Schwindlerprozess: Adel, Aids & Angeschmierte

Von Dieter A. Graber

HANAU.  Auf den ersten Blick wirkt Christian von der B. (41) wie einer dieser Nervtöter, die vor drittklassi­gen Etablissements die Gäste einzu­fangen versuchen. „Reinschmeißer“ sagt man. Auf den zweiten Blick übri­gens auch: Bräsiges Gesicht, hohe Stirn, ein Ränzlein überm Gürtel. Ser­vil und aufdringlich zugleich. Christian von der B. ist ein notorischer Betrü­ger und Lügner. Er steht jetzt vor der 1. Großen Straf­kammer des Hanauer Landgerichts. Es ist eine unappetitli­che Geschichte, die in seinen Le­benslauf passt wie der Knopf in den Klingelbeutel.

Die Waldburg-Zeils sind eine ober­schwäbische Unternehmerfamilie, seit Mitte des 12. Jahrhunderts ur­kundlich belegt. „Hochfreier Uradel“ sagen Kenner der Blaublüter-Szene. Manche auch „Ländle-Dynastie“. Ihr gehören ganze Landstriche im Süden der Republik. Christian von der B. ist bürgerlich, und ihm gehört nichts. Auf einem einschlägigen Inter­netportal gab er sich als „Clemens Prinz von Wald­burg-Zeil“ aus: 19-jährig, schwerreich, kontaktsuchend, schwul. Die echten Hochwohlgeboren aus dem Allgäu, das nur nebenbei, gelten als erzkonservativ und streng katho­lisch. Der mehrfach vorbestrafte Be­trüger, dem mal wieder ein Haftan­tritt bevor­stand, lernte auf diesem Wege einen Jungen aus gutem Hause kennen: Jo­nathan H., damals 21 und homosexu­ell, was sein Problem ist; die El­tern kommen nicht klar da­mit.

Jonathan hat ein weiches Jungenge­sicht. Schüchtern versteckt er sich hinter seinem Verteidiger, dem Straf­rechtler Achim Ziegler aus Biberach. Seine heile Welt war damals schon ziemlich aus den Fugen, als er mit „Clemens“ in Kontakt kam. Immer nur telefonisch. Aber leidenschaftlich. An einem Tag im Oktober 2012 be­geg­nen sich die beiden in Gelnhausen dann zum ersten Male leibhaftig – der ver­zagte Banklehrling aus der schwäbi­schen Provinz und der großspurige Schwindler aus Langenselbold. Der musste sich dafür freilich eine neue Identität ausdenken; er kam jetzt als „Prinz zu Ysenburg“ daher, angeb­lich rechte Hand des millionenschwe­ren Waldburg-Sprosses. Was dann ge­schieht, ist rational kaum zu erklären …

Laut Verteidiger Ziegler gelingt es Christian von der B., den jungen Mann in seinen Bann zu ziehen: Zu­nächst bringt er ihn in einer angemieteten Ferienwohnung unter. Dann belügt er ihn geschickt über das Er­gebnis eines Aidstests, den Jonathan an der Frankfurter Uniklinik auf seine Anregung hin hatte machen lassen. „Er gau­kelte ihm vor, HIV-positiv zu sein. Mein Mandant war verzweifelt. Er hatte Todesangst und klammerte sich an den vermeintlichen Freund“, erklärt der Anwalt. Man könnte sagen, Chris­tian von der B. habe ihn regelrecht „weichgekocht“. Den letzten Rest  an Zuversicht nahm er ihm wohl mit der Geschichte von vorgeblich im In­ternet kursierenden Fotos, auf denen Jonathan nackt zu sehen sei. Eine Ko­pie soll bei seiner Vorgesetzen in der Sparkasse gelandet sein. Jonathan schmeißt entnervt seine Ausbildung. Er sei, so der Verteidiger, zu diesem Zeitpunkt psychisch am Ende gewe­sen.

Über den falschen Ysenburg-Prinzen „meldete“ sich aber auch immer wieder der schwule Schwaben-Millionär aus dem Chatroom, der Jonathan – „als Beweis seiner Liebe in dieser schwe­ren Stunde“ –  ganz distinguiert einen Heiratsantrag machen ließ. Es gibt da Unterlagen beim Standesamt von Lan­genselbold. „Sie gaben also vor, der Weddingplaner zu sein“, sagt Kam­mervorsitzender Rüppel. Chris­tian von der B. räumt das ein. Er räumt ei­gentlich alles ein. Gleichwohl ist er bemüht, Jonathan als Mittäter hinzu­stellen, als einen, der alles wusste und an den Betrügereien partizi­pierte.

Es sollte eine Eheschließung nach Hol­lywood-Maßstäben werden. Als Austra­gungsort des Mega-Evants wurde Schloss Reinhartshausen in Eltville (Übernachtungspreis: 257 Euro pro Person) gewählt. Allein für die florale Ausge­staltung waren 30.000 Euro ange­setzt. Der Florist, Herr F. aus Büdin­gen, reiste mit den beiden im gelie­henen BMW X5 nach Garmisch, wo sie im Hotel „Königs­hof“ (Werbeslo­gan: „Erholen, Erle­ben, Schlemmen“) residierten. Hier sollte ein renom­mierter Edel-Kondi­tor mit der Hoch­zeitstorte beauftragt werden. Preis für das Zucker­werk: 5000 Euro. An der Rezeption der Vier-Sterne-Her­berge stibitzte der falsche Ysenburg dem Herrn F. dann das Louis-Vuitton-Porte­monnaie mit 900 Euro in bar und ei­ner ADAC Visa Card. (Original­ton des trotz seines Verlustes stan­desgemäß unterwürfigen Blu­menbin­ders: „Ha­ben Durchlaucht meine Geldbörse gesehen?“)

An den folgenden Tagen kauften die beiden damit in Hanauer Geschäften ein: Hemden, Pullover und Schuhe für 262,59 Euro, Parfüm für 115,80 Euro, eine Uhr für 179 Euro. Dabei waren sie mit einem Opel Corsa unterwegs, den Christian von der B. gestohlen hatte. „Mein Mandant hielt das Auto für ein Ge­schenk seines künftigen Ehemannes“, sagt Anwalt Ziegler. Jonathan sei mithin selbst ein Opfer.

Derer säumten schon viele den Weg des Hochstaplers von der B., dessen Le­bensgeschichte eine einzige Abfolge großkotziger Irreführungen ist mit Reisen in Privatjets und Limousinen, die er als „Prinz zu Liechtenstein“ oder mit falschen Doktortiteln mietete – und nie bezahlte. Auch gab er sich gern als Mitglied der Industriellenfa­milie Quandt aus. „Ich habe halt ein übersteigertes Geltungsbedürfnis“, sagt er achselzuckend. Für seine di­versen Identitäten, hochtrabenden Titel und pompösen Geschäfte hatte er sich Briefköpfe drucken lassen. Dass dabei „Holding“ mit „t“ ge­schrieben war, ist keinem aufgefallen.

Der Prozess wird fortgesetzt.