On the Road Again

Privat oder öffentlich? Tomasz‘ ganz persönliche Piste in Hanau

Von Dieter A. Graber

HANAU. Tomasz ist eine ungelenke Gestalt mit schmalen Schultern, fahrigen Gesten und Schwermut in den grauen Augen. Tomasz ist 37 Jahre alt und stammt aus Polen. Er lebt in einem anonymen Wohnsilo im Lamboy. Er hat keine Frau und keine Freunde. Er ist so ein­sam wie ein Leuchtturm bei Nacht. Und eigentlich ist das auch schon al­les, was es über Tomasz zu erzählen gibt. Denn sein Leben ist ein müder, träger Fluss, der sich durch den Ka­lender windet, eintönig und inhalts­leer. Der Einzige, der ihn regelmäßig in die Arme nimmt, ist der große Tröster Alkohol.

Zu dem Wenigen, was Tomasz besitzt, gehört ein Auto, ein alter, ein sehr al­ter Opel Corsa, der schon lange nicht mehr zugelassen ist. Weiß der Him­mel, was er mit der rostigen Scherbe überhaupt anfangen wollte, er hat ja keine Fahrerlaubnis. Den polni­schen Führerschein haben sie ihm schon vor vielen Jahren abge­nommen. Und überhaupt: Wohin hätte er auch fah­ren sollen, ein Mann ohne ein Ziel im Leben? Da ist er halt ein bisschen auf dem großen Parkplatz, der zu dem Hochhaus gehört, herum­geschuckelt mit seinem Wägel­chen. Mal richtig Gas gege­ben hat er, dass der kleine Motor er­schro­cken auf­heulte und die Bewoh­ner verwundert zu den Fenstern stürzten. Auch Herr  A., der Haus­meister. Er rief die Poli­zei.

Und nun sitzt der Tomasz auf der An­klagebank des Hanauer Amtsgerichts, Saal 22, Erdgeschoss, und sagt klein­laut: „Aber ich befand mich doch auf einem Privatgrundstück und gar nicht auf der Straße.“ Richterin Santi Bhanja hat eine Skizze der Örtlichkeit in den Akten und Bilder obendrein, denn die Polizisten haben gründliche Arbeit geleistet und den Tatort auch gleich fotografiert. Schließlich ist To­masz ja ein alter Bekannter. Einmal war er in Hanau am Steuer seines Au­tos geblitzt worden, und ein Polizist hatte ihn auf dem Radarfoto gleich erkannt. Ein andermal war er in der August-Schärttner-Straße mit 2,17 Promille vom Rad gefallen. Das pas­sierte auf dem Heimweg vom Kiosk, wo er „nachgetankt“ hatte …

Und jetzt schon wieder so eine ärger­liche Geschichte. Tomasz hat den er­fahrenen Verkehrsrechtler Volker Bern­hardt an seiner Seite. Vielleicht ist das ein Glück für ihn. Bernhardt sagt: „Mein Mandant glaubte, er tue nichts Verbotenes. Er musste nämlich an­nehmen, dass es sich bei dem Park­platz nicht um eine öffentliche Ver­kehrsfläche handelt.“ Verbotsirrtum nennt der Jurist das. In Paragraph 17 StGB ist es so beschrieben: „Fehlt dem Täter bei Begehung der Tat die Einsicht, Unrecht zu tun, so handelt er ohne Schuld, wenn er diesen Irr­tum nicht vermeiden konnte.“ Also muss Richterin Bhanja erst mal klä­ren, ob es sich bei dem Parkplatz überhaupt um eine Fläche des öf­fentlichen Verkehrs handelte.

Oberkommissarin K. sagt im Zeugen­stand: „Für mich schon. Schließlich kann da jeder von der Straße aus drauf fahren.“ Es ist ein großer Park­platz. Er zieht sich in Hufeisenform rings um das Hochhaus. Jeder Mieter hat dort eine Abstellfläche. Es müssen Hunderte sein. Es gibt ein paar Schil­der, „20 km/h“ zum Beispiel und „Feuerwehrzufahrt“ und „Privater Einstellplatz“ und „Straßenschäden“. Es macht einen sehr öffentlichen Ein­druck. Aber das war nicht immer so …

Konrad A. ist Hausmeister. Ein kräfti­ger Mann mit kantigem Schädel, kur­zen Haaren und natürlicher Autorität,  die einer auch braucht, wenn er in ei­ner derart großen Liegenschaft für Ordnung sorgen muss. Er hat alles im Blick und lässt nichts durchgehen. Keinem. Erst recht nicht dem Tomasz, der schon mal abgemahnt wurde, weil er laute Musik gehört hatte. Herr A. ist eine Art Günter Netzer der Wohnanlage. Um im Bild zu bleiben könnte man Tomasz als den Stefan Effenberg der Mietergemeinschaft bezeichnen. Ein herzensguter Kerl, das schon, aber doch etwas undiszip­liniert.

Früher gab es mal eine Schranke an der Einfahrt zum Parkplatz. Lange her. Es muss zu der Zeit gewesen sein, als man noch „Kosakenkaffee“ trank und der Bundeskanzler Helmut Schmidt hieß. Sie ging ka­putt. Herr A. brachte eine Kette an. „Aber als ein Kind da fast verunglückt wäre“, sagt Herr A., „habe ich sie wieder ent­fernt.“ Er handelt in sol­chen Fällen schnell und auf eigene Faust. Man könnte sagen, er habe den Parkplatz einfach zum Verkehrsraum umge­widmet. Richterin Bhanja sagt das auch so.

Anwalt Bernhardt wendet ein: „Da stehen auch – unbeanstandet – ei­nige nicht angemeldete Fahrzeuge.“ Das ist auf öffentlichen Flächen ver­boten. Also doch ein Privatgrund­stück? Es geht noch eine Weile hin und her, was aber nichts am Ver­botsirrtum ändert. Und so kriegt To­masz seinen Freispruch. Es ist kein Freispruch mit klingendem Spiel, das nicht. Aber es ist der erste in seinem Leben.