreibt ein kleines Bau­unternehmen in Frankfurt. Klaus-Dieter B. und sein Sohn Claus Pierre arbeiteten jahrelang bei ihm. Herr S. war mehr als nur ein Chef. Vielleicht so etwas wie eine Respekts- und Vertrauens­person, Seelentröster und guter Freund in einem. Noch genau erinnert er sich an die Verzweif­lung des alten B.: „Er zeigte mir eine Wunde am Bein, die vom Hund seiner Vermieter stamme. Die würden Druck machen. Er habe Angst und brauche dringend Geld. Ich lieh ihm 500 Euro.“ Herr S. bekam das Geld nicht wieder, aber er macht nicht den Eindruck, als sei er deshalb böse.

Er hatte wohl Mitleid mit Klaus-Dieter B., aber auch Respekt vor dessen Lebensleistung: „Er schlug sich immer allein durch, zog auch seinen Sohn allein auf, nahm nie staatliche Hilfe in An­spruch.“ Claus Pierre begann bei Herrn S. eine Maurerlehre, scheiterte aber. Kein Abschluss. Er arbeitete später mit dem Va­ter, mal hier, mal da, für kleines Geld. Die Miete war da nicht immer drin.

Der nächste Zeuge ist Herr H., ein ehemaliger Arbeitskollege der beiden. Er traf Claus Pierre einmal zufällig an einer Tank­stelle. „Er fragte, ob ich jeman­den kenne, der das Problem mit seinem Vermieter lösen könne.“ In einem Polizeiprotokoll wird sich später der Zusatz finden: „gegebenenfalls gewaltsam“. Nein, beteuert Herr H., so sei das nicht gemeint gewesen. „Höchs­tens ein bisschen einschüchtern.“

Und dann, am Ende seiner Ver­nehmung, sagt Herr H. noch: „Die beiden waren fleißige, nette und gute Kollegen!“ Er sagt das spontan und ungefragt. Er muss das loswerden. Es verärgert die Nebenklagevertre­ter. Hat einer im Zeugenstand ein letztes Wort? Wieder Anlass für Sticheleien.

Was noch? Richterin Wetzel verliest ein Urteil des Landge­richts Frankfurt. Es hatte Harry Klock am 17. Januar 2008 wegen Untreue zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Er hatte seine eigene Mutter um 27.000 Euro geprellt. Eine üble Ge­schichte – aber kann sie in die­sem Verfahren als Beweis tau­gen? Und wenn ja: für was?