Schweigen ist Silber, Reden ...

Will nun mal was sagen: Banu D. mit Verteidigern Fuchs (links) und Küster. Was prompt auch die Zunge des Mitangeklagten löst. ©Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Die Zeit des Schwei­gens ist vorbei. Banu D. will sich zur Sache einlassen. Ihr Ver­teidi­ger Axel Küster (Wies­baden) kündigt für den 16. Mai an: „Meine Mandantin wird auch Fragen des Gerichts und der Staatsanwaltschaft beant­worten.“ Es ist Vorwärtsvertei­digung. Bisher machten beide Ange­klagten keine Angaben zu den Vorwürfen. Inzwischen aber gab die Strafkammer zu erkennen, etwa in ihrer Begründung zur Haft­fortdauer für Banu D., wo wei­terhin von „dringendem Tatver­dacht“ die Rede war, dass es auf eine Verurteilung wegen Mordes hinauslaufen könnte. Das würde lebensläng­lich bedeuten. Eine solche Aus­sicht lockert für ge­wöhnlich die Zunge.

Tatsächlich gibt es Erklärungs­bedarf. Aus welchem Grund war Banu D. ein paar Wochen vor der Tat in Hanau? Warum sagte sie im ersten Prozess – damals noch als Zeugin – die Unwahrheit? Wie war das mit dem Verkehrs­unfall am Tat­abend – und was geschah da­nach? Warum fälschte sie ein Attest zugunsten ihres Lebens­gefährten? Und viele Fra­gen mehr.

Die überraschende Ankündi­gung, ihr Schweigen brechen zu wol­len, weckt bei Andreas von Dahlen (Düsseldorf) und Edgar Gärtner Mannheim), den Ver­tei­digern von Lutz H., selbst Ge­sprächsbedarf. Sie beraten sich in der Arrestzelle mit ihrem Mandanten. Der ist, von der Prozesslage her, in einer schwierigeren Situation: Er ver­kaufte dem Verdeckten Ermittler die Tatwaffe. Außerdem verriet er ihm: Ich war instrumentativ an der Sache be­teiligt. Ich weiß, wer es war.

Eine halbe Stunde lang konfe­rieren die Anwälte mit ihrem Mandanten, dann geht auch der in die – ihm nunmehr aufgezwun­gene – Offensive: Morgen schon will sich Lutz H. ebenfalls offen­baren. Nun brechen die Dämme. Der Prozess, der ei­gentlich schon am Ende war, nimmt neue Fahrt auf. Rich­ter Peter Graß­mück schaufelt seinen Termin­kalender, soweit möglich, bis in den Juli hinein frei. In den ver­gangenen beiden Jahren, sagt er mit schmerzlichem Lächeln, sei er verschiedene Male aus dem Urlaub zurück nach Hanau ge­jettet, um den sich in die Länge ziehenden Prozess ja nicht plat­zen lassen zu müssen. Die­ses Jahr soll ihm das nicht pas­sieren. Immerhin könnten neue Beweis­anträge gestellt, Ermittlungen aufgenommen, weitere Zeugen gehört werden.

Möglich, dass sich die Ange­klagten nun gegenseitig belas­ten. Längst sind sie einander nicht mehr in Liebe zugetan. Schon einmal hatte Verteidiger von Dahlen mit einem verschwur­belten „Denkmodell, wie es ge­wesen sein könnte“, zaghaft Banu D. als Todes­schützin ins Spiel zu bringen versucht, die ohne Wissen und hinter dem Rücken ihres Lebensgefährten auf eigene Faust gehandelt habe. Ein Ablenkungsma­növer? Diese Tour dürfte Lutz H. bei einer Aussage nichts nützen. Die Richter Graßmück und Fuchs gelten als geschickte Fragesteller. Da heißt es: But­ter bei die Fische.

Jedenfalls werden die Karten im Prozess um die Todesschüsse in der Gallienstraße neu ge­mischt.