Schräge Vögel aus besseren Kreisen

Abschleppen und abgeschleppt werden: In den Bars und Clubs ist auch die Drogenszene exklusiver. Franz. Satire-Magazin, 20-er Jahre

Von Dieter A. Graber

HANAU. Michael und Kevin waren Freunde. An Wochenenden machten sie mit ihrer Clique in der Disko die Nächte durch. Tanzen, ein bisschen was rauchen, anbaggern. Die Mädchen in der Clubszene tragen verboten scharfe Klamotten und die Jungs schwer an ihrem Bemühen, cool zu sein. In Saal 215 des Landgerichts wirken Michael und Kevin gar nicht cool. Einfuhr, Handel und Besitz von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge wirft ihnen Staatsanwalt Dominik Mies vor. Laut Paragraph 29 BtMG kann es dafür „Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren“ geben.

Michael ist ein großer, kräftiger Bursche, 27 Jahre, mit einer gewaltigen dunkelblonden Tolle über der Stirn und einem schwachen Schnurrbärtchen unter der Nase. IT-Experte. Die virtuelle Welt ist sein Ding, und so tummelte er sich gern im Darknet, jenem dunklen Parallelnetz, in dem sich allerhand Verbotenes findet, was keine Spuren hinterlassen soll. Michael wurde fündig: 100 Gramm Cannabis aus Indien, im Angebot für nur 200 Euro, so billig, dass er gleich zwei Orders losschickte. Vorkasse und Zustellung per Post. Seine eigene Anschrift anzugeben schien ihm dafür aber dann doch etwas zu riskant.

Am anderen Ende der Anklagebank hockt der Kevin, 24 Jahre, ein schmales Kerlchen im blitzsauberen weißen Hemd, das mit der Blässe seines Angesichts um die Wette leuchtet. Den Beruf des Packmitteltechnologen übt er aus, in fester Anstellung, wie er ein wenig stolz hervorhebt. Der ist mit 1800 netto nicht schlecht entlohnt, aber ein paar alte Schulden drückten, und so war er gerne bereit, sich ein paar Euro nebenher zu verdienen als Drogenempfänger. Eigentlich, sagt er jetzt, sei es ja ein Freundschaftsdienst gewesen, dem Michael seine Adresse zur Verfügung zu stellen. „Das kann man glauben“, sagt Richterin Susanne Wetzel, „muss man aber nicht …“

Im Internationalen Postzentrum des Flughafens fielen am 4. Februar 2015 zwei harmlos aussehende Päckchen aus Indien auf. Sie enthielten Cannabis, wie sich schon beim Durchleuchten zeigte, jeweils 100 Gramm. Eins war an Kevin in Neuberg adressiert, das andere an Michael in Langenselbold. Da muss der Absender doch tatsächlich etwas durcheinandergebracht haben. Die Fahnder des Hauptzollamtes, das dafür zuständig ist, ließen sich zunächst Zeit, schlugen erst einen Monat später zu. Zunächst bei Kevin. Der war so verdutzt, dass er den Beamten gleich ungefragt den Abholschein aushändigte für das Paket, das noch bei der Post auf ihn wartete. 909,6 Gramm Amphetamin waren drin, der Wirkstoff allein, die sogenannte Base, wog 192 Gramm. Das ist das Neunzehnfache einer zwar nicht juristisch, aber vielleicht moralisch gerade noch tolerablen „geringen Menge“. Das ist kein Eigenbedarf mehr. Das ist Drogenhandel pur.

Michael und Kevin gehören einer besonderen Spezies von Dealern an. Die tragen Designersachen, fahren teure Autos, haben gute Jobs und stammen aus besten Familien. Michaels Vater arbeitet als Manager bei einem großen Hanauer Unternehmen. Dope ist für sie so hip wie Technomusik oder Prosecco aus Dosen. Sie verkaufen nicht auf der Straße, sondern in den Clubs, nicht an irgendwen, sondern an Freunde und Bekannte. Draußen vorm Saal sitzt Jessica, ein gertenschlankes blondes Ding im schwarzen Mini, und zittert wie Espenlaub. Das mag an der Kälte im Gerichtsflur liegen, mehr noch an der Sorge um ihren Michael. Die beiden sind verlobt. Sie ist als Zeugin geladen.

Michael ist ein feiner Kerl, zumindest das muss man ihm lassen. Er gibt zu, dass alles seine Idee war und der Kevin nur ein „Gehilfe“, wie es im Juristendeutsch heißt. Er räumt auch ein, dass er den Stoff verticken wollte. „Aber nur zur Refinanzierung“, betont sein Verteidiger Bernd Schuster. „Ein Teil war für ihn selbst bestimmt.“ Wie er zu den 48.000 Euro kam, die er in eineinhalb Jahren als Einzelbeträge auf sein Konto einzahlte, mag er dem Gericht aber nicht verraten.

Staatsanwalt Mies zeigt denn auch wenig Neigung zur Nachsicht. Dass bei Michael auch noch ein bisschen Kokain gefunden wurde, übrigens die Reste seiner Geburtstagsfeier wenige Tage zuvor, bei Kevin außerdem ein für den Freund entgegengenommenes Briefchen mit 99,5 Gramm Cannabis, beste Ware aus Holland mit einem THC-Gehalt von satten 15 Prozent, sei nur nebenbei vermerkt. Mies fordert zwei Jahre und neun Monate für Michael. Das ist ein Brett! Jessica, die nun hinten im warmen Saal sitzen darf, fängt gleich wieder das Schlottern an und wird noch blasser ums Näschen. „Bitte sperren Sie mich nicht ein“, sagt ihr Verlobter als letztes Wort. Das Beben in seiner Stimme muss bis auf die Straße zu hören sein.

Die 2. große Strafkammer zeigt sich gnädig. Sechzehn Monate auf Bewährung, mehr gibt es nicht! Kevin kommt als „Gehilfe“ mit elf Monaten davon. Nur ein „minderschwerer Fall“, befindet Richterin Wetzel. Und der Stoff aus Indien war ja auch qualitativ so dünn wie ein Liebesdrama aus Bollywood. Tja, auch im Darknet gibt es keine echten Schnäppchen. 

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