Schwarzes Loch um Mitternacht

Zeugen auf dem Dach: Die Sendemasten am Kurt-Blaum-Platz in unmittelbarer Nähe zur Gallienstraße erfassten das Mobiltelefon der Angeklagten. ©Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Der Computer-Nerd von heute trägt knallenge Jeans und ein keck aus der Gesäßtasche lugendes Smart­phone, und es gibt ihn auch in ei­ner weiblichen Ausgabe. Sylvia B. zum Beispiel, Kriminaloberkommissa­rin, 45 Jahre, im Mordfall Volke „zu­ständig für mobile Endegeräte“, wie sie sagt. Sie kennt sich aus mit foren­sischer Soft­ware. Frau B. hat die Han­dys der Ange­klagten ausgewertet. Sie fand heraus, dass sich Banu D. in Ha­nau aufhielt, 39 Tage vor der Bluttat. Dort hatte Banu D. beim Online-Kar­tendienst Google Maps die Adresse Gallienstraße 18 ein­gegeben. Das ist der Tatort.

Gleichwohl ist es zweifelhaft, dass drei Mo­biltelefone die Wende bringen in die­sem verfahrenen Verfahren. Es gibt einfach keine Beweise. Keine Zeugen. Keine Spuren. Keine Urkunden. Oder doch? Lassen sich ein paar Google-Suchen zu einer Indizienkette knüp­fen, ist der Aufenthalt in einer Stadt, wo fünfein­halb Wochen später ein Mord gesche­hen wird, schon Be­weis für Täter­schaft?

Judith J. hat da so eine Theorie. Nun ja, es ist nur „eine Hypothese“, wie sie betont. Frau J. ist ebenfalls Kom­missa­rin, und zwar beim K 11 in Ha­nau, wo sie die Gewalt-, Brand- und Waffende­likte bearbeiten. Also: Die Angeklagte habe an diesem Tag, dem 30. Juli 2013, die Umgebung des Wohnhauses ihres künftigen Opfers auskund­schaften wollen. Stra­ßen, Flucht­wege, Lichtverhältnisse. „Die Tat sollte bereits am 1. August ausgeführt werden, aber da befand sich das Ehe­paar Volke im Urlaub.“ Es ist eine sehr mutige Annahme. Es fehlt am kleinsten Fitzelchen eines Indizes. Banu D. hatte damals üb­rigens auch die Leimenstraße (Innen­stadt) und die Dalbergstraße (Stein­heim) gegoogelt.

Eigentlich ist es ja eine Geschichte von starken Frauen. Auf Seiten der Guten: Neben Internetfahnderin Syl­via B. ist da KOK Judith J., 34 Jahre jung, gerten­schlank und bildhübsch, ehrgeizig. Eine akribische Arbeiterin. Sie gilt als Kan­didatin für eine überra­gende Polizeikar­riere. Am 6. August 2014 hatte sie den Fall im Studio von „XY-ungelöst“ live mit Moderator Rudi Cerne einem Millionenpublikum vorgestellt. Nun muss sie zum dritten Mal vor der 1. Großen Strafkammer erscheinen. Eine routi­nierte Zeugin, sachlich, unaufge­regt, geduldig, auch wenn sie bereits seit neun Uhr vor Saal 215 auf ihren Auf­tritt hat warten müssen. Jetzt ist es kurz nach drei. Sie schleppt eine große Kiste mit Akten herein, aus der sie zu jedem Beweisthema den ent­sprechen­den dicken Leitz-Ordner heraus wuch­tet. Aus Hanau hatte Banu D. damals eine SMS an Lutz H. geschickt: MEIN SCHATZ, HOFFE, DIR GEHT ES GUT. WOLLTE NUR BE­SCHEID GEBEN, DASS ICH ERST LEIDER UM 15 UHR DA BIN. LIEBE DICH, DEINE. So verfasste sie alle ihre Kurz­nachrichten. In Großbuchstaben. Mit Liebesgesäusel am Ende. Die Kurz­nachricht einer Killerin? Ein Dreh­buch­autor hätte sich an dieser Stelle etwas Besseres einfallen lassen müs­sen, um seine Zuschauer zu überzeu­gen.

Eine andere starke, denn bienenflei­ßige Frau ist Anja W., 39 Jahre, Ober­kom­mis­sarin aus Hanau. Stundenlang – ach was: tage-, wenn nicht gar wo­chenlang – hat sie endlose Listen überprüft, Roh­daten von Mobilfunk­providern; zermür­bendes Studium ei­nes Wirrwarrs an Zahlen, Zeichen, Zeilen, die gleichwohl viel verraten können über Aufenthalts­orte, zurück­gelegte Wegstrecken, über Kommu­nikationsge­wohnheiten. Drei Handys: Zwei Samsung, ein Sony Ericsson LT 18i. Letzteres das Gerät von Banu D., das sie auch in der Tat­nacht mit sich führte. Es ist der 7. Sep­tember 2013. Sie ist mit Cengiz G. ver­abredet, ob­wohl sie ihrem Lebensge­fährten vorgeschwindelt hat, mit einer Freundin ausge­hen zu wollen. Um 21:46:08 Uhr ver­sucht sie, Lutz H. an­zurufen, dessen Funktelefon in  Nastätten (ihre Woh­nung) eingeloggt ist. Er geht nicht ran, ruft aber zwanzig Sekunden spä­ter zu­rück. Banu D. befin­det sich zu diesem Zeitpunkt in Bad Schwalbach. Kurz zu­vor hat sie das Handy von Cengiz G. angewählt. An­schließend ist sie über ihr Mobiltelefon im Internet „unterwegs“.

Handy-Ortung ist eine komplizierte Sa­che. Georgis Dimitriadis, Sachver­stän­diger vom LKA, erklärt sie so: „Je­der Funkmast ist mit einem Location Area Code versehen. Handys suchen sich im­mer den mit dem stärksten Signal, so­dass sich ein Bewegungsbild ergibt. Aber nur, wenn es benutzt wird.“

Um 22:12 Uhr hat Banu D. ihr Gerät ausgeschaltet oder ist in den Flugmo­dus gewechselt. Keine Ortung mehr mög­lich. Erst um 0:10:56 Uhr wird es wie­der in Betrieb genommen (da kämpfen die Ärzte im Klinikum um das Leben von Jürgen Volke). Banu D. führt aber kein Gespräch, schickt keine SMS, geht nicht ins Netz. Folge: Das Mobiltelefon ist nicht zu orten. Wo befand sie sich zu diesem Zeitpunkt? „Ein schwarzes Loch, über mehrere Stunden“, sagt Richter Peter Graßmück bedauernd.

Um 3:40 Uhr meldet sie sich mit einer SMS bei Lutz H.: BIN GLEICH DA. LIEBE DICH. DICKEN KUSS. Wieder in Versa­lien und total verliebt. Ihr Standort lässt sich nunmehr ermitteln. Die Zurna-Bar in Mainz-Kastel. Banu D. trägt High Heels, ein Minikleid, hat eine winzige Handtasche dabei. Zu klein für eine FN Browning. Jürgen Volke ist da bereits tot. Ein Junge aus der Nachbarschaft hörte die Schüsse, sah jemanden weglaufen. Sehr schnell. In Turnschuhen und einer hellen Kapu­zenjacke.