Sex mit dem Großwildjäger

Von Dieter A. Graber

HANAU. Frau D. erzählt in Saal 215 von dem Mann, den sie heiraten will. Trotz allem heiraten will. Von ihrer Beziehung erzählt sie, wie alles anfing und dass sie ihn liebe. „Und zwar von gan­zem Herzen!“ Der Mann ist Lutz H. (52), angeklagt, seinen Schwager ermordet zu haben.

Frau D. trägt ein dunkelgraues, ge­streiftes Kostüm und das braune Haar lässig am Hinterkopf hochgesteckt, schwarze Pumps mit schicklichem Ab­satz und diskretes Make-up. Sie stellt ihre Handtasche neben den Zeugen­stuhl. Krokolederoptik. Eigentlich wollte sich Frau D. ja auf ihr Zeugnis­verweigerungsrecht als Verlobte des Angeklagten berufen, aber dieses Schlupfloch hat ihr die Kammer ver­stellt: „Da er noch verheiratet ist“, führt Vorsitzender Peter Graßmück aus, „wäre es sittenwidrig, gleichzei­tig verlobt zu sein.“

Hinten im Zuschauerraum sitzt Silke H., die Noch-Ehefrau des Angeklag­ten, groß, schlank, die Haare kurz und wasserstoffperoxid-blond, der Mini­rock schwarz und ebenso die Stiefel. Es hält sie kaum auf dem Stuhl. Wü­tend kom­mentiert sie die Aussagen von Frau D., die ihre Nachfolgerin ist an der Seite und im Bett von Lutz H., mit Ges­ten und Be­merkungen, dass Rich­ter Graßmück sie schließlich ermahnen muss.

Juni 2012. Lutz H. lernt Banu D., heute 30, in ei­nem Bistro im Hinter­tau­nus kennen. Kurz zuvor war sein Fachwerkhaus im nahen Endlichhofen niedergebrannt. Das Dorf hat 148 Einwohner und ist eingebettet in eine hügeligen Wald- und Wiesenland­schaft. Für Gegenden wie diese wurde der Begriff „Arsch der Welt“ erfun­den. Lutz H. geht hier auf die Pirsch. Er sei, sagt Frau D., ein naturver­bun­dener Mensch. 700 Hektar umfasst sein Re­vier. Ein teures Hobby. Vielleicht hat es auch seine Ehe ruiniert. Viel­leicht ist Silke H. nicht von dem Schlage, der sich wohlfühlt, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sa­gen.

Er nimmt die hübsche Serviererin, Mutter von zwei Kindern, über Nacht mit in seine Jagdhütte. Am nächsten Morgen taucht die Ehe­frau auf und macht die klassische Szene. Er habe nur zu ihr gesagt: „Schleich dich“, erinnert sich die Zeu­gin. Die beiden hätten sich damals aber bereits auseinandergelebt. Dafür sind Lutz H.  und Banu D. nun ein Paar. Zunächst führen sie eine Bezie­hung auf Zeit: „Mal war er bei mir, dann lebte er in Kärnten.“ Es ist August 2012. Sie lässt sich für Lutz H. schei­den. Sie hofft, dass er sie heiratet. Er hält sie hin mit seiner Scheidung. „Warum wohl?“ will Richter Graß­mück wissen. Banu D. sagt: „Ich denke – er ist konfron­tati­ons­scheu.“ Anwältin Friederike Vil­mar, Vertrete­rin der Nebenklage, be­gehrt zu wis­sen: „War Ihr Verhält­nis sexuell er­füllt?“ Das ist nun eine we­nig sach­dienliche Frage, un­manierlich und so naseweis wie die Person, die sie stellt, und so­gleich sind die Ver­teidiger auf hun­dertacht­zig. „Eine Frage nach enteh­renden Tatsachen“ empört sich An­walt von Dahlen. Die Kammer lässt sie gleich­wohl zu. „Ja“ haucht Frau D. die Ant­wort. Silke H., in der letzten Reihe sit­zend, nimmt’s mit versteinertem Ge­sicht zur Kennt­nis. Zu jedem Ver­handlungstag ist sie erschienen; am Ende ist sie stets zu ihm nach vorn an die Anklagebank und hat liebevoll seine Hände ge­streichelt. Seit elf Jah­ren sind sie ver­heiratet.

Banu D. hat mal Arzthelferin gelernt, aber dann trieb sie der Wind des Schicksals mal hierhin, mal dort­hin auf dem Meer des Lebens. Sie stammt aus verworrenen, deutsch-türkischen Familienverhältnissen, hei­ratet mit 19, wird früh Mutter, zieht oft um, fast fluchtartig. Vielleicht fand sie in dem zweiundzwanzig Jahre äl­teren Lutz H., dem weltgewandten Spross einer Ärzte-, Industriellen- und Jägerdy­nastie, so etwas wie einen Ersatzvater. Einer, der was darstellt. Oder es zu­mindest versucht … Einmal im Jahr macht er sich auf nach Afrika. Dann jagt er die Big Five in der Steppe von Namibia oder Kamerun. Es gibt Zeit­genossen, die den Wert ei­nes Mittel­klassewagens hinblättern, um sich mit einem selbstgeschossenen Wasser­büffel fotografieren zu lassen. Ein Elefantenbulle schlägt mit 33.350 Dollar zu Buche. Lutz H. habe solche Abschüsse „vermittelt“, erzählt die Zeugin. Gegen Honorar. Richter Graßmück fragt: „Was verdient man da so?“ – „Ich hab ihn nie ge­fragt.“

Allem Anschein nach war seine finan­zi­elle Situation damals schon pre­kär. Er verfügte über kein geregeltes Ein­kommen, die Feuerversicherung wei­gerte sich, im Fall des niederge­brann­ten Hauses den angege­benen Schaden zu begleichen. Und zu allem Überfluss scheint der Rechtsstreit mit seiner Schwester Ul­rike um deren Pflichtteil aus dem Nachlass der El­tern für ihn kein gutes Ende nehmen zu wollen.

Im August 2014, knapp ein Jahr nach den tödlichen Schüssen in der Gallien­straße, zieht Lutz H. mit Banu D. und ihren Kindern in den kleinen Ort Eisentratten. Der liegt im Norden von Kärnten. Es ist das Haus seiner El­tern. Es ist eine Gedenkstätte. Kaum etwas wurde verändert nach ih­rem Tod. Als es die Polizei durch­suchte, im Mai 2016, nachdem sie Lutz H. fest­genommen hatte,  hingen noch der akademische Säbel und die Mütze des Vaters an einem Ehren­platz. Willi H. gehörte einer schlagen­den Studen­tenverbindung an; ebenso der Ange­klagte. In Innsbruck will Lutz H. studiert haben, Medizin wie der Vater. Den Dok­tortitel führte er bisweilen auch, unberechtigterweise. 

Als „notorischer Lügner“ werde der Angeklagte bezeichnet, sagt Gutach­ter Dieter Marquetand, sich an die Zeugin wendend. „Was sagen Sie dazu?“ Banu D. hebt an: „Also …“ Dann zuckt sie wortlos mit den Schul­tern. 

Der Prozess wird fortgesetzt. Mehr dazu hier, hier, hier und hier.