Saufen, kiffen, abkassieren

Feine Adresse für „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“, die es anderswo nicht so toll fanden: Schloß Hausen. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU/SCHLÜCHTERN. Dawit ist verstockt. Wie ver­steinert sitzt er auf der Anklagebank, dieser schmale, fast magere Junge, während ihm die Dol­metscherin un­aufhörlich den Prozess­verlauf in Tigrinya souffliert, jene Sprache, die in seiner Heimat Eritrea am weitesten verbreitet ist. Es läuft schlecht für ihn. Es steht lebensläng­lich im Raum.  Aber Dawit schweigt.

Ach ja, die Dolmetscherin. Schon einmal hatte Dawit sie abgelehnt. Sie spreche einen äthiopischen Dialekt, hatte er bemängelt. So etwas gehe gar nicht. Äthiopien und Eritrea, da spielt ein alter afrika­nischer Konflikt mitten hinein in den Saal 216 des Hanauer Landgerichts. Heute muss er mit der Übersetzerin, die immerhin öffentlich vereidigt ist, vorliebnehmen.

Inzwischen gilt es als ausgemacht, dass Dawit bei seinen Altersangaben ge­logen hat. Vermutlich kam er am 10. Januar 1993 zur Welt, nicht erst vier Jahre später, wie es in seinen „Papieren“ steht, vermutlich in As­mara, der Hauptstadt des nordostafri­kanischen Landes. Aber was weiß man schon genau über diesen Mann, der sich jünger machte, weil es in Deutsch­land für unbegleitete jugend­liche Flüchtlinge so viel gibt, Geld und Wohnung und Job und Betreuung. Eine ganze Weile lebte er im Schloß Hausen in Bad Soden-Salmünster, wo er, wie sich ein Sozialarbeiter erin­nerte, wegen gelegentlicher Regelver­stöße auffiel. Der Betreiber, das Christliche Jugenddorfwerk Deutsch­lands e. V., bezieht Jugendhil­fe­leis­tung nach Paragraph 27 SGB VIII für unbegleitete minderjährige Flücht­linge. Dort wusste man zumin­dest, dass Dawit bereits in Italien als Asylbe­werber anerkannt war. Es wurde aber ig­noriert. Für jeden unbegleiteten minderjährigen Flüchtling werden im Monat zwischen 3.000 und 5.000 Euro fällig (dazu hier und hier).  

Tomas ist zwanzig – nein, dreiund­zwan­zig Jahre alt, wie er auf nach­drückliches Befragen durch Rich­terin Susanne Wetzel kleinlaut korri­giert. Auch er ist schlank. Auch er ist ge­flüchtet übers Mittelmeer nach Lampedusa. Auch er ist anerkannter Asylbewerber. Die beiden sind Freunde. Dass sie bei ihren Geburts­daten geschwindelt haben, räumt To­mas freimütig ein. „Man riet uns dazu, an­dernfalls könnten wir wieder abge­schoben werden.“ Tomas und Dawit hatten sich, obschon in Italien angeb­lich ohne Mittel und Dach überm Kopf, spontan zwei Eisen­bahnfahr­karten von Mailand nach Frankfurt gekauft. Tomas spricht pas­sables Deutsch, hat aber keinen Job. Zwar verfügt auch er über einen Haupt­schulabschluss, aber mit dem Schrei­ben und Lesen hapere es, räumt er ein.

Kurz vor der Tat habe er eine „Verän­derung“ an Dawit be­merkt. „Er wurde stiller.“ Vielleicht lag es daran, meint der Tomas, dass sie „rassistisch belei­digt“ worden seien.  Später kommt dann heraus, dass die Übeltäter an­dere Flüchtlinge gewesen waren. Af­ghanen, Äthiopier, Somalier, wer weiß. Die Beziehungen Eritreas zu fast allen seinen Nachbar­staaten sind an­gespannt. Aber an­sonsten, sagt der Tomas, sei Dawit ein fröhlicher Typ gewesen, habe sich gern mit der Play­station die Zeit ver­trieben, gern Hor­rorfilme geschaut, gekifft und, ja auch das, ziemlich viel Alkohol getrunken. In seiner Küche, in einem Fach unter­halb des Kühl­schranks, war eine ganze Batterie lee­rer Flaschen gefun­den worden. „Die Wohnung war eine Art Kneipe für uns“, sagt der Tomas.

„Und eine Freundin?“ fragt Richterin Wetzel? Da sei mal was gewesen, er­innert sich der Zeuge dunkel. Ob sich der Angeklagte vielleicht mehr zu Männern hingezogen fühlte, insistiert die Vorsitzende. „Meinen Sie: schwul?“ fragt Tomas ungläubig. Nein, das könne er sich nicht vorstel­len, und der Mustafa, also das Opfer, habe sich doch auch für Frauen inte­ressiert … „Vielleicht bisexuell?“ Das geht dem Tomas jetzt ein wenig über sein Vorstellungsvermögen; so­wohl Männer als auch Frauen? In Eritrea sei so etwas undenkbar.

Vielleicht ist das Undenkbare die Spur eines Motivs, nach dem die Kammer sucht, die Staatsanwaltschaft, auch Ulrich Will, der Verteidiger: eine gleichgeschlechtliche se­xuelle Affäre als Tabubruch. „Der Mustafa hat mein Herz und meinen Verstand kaputt gemacht“, soll Dawit einmal geäußert haben. Aber was auch immer zu der grauen­vollen Tat vom Abend des 7. Oktober 2016 ge­führt haben mag, Dawit schweigt ei­sern. Mit Engelszungen hat Rechts­anwalt Will, hat Richterin Wetzel auf ihn ein­geredet, ihm klar zu machen versucht, dass sich nur eine „Einlas­sung“, wie Juristen sagen, strafmil­dernd aus­wirke. Auf gut Deutsch: Butter bei die Fische! Aber vergeblich.

Und sollte Dawit tatsächlich schon vierundzwanzig sein, woran es inzwi­schen wenig Zweifel gibt, muss seine Tat nach Erwachsenenstrafrecht ge­ahndet werden. Auf Mord steht da eine lebenslange Freiheitsstrafe. Die Kammer hat ein Altersbestimmungs­gutachten in Auftrag gegeben. Es wird mehrere Tausend Euro kosten. Ein „Geständnis“ hinsichtlich seiner tat­sächlichen Lebensjahre könnte ihm zum Vorteil gereichen. Aber Dawit bleibt dabei. Er sei zwanzig Jahre. Irgend­wie scheint das Verfahren in einer Sackgasse gelandet zu sein.