Sex auf der Baustelle

Kommt eine Frau in den Baumarkt … Nein, kein Witz – die Branche zählt immer mehr Kundinnen. Eine der letzten Männerdomänen bröckelt. Trotzdem: Schön anständig bleiben, meine Herren! ©HarperCollins

Von Dieter A. Graber

HANAU. Ein Mietshaus in Hanau. Vier Stockwerke. Totalrenovierung. Oben, unterm Dach, schafft Jasmin. Sie ist neunzehn. Ein schlankes Mäd­chen, blond, eher zierlich, und doch absol­viert sie eine Maler- und La­ckierer­l­ehre. Ganz schön couragiert! Denn auf Baustellen wie dieser geht’s meist deftig zu. Eine Männerwelt ist das: Machosprüche, Zoten, bisweilen prolliges Be­nehmen. Aber Jasmin wird respek­tiert. Ist ein prima Kum­pel, freundlich zu allen, immer lustig. Bis zu diesem Tag im April vergange­nen Jahres.

Herr B. stammt aus Albanien, kam vor knapp 25 Jahren hierher, hat inzwi­schen die deutsche Staatsbürger­schaft, obwohl er wenig Deutsch ver­steht. Er arbeitet als Ver­putzer. Nun ja, da sind starke Arme wichtiger als Sprachkenntnisse, und was der Vor­arbeiter mit „Eimer“ (Kovë), „Mörtel“ (llaç ) und „Wand“ (Mur) meint, hat einer schnell raus, wenn er pfiffig ist. Für die Arbeit ge­nüge sein beschränk­ter Wort­schatz, meint Herr B., der  55 Jahre alt ist und verheiratet und Vater von fünf Kindern. Wegen sexueller Nötigung, Beleidigung und Körperverletzung muss er sich heute vor dem Hanauer Schöffengericht verantworten.

Es war kurz nach der Mittagspause. Im zweiten Stock wartet die Putzma­schine darauf, wieder eingeschaltet zu werden. Es ist ein Donnerstag. Zwei Betriebe sind hier am Werk: Verputzer und Maler. Herr B. stiefelt nach oben. Er weiß, dass Jasmin (bei der anderen Firma) allein in einem der frisch verputzten Zim­mer mit Nachbesserungsarbeiten be­schäftigt ist. „Ich stieg von der Leiter, da packte er mich unter den Achseln und hob mich hoch“, erinnert sie sich. „Dann hat er meinen Po berührt. Er solle das lassen, sagte ich. Aber er drückte mich an die Wand, hielt mir mit einer Hand den Mund zu und fasste mit der anderen ganz fest an meine Brust. Als er einen Kollegen heraufkommen hörte, ließ er mich los.“ Sie hat eine leise Stimme. Sie überlegt sich jede Ant­wort genau. Sie will nichts Falsches sagen. Sie hat ihr Haar zu einem lusti­gen Pferde­schwanz zusammenge­bunden und rote Flecken im Gesicht vor lauter Aufregung.

Herr B. macht keine Angaben zur Sa­che. Manchmal ist das eine gute Stra­tegie, manchmal nicht. Hier eher  nicht. Aber dazu später. Er ist schmal, groß, eigentlich unauffällig: Geheim­ratsecken, schmallippiger Mund, blei­ches Gesicht. Nicht der Typ Mann, bei dessen Anblick junge Damen in Schnappatmung zu verfallen pflegen. Jasmin sagt, er sei auf der Baustelle ständig hinter ihr her gewesen. Habe sie in die Disko einzuladen versucht. Und auch mal zu küssen.

Der Angeklagte schüttelt stumm den Kopf. Ein flüchtiges Lächeln friert für einen Moment auf seinem Gesicht fest, ein wenig zu abschätzig, um auf­richtig zu sein. Sein Verteidiger be­müht sich, Jasmins Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Warum die angebli­chen blauen Flecke nicht ärztlich fest­gestellt wurden. Weshalb sie ihre An­zeige erst am nächsten Tag erstat­tete. Und ob sie vielleicht mit einem anderen Kol­legen, dem Nico, ein Verhältnis gehabt habe …

Der ist 26 Jahre, ein schlanker, hoch aufgeschossener Bursche, dunkelhaa­rig, gutaussehend. Er kam heute direkt von der Ar­beit in den Zeugenstand. Er trägt noch seine Malersachen. Er er­innert sich, gesehen zu haben, wie der Angeklagte in die oberen Stock­werke ging. „Später kam mir Jasmin von dort entgegen. Sie war verängstigt, ver­stört und hatte Tränen in den Au­gen.“ Gemeinsam mit seinem Kolle­gen Giuseppe stellte er Herrn B. zur Rede. Was er „mit dem Mäd­chen gemacht“ habe? Dessen Ant­wort be­stand in einer gespielt ah­nungslosen Gegenfrage, die Ausdruck ei­nes schlechten Gewissens sein mag: „Welches Mädchen?“

Giuseppe berichtet auch, Herr B. sei ihm schon vorher durch detaillierte Schilderungen sexueller Vorlieben aufgefallen: „Was er mit Frauen so alles anstellen würde.“ Nun ist eine rege Phantasie nichts Verwerfliches. „Aber auch auf einer Baustelle gilt das Rechtsgut der sexu­ellen Selbstbe­stimmung“, sagt Staatsanwalt  Oliver Piecharczik. „Anfassen lassen muss sich niemand.“

Herrn B. schwimmen die Felle weg. Vielleicht war der Versuch seines An­walts, Jasmin unlautere Motive zu un­terstellen, etwa auf ein Schmerzens­geld aus zu sein, keine so gute Idee. In seinem letzten Wort versucht der Angeklagte, seine Sache noch zu ret­ten. „Es ist eine glatte Lüge!“ begehrt er auf. „Ich war gar nicht  oben bei ihr ….“ Es ist ein langes letztes Wort. Und ein vergebliches: Das Schöffen­gericht unter Vorsitz von Richterin Kohlheim verurteilt ihn zu einem Jahr und zwei Monaten auf Bewährung.

Was noch zu sagen wäre: Jasmin war seinerzeit nicht mit Nico befreundet. Die Malerlehre hat sie zwar beendet, den Job aber aufgegeben. Nein, nicht wegen des Vorfalls, sagt sie. Falsche Berufswahl eben. Sie ar­beitet jetzt in einer Bä­ckerei. Herr B. ist noch immer bei der Firma angestellt.