Schlappe für den Staatsanwalt

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es ist einer der weni­ger guten Tage für den erfolgs­verwöhnten Oberstaatsanwalt Dominik Mies. Die 2. Große Strafkam­mer hat ihm eine Ab­fuhr er­teilt. Erfolge beim OLG sind halt noch keine Erfolge in der Sache selbst, jedenfalls nicht in die­ser. Im Fall des Toten vor der Kreisrealschule gab es milde Strafen für die fünf jungen Leute: Verwarnungen, ein zweiwöchi­ger Dauerarrest, Arbeitsstun­den, einmal zweiundzwanzig Monate und für Kevin, den „Hauptan­ge­klagten“, zwei Jahre und neun Monate, wobei da noch ältere Urteile „eingearbeitet“ sind. Aber kein versuchter Totschlag, wie Mies angeklagt hatte. Die Kam­mer sieht „nur“ unter­lassene Hil­feleistung. Das hätte ein Amts­richter zügig an einem Verhand­lungstag abarbeiten können. Die Staatsanwalt­schaft indes wollte es so – Anklage vorm Landge­richt. Gegen die erklärte Über­zeugung der Kammer. Eine Schlappe mit Ansage also.

Die Vorsitzende sagt: „Wir ha­ben eine andere Auffassung als die Staatsanwaltschaft, und die OLG-Entscheidung ist für uns nicht bindend.“ Basta! Das zeugt von Selbstbewusstsein. Es ist gut, wenn sich ein Gericht nicht von gottgleichen Juristen „da oben“ die Gesetzesausle­gung diktieren lässt. Aber das ist eine andere Geschichte.

In dieser hier geht es um den Be­griff der „Garantenstellung“. Die Staatsanwaltschaft vertritt die Ansicht, der Kevin habe so eine inne gehabt gegenüber dem Hugo, wie sie ihn alle nannten in Gelnhausen – einen armen Teu­fel, 28 Jahre, laut Er­kenntnis der Strafkammer al­koholkrank –, weil er ihm den tödlichen Joint überlassen hat. Dass Hugo sturz­betrunken war, müssen die fünf Jungs gemerkt haben. Hugo tor­kelte, lallte. Aber er nahm den Spice-Joint aus freiem Willen. Eigenver­antwortlich also. Sie hatten ihn noch gewarnt: „Vor­sicht, das ist bombiges Zeug.“ Hugo (ge­ringschätzig): „Kinder­garten.“ Nach dem zweiten Zug kippte er um.

Das OLG hatte sich der Staats­anwaltschaft angeschlossen und daraus ein Tötungsdelikt herge­leitet. Der Prozess musste vors Landgericht. Ein Erfolg für Mies, der in seinem Plädoyer die Auf­fassung vertrat, Kevin habe „die Herrschaft über die Gefahren­quelle ge­habt“. Das ist Juristen­deutsch. Es be­deutet, spätestens nach dem Zusammenbruch des Mannes sei Kevin in die Garan­tenstellung einge­treten. Jeden­falls hätte er mehr tun müssen als nur seinem Bruder Stefan zu hel­fen, den Bewusstlosen in eine stabile Seitenlage zu bringen und spä­ter, viel später noch mal nach ihm zu schauen. Ergo ein ver­suchter Totschlag (ob Hugo überhaupt eine Überlebenschance gehabt hätte, war nicht mehr zu klären).

Verteidigerin Beate Düring trat dem entgegen. Sie sieht es an­ders. Die Kammer auch. Nicht zuletzt wegen des kognitiven und voluntativen Elements. Das Wis­sen und Wollen.

Im Klartext: Kevin wusste nicht, dass Spice – damals übrigens noch ein völlig legales syntheti­sches Cannabinoid – zusam­men mit Alkohol lebensgefähr­lich wirkte. Ebenso wenig war ihm bekannt, dass Hugo an einem an­geborenen Fehlverlauf der Herz­kranzgefäße litt, was in­folge starker Kreislaufbelastung zum Tod führte. Zudem beteuerte er, erst später erfahren zu haben, dass sein Onkel Antonio nach drei, vier Zügen an einer mit Spice gefüllten Zigarette eben­falls kollabiert war. Zu die­sem Zeitpunkt will Kevin nämlich dessen Wohnung längst verlassen ha­ben. Zeugen bestätigten dies. Mies hält das für un­glaubwürdig. Eine Schutzbe­hauptung? Es sei aber nicht zu wi­derlegen, so die Vorsitzende Susanne Wetzel. Außerdem: Hugo war ein Bro­cken, groß, 106 Kilo schwer; der Onkel, ein schmaler Mann (hier wäre der Diminutiv  ange­bracht), wiegt nur gut die Hälfte. Soweit das Kognitive.

Und das voluntative Element? Wollte Kevin den Tod Hugos? Dafür spräche nichts, so Richte­rin Wetzel. Im Gegenteil: „Er war allseits anerkannt als netter Kerl.“

Und doch hat dieser Fall auch eine abscheuliche Note, eine In­famie, die Richterin Wetzel als „unter­irdisch“ bezeichnet: Kevin stiehlt dem sterbenden Mann die Brieftasche und den Perso­nal­ausweis. Er dreht auch noch ei­nen Videoclip, fünf Se­kunden, mit dem Mobiltele­fon. Hugo auf dem Boden. Ke­vin triumphierend aus dem Off: „So, ich hab‘ dem sein Leben gerettet, Alter!“

Dann gehen sie weg und lassen ihn liegen.