Schnäppchenwochen beim Landgericht

Von Dieter A. Graber

HANAU. Landgericht, Saal 215, zweiter Stock. Juristen streben, ihre Rollköfferchen voller Akten hinter sich her ziehend, den Anklagebänken zu. Es wird eng. Irgendwie muss jeder einen Platz finden. Jeweils zwei teilen sich ein Mandanten. Fünf Verhandlungstage sind angesetzt. Es geht um eine Bande osteuropäischer Panzerknacker, fünf Männer zwischen 34 und 39 Jahren, die serienweise Geldautomaten in Bankfilialen aufgebrochen haben sollen. Kameraleute und Fotografen richten ihre Objektive auf die Phalanx schwarzer Roben. Ein Justizspektakel kommt in die Gänge. Es ist neun Uhr.

Zwei Angeklagte werden nun, mit Handschellen gefesselt, hereingeführt. Sie sitzen wegen anderer Delikte. Die übrigen drei aber haben es vorgezogen, nicht zu erscheinen. Warum auch! Ihre Haftbefehle wurden längst außer Kraft gesetzt. Sie sind verschwunden. Untergetaucht. Weg. Man könnte sagen, sie haben der Justiz eine Nase gedreht.

Es ist ein altes Verfahren. Es schlummerte schon eine ganze Weile in den Aktenschränken der Hanauer Justiz. Aber jetzt soll es endlich vom Tisch. Die Taten wurden bereits vor knapp zwei Jahren verübt. Kreshnik I. (34) soll mit anderen, unter ihnen Albin T. (35), zweimal kurz hintereinander den Geldautomaten einer Bank in Frankfurt-Riederwald aufgebrochen haben. Das wäre nicht nur tolldreist zu nennen, sondern nachgerade tatkräftig, gingen sie doch mit Hammer, Brecheisen und Meißel zu Werke. Das macht heutzutage ja keiner mehr. So was erfordert technische Kenntnisse, Körperkraft und Kaltblütigkeit. 86.630 Euro sollen sie erbeutet haben; die Bande insgesamt übrigens fast eine Viertelmillion.

Kreshnik I. stammt aus dem Kosovo. Er ist ein großer, schlanker Mann mit geschorenem Schädel und Salafistenbart. Er spricht gut Deutsch. Er soll mehrere Bandenmitglieder aus seiner Heimat und Serbien über die Balkanroute nach Hanau gebracht und als „Panzerknacker“ ausgebildet haben. Er ist auch wegen Schleusung angeklagt. In Kassel läuft gerade ein weiteres Verfahren gegen ihn. Kreshnik I. sagt hier und heute erst mal nichts.

Seine Verteidiger Peter Wolff (Hammersbach) und Marko Spänle (Frankfurt) wissen, dass sie gute Karten haben. Derzeit gibt es bei diesem Gericht tolle Rabatte. Das hat seinen Grund: Vorsitzender Peter Graßmück muss Altlasten „entsorgen“. Wegen des für April geplanten Auschwitzverfahrens vor der 2. Großen Strafkammer, das durch den Tod des Angeklagten wenige Tage vor Prozessbeginn platzte, waren ihm im Vorfeld viele Strafsachen zusätzlich aufgehalst worden. So auch diese. Eigentlich ist seine „Erste“ als Schwurgerichtskammer ja für Tötungsdelikte zuständig. Und weil davon in den nächsten Monaten eine ganze Reihe zur Verhandlung anstehen, muss er jetzt reinen Tisch machen.

Und so kommt es, dass eine „verfahrensbeendende Absprache“ formuliert wird. Ein Deal also. Bei einem Geständnis, so kommt es ins Protokoll, käme Kreshnik I. mit … – nein, nicht mit drei, nicht mit zwei, sondern mit – eineinhalb Jahren davon! Normalerweise ist dieses Delikt unter Paragraph 243 StGB mit bis zu zehn Jahren ausgepreist. Also, wenn das kein Schnäppchen ist! Die Schleusergeschichte würde übrigens eingestellt. Schwamm drüber! Und Albin T., ein kräftiger Mann mit schwarzem, zurückgestrichenem Haar, kriegt ein noch besseres Angebot offeriert: Acht Monate für einen besonders schweren Diebstahl. Verteidiger Spänle nutzt die Gunst der Stunde: Ob denn auch „Bewährung“ drin wäre? Kurze Beratung. Also gut, das Gericht würde die in Gottes Namen noch obendrauf geben. Aber da spielt die Anklagebehörde nicht mit: Bewährung komme nicht in Frage, erklärt Staatsanwalt Markus Jung.

Es ist inzwischen einsamer geworden in dem großen Saal, wo sich heute früh noch die Prozessbeteiligten und Medienvertreter gedrängelt haben. Der Zuschauerraum hinten ist leer wie ein Freibad im Winter. Das erwartete Prozessspektakel mutierte zum juristischen Ablasshandel. Prozessökonomie könnte man es auch nennen. Es ist ein treffendes Bild der Rechtsprechung im Deutschland des Jahres 2016: Ausufernde Bandenkriminalität, überlastete Gerichte. Vergangenes Jahr wurden 6,3 Millionen Straftaten (ein Anstieg um 4,1 Prozent) registriert, davon allein 167.000 Einbrüche. Ganz vorn dabei: Professionell agierende Banden aus dem Balkan, dem Kaukasus, den Maghreb-Staaten.

Bei Albin T. machen sich lautstarke Anzeichen von Verärgerung bemerkbar: Er sei an dem ihm zur Last gelegten Einbruch nicht beteiligt gewesen, poltert er. Einem Deal werde er nicht zustimmen. Auf keinen Fall! Er sitzt eine Gefängnisstrafe in Würzburg ab; in bayerischen Gefängnissen geht es nun mal frugaler zu. Nicht mal telefonieren sei ihm gestattet. Nach Hessen will er. Das habe ihm die Staatsanwaltschaft doch zugesagt. Nun, derzeit scheint er an einem langen Hebel zu sitzen. Aber auch, wenn alles raus muss an alten Verfahren – die Häftlinge natürlich nicht!

Der Prozess geht am kommenden Dienstag um 9 Uhr weiter.