Simons kranke Liebe

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es begann mit Josephine. Sie war ein Mädchen aus seiner Schule, etwa sechzehn Jahre alt. Wäh­rend einer Skifreizeit hatte er mit ihr angebandelt. Vielleicht eine harmlose Liebelei. Für ihn vielleicht mehr. Auf jeden Fall ließ er ihr fortan keine Ruhe. Erst schickte er ihr zahl­lose Briefe in die USA, wo sie an ei­nem Schüler­austausch teilnahm, spä­ter belagerte er das Haus, in dem sie wohnte. Si­mon wurde zum Stalker. Mit einund­zwanzig kam er erstmals in die Psy­chiatrie.

Heute ist fünfzehn Jahre später. Si­mon Z. sitzt auf der Anklagebank des Hanauer Landgerichts, Saal 215, 1. Große Strafkammer. Sie haben ihn aus der Psychiatrie in Haina zur Verhandlung gebracht. Er ist ein hoch­gewachsener Mann, übergewichtig, blass, den Blick bisweilen in imagi­näre Fernen gerichtet. Seine kurzen Haare sind in die Stirn gekämmt. Er wirkt aufgeschwemmt wie jemand, der seit längerer Zeit starke Medika­mente nimmt. Er muss mal ein gut­aussehender Junge gewesen sein. Vor der Krankheit. Aber wann genau war das?

Seine Mutter will davon erzählen. Sie nimmt Platz auf dem Zeugenstuhl; eine schmale Frau, in deren Gesicht sich Kümmernis und Schmerz tief ein­gegraben haben. Sie mag die Hoff­nung hegen, damit ein wenig Gerech­tigkeit heraufzubeschwören für ihren Jungen, der eine schöne, wenngleich nicht ganz unbeschwerte Kindheit verlebte in dem Dorf Jossa, das sich lieb­lich an die sanften Hügel des Na­tur­parks Spessart schmiegt. Sie hatten da ein Haus am Waldrand. Der Vater, ein erfolgreicher Maschinenbau-In­ge­ni­eur, war viel unterwegs. Die Mut­ter verwöhnte den kleinen Simon mit all der Liebe, derer sie fähig war, erst recht, weil ihr Nesthäkchen anfangs unter einer schlimmen Neurodermitis litt. Er sei aber ein aufgeweckter Bub gewesen, berichtet Frau Z., 62 Jahre, Sekretärin. Und ein guter Schüler, der es locker aufs Gymna­sium schaffen sollte. Beliebt im Ort. „Der Hahn im Korb bei den Mädchen, schon in der zweiten Klasse“, sagt sie. Und musikalisch. Später wird er mit Freunden eine Band gründen. Und das Leben einer jungen Frau und ihrer Eltern in eine Hölle verwandeln, in­dem er sie bedrängt, verfolgt, be­droht. Jahrelang. Aus verschmähter Liebe.

Aber zurück zu den glücklichen Tagen von Jossa, die schmerzvoll enden, als Simon dreizehn ist und sich die Eltern trennen. Ein Bruch im unbeschwerten Sein. Den Umzug mit der Mutter in die Kleinstadt Schlüchtern, in eine Mietwohnung, sieht er als sozialen Abstieg. „Er ist mir langsam entglit­ten“, sagt die Zeugin. Er flüchtet zum Vater, in die Musik, ja, auch in Dro­gen, er vernachlässigt die Schule, kommt zurück zur Mutter, die man im zeitgenössischen Jargon eine taffe Frau nennen könnte – zielstrebig, durchsetzungsstark, selbständig, alles Eigenschaften, die ihrem Sohn fehlen. Er ist jetzt sechzehn. In diesem Alter müssen Jungs ih­ren Eltern entgleiten und sich auf die Suche machen, nach der großen Liebe und sich selbst. Das mit Josephine endet, wie gesagt, im Fiasko …

Nennen wir sie Janina. Schlank, blon­der Pferdeschwanz, Studentin, 26 Jahre jung. Der heutige Auftritt vor Gericht ist eine Tortur für sie. Wie oft musste sie das schon durch­machen. Immer wieder diese Ge­schichten er­zählen: Wie er ihr E-Mails schrieb, Schmuck schickte und Briefe mit Lie­besgedichten und Konzertkar­ten für Max Raabes Palastorches­ter, wie er ihr Haus belagerte, schließlich aggres­siv wurde. Sie waren sich in der „Sonobar“ begegnet, einer beliebten Schlüchterner Musik-Kneipe. Er hatte sich zu ihr an den Tisch gesetzt, ein Gespräch begonnen. „Aber ich wollte nichts von ihm. Niemals!“ betont Ja­nina. Es war im Jahr 2011. Simon hatte damals schon mehrere Aufent­halte in der Psychiatrie hinter sich. Schizophrenie lautete der Befund. Er selbst aber diagnostiziert ADHS bei sich, weil er im Fernsehen eine Sen­dung darüber gesehen hatte, und be­sorgt sich Medikamente. Vielleicht be­schleunigte das die Tragödie. Er wird aggres­siv, greift Janinas Vater an und später sogar einen Polizisten. Er attackierte ihn im Treppenhaus mit einem Ventilator. Da wurde er zwangsweise vorläufig untergebracht.

„Ich werde bei euch erscheinen“, droht er in einem seiner Briefe. „Wenn ihr dann die Polizei ruft, weiß ich, dass in dieser Welt kein Platz mehr für mich ist.“ Er ignoriert die ge­richtlichen An­nähe­rungsverbote ebenso wie die Be­wäh­rungsauflage, sich von ihr fernzu­hal­ten, als er im November 2013 vom Landgericht zu neun Monaten verur­teilt wird. Schon kurz darauf schreibt er ihr: „Ich liebe dich. Ich werde dich so nicht gehen lassen. Ich kette mich bei deinen El­tern an die Haustür.“ Es ist die tragi­sche Geschichte eines Mannes, der niemals richtig zu lieben lernte. Es bedrücke ihn, äußerte er einmal, nicht zu wissen, wo er dran sei.

„Chronischer Liebeswahn“ hatte ihm der klinische Psychologe Werner Richtberg attestiert. Das war vor zweieinhalb Jahren gewesen, als er sich schon einmal wegen Nachstellung vorm Hanauer Landgericht verantworten musste. Neun Monate auf Bewährung brummte ihm Richter Dietmar Jorda seinerzeit auf für 25 Fälle von „Stalking“. Der Angeklagte leide unter „paranoider Schizophrenie“ diagnostizierte Gutachter Richtberg damals.

Janina erzählt stockend. Manchmal schluchzt sie dabei. Von ihrer Angst erzählt sie und wie sich ihr Alltag durch die dauernden Nachstellungen verfinsterte. Sie sagt auch: „Wir ha­ben kein Interesse, dass er lebenslang …“ Dann erschrickt sie angesichts der ungeheuren Konsequenz dessen, was das Gericht beschließen könnte, und ergänzt schnell: „Wir wollen doch nur unsere Ruhe.“

Simon könnte für lange Zeit in ein psychiatrisches Krankenhaus einge­wiesen werden. Darüber wird vor al­lem das Gutachten des renommierten Psychia­ters Dieter Marquetand aus Beerfelden entscheiden. Der Prozess wird fortge­setzt.

Übrigens: Im Jahr 2014 wurden 21.857 Fälle von Stalking in Deutschland polizeilich erfasst. Eine rückläufige Zahl: 2008 waren es noch 29.273. Allerdings wird die Dunkelziffer auf rund 800.000 Opfer geschätzt, vorwiegend Frauen.