Schlaf oder Schlummer

Rund 130 Meter Luftlinie trennen den Ort des Geschehens von der Liege, auf welcher die Zeugin Andrea S. ruhte. © GoogleEarth

Von Dieter A. Graber

HANAU. Hat Frau Sch. bei ih­rem Nickerchen tief geschlafen oder nur gedöst? Ruhte sie im Zustand tiefer Somnolenz auf ih­rer gelben Gartenliege oder war es ein leichter Schlummer, dem sie sich hingegeben hatte am Mittag des 6. Juni 2014? Für die Rechtsanwälte Bauer und Diet­rich scheint das eine Art Gret­chenfrage geworden zu sein, in der sie ihre ganze Empörung zu bündeln vermögen über ein Ur­teil, das doch längst Geschichte ist. Gerade so, als seien Klaus-Dieter B. und sein Sohn Claus Pierre freigesprochen worden wegen der Fehlinterpretation des Mittagsschläfchens von Andrea Sch. auf dem Gelände der IG Pferdeglück zu Dörnigheim.

Dreimal musste Frau Sch. da­mals vor der 1. Großen Straf­kammer als Zeugin erscheinen. Einen Tag nach dem Verschwin­den von Harry und Sieglinde Klock hatte sie einem Polizisten berichtet: „Ich wurde durch zwei Schüsse geweckt.“ Hundegebell hingegen habe sie nicht gehört. Auch kein Schreien. Nur Vogel­gezwitscher und die Stille des mittäglichen Mainufers. Zweimal peng und sonst nichts. Das wie­derholte sie vor Gericht.

Rechtsanwalt Michael Bauer schlussfolgert daraus, die Ge­schichte des Angeklagten Claus Pierre B. über einen Kampf mit dem wütenden Harry Klock, akustisch begleitet von dessen Kanarischen Doggen, bei dem der Angreifer schließlich „in Not­wehr“ erstochen worden sein soll, könne nicht stimmen. Es müsse Mord gewesen sein. Kalt­blütiger Mord. Die Kammer hatte aber ins Urteil geschrieben, Frau Sch. habe erstens fest geschlafen und zweitens wegen des ständi­gen Flug- und Verkehrs­lärms oh­nehin nichts wahrnehmen kön­nen. Das ärgert Bauer. Er bean­tragt ein Gutachten. Eins? Ach was, gleich ein paar – vom Deut­schen Wet­terdienst zur Wind­richtung an je­nem Tag, von der Flugsicherung zum Verkehr am Himmel und dann noch eins über den auf der nahen L3268 und, nicht zu ver­gessen: Die Entfer­nung zwischen Main River Ranch und jener Straße soll amt­lich festgestellt werden. Es sind übrigens exakt 120 Meter. Und das ohne Gut­achten.

Längst hat sich der zweite Klock­prozess emotional hochge­schau­kelt zu einer verschwö­rungsthe­oretischen Auseinandersetzung, die von der lin­ken Seite im Saal 215 befeuert wird: Von den Angehörigen der Toten und ihren Rechtsvertretern. Für sie mö­gen diese Anträge auch ein Stück Vergangenheitsbewälti­gung sein; die Abrechnung mit einem Ur­teil, das zu akzeptieren ihnen, verständlicherweise, nicht mög­lich ist. Sie haben gekämpft um diese Neuauflage. Sie wollen diesmal ein anderes Ergebnis. Ihr Ergebnis.

Polizeibeamte sagen aus. Sie er­innern sich an den Gang der Er­mittlungen, der ein mühsamer war. Was haben sie nicht alles getan, um das Schicksal der ver­schwundenen Eheleute aufzuklä­ren. Die Abwassergrube wurde geleert, der Misthaufen umgeschaufelt. Ein Taucher quetschte sich bis auf den Grund des schmalen Brunnens, der den Hof mit Was­ser versorgte. Ein Leichensuch­hund schnüffelte eineinhalb Stunden lang das 2.900 Quad­ratmeter große Ge­lände ab. Ohne Erfolg. Dabei la­gen die Leichen neben der Party­hütte, verscharrt unter Stroh, Pferdedung und al­ten Brettern, nur ein Steinwurf vom Eingang des Wohnhauses entfernt, wo „die todbringenden Handlungen stattfanden“, so Oberstaatsanwalt Heinze. Kurios: Die Fahnder hatten hier nichts­ahnend Gerüm­pel aufgehäuft, das ihnen bei der Suche im Wege gewesen war, kaputte Sitzmöbel, Kisten und Plastiktüten voller Unrat.

Früh konzentrierte sich der Ver­dacht auf Vater und Sohn B., aber auch Manuel M. musste sich eine Festnahme samt Wohnungs­durchsuchung gefallen lassen. Der junge Mann hatte dereinst ebenfalls auf der Ranch gewohnt. Er soll mal eine Drohung gegen die Klocks ausgestoßen haben. Er sei, hieß es, bewaffnet. Er wurde auf der A66 von der Poli­zei gestoppt. Er hatte aber ein Alibi.

Eine knappe Woche nach dem Verschwinden der Klocks mel­dete die Schwester des Klaus-Dieter B. der Polizei einen bri­santen Fund, auf den sie in ihrem Keller gestoßen war: eine Wal­ther P.38, versteckt in einem lee­ren Farbeimer. Kurz zuvor hatte ihr Bruder sie gebeten, etwas bei  ihr deponieren zu dürfen. Die Waffe, mit der Sieglinde Klock erschossen worden war. Zu die­sem Zeitpunkt saßen die beiden bereits in Untersuchungshaft.