Schlag auf Schlag

Von Dieter A. Graber

HANAU. Offiziell zählt Heinrich B. 59 Lenze, aber wenn man ihn so an­schaut, könnte er durchaus noch ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel haben. Sein Gesicht ist die Landkarte seines Lebens. Ein Vulkangebirge. Furchen und Falten. Irgendwie denkt man da an „Sex and Drugs and Rock'n'Roll“. Vielleicht, weil Heinrich B. schon heute so aussieht wie Keith Richards in zehn Jahren.

Er muss sich vor Amtsrichterin Kohlheim wegen Körperverletzung und ein paar anderer Delikte verant­worten. Heinrich B. hat seine Frau Sabine vermöbelt. Laut Staatsanwalt Joachim Böhn war er abends nach Hause gekommen, hatte Sabine be­schimpft, gedroht, sie vom Balkon zu werfen, ihr gegen den Kopf ge­schla­gen. Sie flüchtete zum Nach­barn.

Nun fragen Sie nicht: Warum? Es gibt keine Erklärung. Es passierte einfach so. Die Polizei fand Heinrich B. spä­ter schla­fend auf dem Sofa. Er hatte irgend­was zwischen zwei und 2,46 Promille intus. Er sagt: „Ich kann mich an gar nichts erinnern. Ich war total zu. Al­kohol und ein paar Joints …“ Seine Augen können das Gewicht der Lider kaum tragen, und seine Bewegungen sind so schlapp, dass er nahe am Wegdösen zu sein scheint auf der An­klagebank. Vielleicht hat er ja heute auch schon den einen oder anderen genippelt.

Die Geschichte des Heinrich B. ist eine einzige Kriegserklärung an un­sere Gesellschaft. Dreiundzwanzig Eintragungen finden sich in seinem Register: Betrug, Körperverletzung, Diebstähle, Einbrüche – eine ganze Li­tanei der Delinquenz muss Richterin Kohlheim herunterbeten, als sie seine Vorstrafen auflistet. Fast kein Jahr verging, an dem er nicht irgendeine Anklagebank drückte, mit Ausnahme derer, in denen er Haftstrafen absaß. Mit einundzwanzig legte er los. Eine Trunkenheitsfahrt. Dann ging es Schlag auf Schlag.

Heinrich B. hört diesen Offenba­rungseid seines Lebens mit verstei­nerter Miene. Nur ein dünnes Lächeln zieht dann und wann seine Mund­winkel nach oben, hervorgerufen vielleicht von der Erinnerung an diese oder jene justiziable Dummheit. Er trägt ei­nen Schnäuzer, und dicht an der Unter­lippe klebt ein winziges, spitz zulau­fendes Bärtchen wie ein falsch ge­setztes Komma in einem chaotischen Text. Filigrane Krähen­füße haben sich seitlich der Augen eingegraben, und tiefe Rinnen, gleich Kerben in einem alten Baum, zieren seine Stirn. Es muss lang her sein, dass auf diesem Gesicht ein richtiges Lachen zu Be­such war. Nun ja, es wird auch nichts zu lachen gegeben haben in den zu­rückliegenden Jahren.

Seit mindestens einem Dezennium – so genau erinnert er sich nicht mehr – ist er ohne Arbeit. Messebauer war er mal. Ewig her. Heute lebt er von Hartz IV. Weiß der Geier warum Sa­bine mit einem solchen Schnapphahn die Ehe einging. Sie ist eine patente Frau von 52 Jahren, kaufmännische Angestellte, der man die Sorgen des Alltags jedoch ansehen kann. In ihren Augen ist Bekümmernis zu Hause. Sie hat nach dem Vorfall die Scheidung eingereicht. „Er stieß mich gegen den Küchenschrank. Ich schrie und weinte. Dann schlug er mit der Faust in mein Gesicht“, be­richtet sie im Zeugenstand. Sie sagt es ohne Zorn. Ohne Bitterkeit. Sie hät­ten sich in gu­tem Einvernehmen ge­trennt, betont Sie. Nein, nicht als Freunde, aber auch nicht wie Hund und Katz. „Nur keinen Rosenkrieg!“ Sie erlitt Prellun­gen im Gesicht und am Oberschenkel. Es gibt ein Attest darüber.

 „Wann ging das los in Ihrem Leben mit dem Alkohol?“ will Richterin Kohlheim von dem Angeklagten wis­sen. „Als ich vierzehn war“, antwortet er. Seine Stimme klingt wie Schotter, der abgeladen wird. „Mit sechzehn dann Drogen. Schon zweimal habe ich einen Entzug versucht …“ Er hat sich aufgegeben. Er ist schmal, fast mager, sein Haar wird langsam so grau wie sein Leben schon lange ist, und jetzt hat er auch noch den vermutlich ein­zigen Menschen verloren, der es gut mit ihm meinte.

Richterin Kohlheim verurteilt ihn zu 80 Tagessätzen von jeweils zehn Euro. Er nimmt die Strafe an. Er hat nichts beschönigt, nichts zu erklären versucht, nichts bereut. Vielleicht gibt es in seinem Wortschatz auch gar keine Begriffe mehr dafür.