Sex and the City

Im falschen Film? Sieht so aus, als tauge die Geschichte von der eiskalten Frau, die vor einem Date noch mal schnell einen Mord begeht, bestenfalls für einen müden TV-„Tatort“, nicht aber für eine Verurteilung. ©Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Cengiz G. ist heute 47 Jahre alt, Bau­unternehmer und –ingenieur. Er hatte Banu D. im August 2013 über eine Auftragsanfrage  kennengelernt. Seine Firma sollte eine Mauer errichten im Taunusdorf Endlichhofen, 16 Meter lang, Verkehrssicherung für die Ruine des Fachwerkhauses von Lutz H., das im Januar 2012 niedergebrannt war. Banu D. stellte sich als dessen Immobi­lienverwalterin vor. Eine hübsche junge Frau, meist lässig in Jeans und Pulli unterwegs. Herr G. war beeindruckt. Er sammelt Frauen wie Trophäen. „Ja, ich hätte sie gerne ge …“, sagt er jetzt. Hat er aber nicht. Davon später.

Herr G. lebte damals in Scheidung. Frau D. auch. Sie sind beide türkischstäm­mig. Sie haben viele gemeinsame Inte­ressen. Türkische Musik zum Beispiel. In der Zurna Bar wird in den frühen Morgenstunden des 8. September ein türkischer Sänger auftreten. Herr G. macht Frau B. das Konzert schmackhaft. Sie wollen sich in Bad Schwa­l­bach treffen. Es ist 22.30 Uhr. Es kann auch früher gewesen sein. Wahrschein­lich war es früher. Es gibt da vorher am Abend zwischen 20.48 und 21.39 Uhr eine Vielzahl von Anrufen der Frau D. auf dem Mobiltelefon des Herrn G., aber spätestens um diese Zeit, also gegen halb zehn, ist sie, ausweislich der Geodaten ihres Han­dys, in Bad Schwalbach. Herr G. kommt etwas später. „Ich parkte hinter ihrem Auto. Sie kam auf mich zu. Schick gekleidet – dunkler Rock, ele­gante Schuhe mit hohen Absätzen“, er­innert er sich. „Wir saßen dann noch eine halbe Stunde in meinem Auto. Ich lud sie erst mal ins Harput ein, weil es noch so früh war.“

Das Harput. Benannt nach einer in der Antike berühmten türkischen Stadt. Es gilt als Institution in Wiesbaden. Treff von Türkengourmets. Staatsanwalt Pleuser war übrigens auch schon mal da und zeigt sich begeistert von der türki­schen Pizza. „Aber eine Adresse für ein romantisches Abendessen, mit dem man eine Frau beeindrucken könnte, ist es nicht“, sagt er nun. Eine Frau vielleicht nicht, aber die Freunde, die dort verkeh­ren, mit der neuen Eroberung, vermutlich schon. Herr G. räumt ein: „Ich wollte mich mit ihr zeigen.“ Er ist ein Jäger und Sammler.

Banu D. bestellt Döner, Herr G. einen „gemischten Teller“. Gespräche über die Heimat, über Schicksalsschläge, Es­sen und Trinken, über Freundschaft und so. Gegen 23.40 Uhr brechen sie auf zur Zurna Bar. Etwa zu diesem Zeitpunkt schießt der Mörder in Hanau viermal durch die Milchglastür des kleinen Ein­familienhauses und trifft Volke tödlich.

Es geht auch noch um eine Unfallflucht. Um 3.45 Uhr am 8. September liefert Cengiz G. die aktu­elle Dame seines Herzens wieder in Bad Schwalbach ab. Ihr Renault Twingo steht noch immer unverändert in der ru­higen Seitenstraße, wo sie ihn Stunden zuvor geparkt hat. Nun stellt sie über­rascht fest (oder gibt vor, überrascht zu sein), dass er Beschä­digungen aufweist, vorn rechts. Herr G. erinnert sich: „Es war nicht viel passiert, nur das Blech vom Kotflügel gegen den Reifen gedrückt. Ich riet ihr trotzdem, die Polizei zu rufen. Aber das wollte sie auf keinen Fall. Das Auto habe keinen TÜV mehr, es gäbe nur Ärger und so weiter.“ Verdacht: Sie hatte den Unfall schon auf der Hinfahrt gebaut und war getürmt. Herr G., der die Hoffnung auf die „Krönung“ seines Abenteuers noch nicht aufgege­ben hat, verspricht ihr, sich um die Sa­che zu kümmern. Er fährt sie nach Hause.

Mehr war nicht in dieser Nacht. Mehr war auch sonst nicht. „Kein Sex“, sagt der Zeuge. Es klingt, so wie er das sagt, nach einer verlorenen Investition an Zeit, Geld und Gefühl. „Zu was wären Sie denn bereit gewesen, um diesbe­züglich ans Ziel zu gelangen?“ fragt Gutachter Dieter Marquetand. Herr G. antwortet: „Ich hätte sie auf Wunsch auch nach Hanau gefahren. Das schon. Aber doch nicht zu einem Mord!“ Als er ihr im nächsten Frühjahr beim Umzug hilft – ihr Haus ist verkauft, sie muss raus –, erfährt er en passant, dass Lutz H., der Mann, den sie bis dahin meist als „meinen Chef“ bezeichnete, längst bei ihr wohnt. Herr G. ist sauer. Er will klare Verhältnisse. Er begibt sich dann lieber in eine andere Beziehung. Die sitzt übrigens hinten im Zuschauerraum. Auch nicht übel.

Herr G. ist ein eher kleiner, gut geklei­deter Mann, grau der gepflegte Ge­sichtsbewuchs, graumeliert das schwarze Haar, dunkel der Teint. Ein char­manter Plauderer. Er hat Schlag bei den Frauen. Na ja, nicht bei allen. Die Kommissarin Judith J., die ihn nach dem Volkemord befragte, habe ihn übel angeblafft. Schluss mit den Lügen! Sie waren in Hanau! Raus mit der Sprache! Kriminalistenprosa eben. Herr G. sagt, eine Spur von trotziger Gekränktheit in der Stimme: „Ich habe den Herrschaften da­raufhin mein Navi gezeigt. Sie haben meine Routen sogar abfotografiert.“ Sie ließen die nächsten Jahre auch nichts mehr von sich hören. Vielleicht, weil sie überzeugt waren, dass er zur Tatzeit nicht in Ha­nau gewesen sein kann.