Romantik mit scharfen Schüssen

Da lässt sich nicht genug warnen: Erotische Praktiken, bei denen Schusswaffen benutzt werden, können unangenehme Folgen haben. Abb.: Pulp-Magazin, USA, vermutlich 50er Jahre

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es war im vergangenen De­zember. Volkeprozess, erster Durch­gang: Banu D. saß im Zeugenstand, Lutz H. auf der Anklagebank. Anwäl­tin Friederike Vilmar, die Ulrike Volke als Neben­klägerin vertritt, zeigte sich stark inte­ressiert am Sexualleben der beiden. Ob es „erfüllt“ gewesen sei, begehrte sie zu wissen. „Ja“ hatte Frau D. als Ant­wort gehaucht. Lächelnd. Wis­send. Wir lassen dies zum besse­ren Verständnis des Folgenden mal so stehen …

Nun ist die 1. Große Strafkammer im zweiten Durchgang des Verfahrens. Heute sagt wieder Errol aus, der Ver­deckte Ermittler, behördenin­tern auch als VE3 bezeichnet. Es geht um „romantische Abende“, um Kin­derer­ziehung, auch um Schusswaffen geht es. Natürlich um Schusswaffen. Jür­gen Volke war ja mit einer FN Brow­ning getötet worden. Kaliber 7.65 Browning. Das ist eine von dem gleichnamigen amerikanischen Büch­senmacher entwickelte Patrone für halbautomatische Pistolen. Bei einem gemütlichen Beisammensein im Sep­tember 2015 hatte Lutz H. den Ver­deckten Ermittlern freimütig erzählt, damit sei der Gallienstraßenmord be­gangen worden. Kaliber 7.65 – Brow­ning, wohlgemerkt. Aber war das „Täter­wissen“? Errol versucht, es in seinem Protokoll so darzustellen. Es gibt nämlich noch eine Reihe anderer 7.65er – Luger, Walther PPK, Mauser. Später am Abend, als die beiden VEs unter sich waren, müssen sie sich wohl trium­phierend ihrem Ziel, Lutz H. der Tat zu überführen, ein Stück näher gefühlt haben. Doch habe Kri­minalkommissar Bernd Fischer kurz nach dem Mord das umfangreiche – legale – Waffenarsenal des Lutz H., der da­mals schon als Hauptverdächti­ger galt, in dessen Beisein gezielt nach ei­ner FN Browning durchsucht, heißt es. Also: Wie „exklusiv“ war die In­forma­tion da überhaupt noch?

Der Einsatz der Verdeckten Ermittler erweist sich zunehmend als proble­matisch. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die von Errol und Ayse im Laufe eines Jahres unter vorgegau­kelter Freundschaft gesammelten Alltäglichkeiten nun­mehr als Indizien für eine Mittäter­schaft der Banu D. herhalten sollen. Ihre Verteidiger Torsten Fuchs (Frankfurt) und Axel Küster (Wiesba­den) zumindest äu­ßern diesen Ver­dacht. „Hier wird ge­zielt Stimmung gegen unsere Man­dantin gemacht“, kritisiert Küster.

Breiten Raum nehmen dabei deren Kinder ein, Sarah und Asena. Wenn die beiden „befreundeten“ Paare abends in der Umge­bung von Eisen­tratten ausgingen, zum Essen in die Pizzeria oder die Alte Burg von Gmünd, mussten die Mäd­chen zu­hause bleiben. Sie waren da­mals zehn und fünf Jahre alt. Blieben die Kinder sich selbst überlassen? Unbeaufsich­tigt? Waren sie gar ge­fährdet? Errol, selbst kinderlos, sagt, er habe sich Sorgen ihretwegen ge­macht. Sie seien sehr selbständig, hatte Banu D. da­mals jedoch abgewinkt. Ist sie deshalb eine Rabenmutter? Staatsanwältin Bettina Fauth hatte seinerzeit als Zeu­gin hingegen ausgesagt, Frau D. sei fürsorgli­ch mit ihren Kindern umge­gangen.

Möglicherweise sind die Amtsver­merke von Ayse und Errol vor der Endfassung auf Anweisung ihrer Vor­gesetzten diesbezüglich noch ein we­nig „aufpoliert“ worden. „Schreib mal was über die Kinder“ soll ein VE-Füh­rer angeordnet haben. Die Verdeckten Ermittler beteuern, das seien nur Denkanstöße, also Erinnerungen ge­wesen.

Anekdoten über Schießübungen als Bestandteil „ro­mantischer Abende“ finden sich in den Ver­merken, sogar in einem Mehrfamilienhaus soll so etwas passiert sein, wobei die Kü­chenwand als Kugelfang gedient habe. Banu D. bewahrte angeblich „im Bett­kasten“ eine ganze Sammlung von Patronenhülsen als „Andenken“ auf. Letztlich ergibt das Persönlichkeits­profil der beiden Angeklagten, wie es sich in den VE-Protokollen dar­stellt, das Bild zweier von Feuerwaffen fas­zinierter, von Tötungsphantasien be­flügelter Egozentriker. Das ist dick aufgetragen, so dick, dass sich unter der Schicht des vermeintlich Bösen die Menschen gar nicht mehr erken­nen lassen. Verwunderlich ist auch, dass trotz dieser Fülle angeblicher „Indi­zien“ für eine potenzielle Mittä­terschaft der Banu D. noch sieben Monate ins Land gingen, ehe die Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl beantragte. Zu­vor war sie sogar noch als Zeugin ver­nommen worden.

Dabei lag dem BKA offenbar schon im Juni 2015 ein „Geheimdossier“ über sie vor, angefertigt von einer österrei­chischen Polizeipsychologin, die Banu D. allerdings nie zu Gesicht bekom­men hatte. Darin ist von „aus­gepräg­ten Gewaltphantasien“ die Rede, und es taucht – womit wir wieder am An­fang dieses Artikels sind, Sie erinnern sich – die dubiose Geschichte einer „romantischen sexuellen Zusammen­kunft“ (O-Ton) der beiden auf. Im Ver­lauf des Liebesspiels habe Lutz H., enthusiasmiert oder wa­rum auch im­mer, eine Pistole abge­feuert. Verletzt wurde offenbar niemand, und auch sonst ist über diese libidinöse Praxis im Leben des Großwildjägers Lutz H. nichts Näheres bekannt.

Aber vielleicht ist sie auch nur ein weiteres Phantasieprodukt in diesem Fall.