Solo für Onkel

Betröppelte Gesichte in Saal 215: Fünf junge Leute trafen sich nachts in Gelnhausen. Sie wollten nur ein bisschen „chillen“, wie man die Zeit totschlagen heute nennt – und jetzt das. ©Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Die Aussage von Herrn B. könnte im Prozess ge­gen Kevin und seine Kumpels entscheidend sein. Denn er fungierte als unfreiwilliger Vorkoster je­nes  Spice-Joints, der dem jungen Mann, den alle Hugo nannten, wenige Stunden später zum töd­lichen Ver­hängnis werden sollte.

Herr B. ist 45 Jahre alt und ge­lernter Maurer, aber so schmäch­tig, dass man sich fragt, wie er diesen körperlich schweren Beruf je­mals hat ausüben können mit gerade mal 56 Kilo Le­bendge­wicht. Am Abend des 27. April 2016, wenige Stunden vor dem tragischen Ereignis, tauchen die Freunde Kevin und Halil mal wieder bei Herrn B., der des ers­teren Onkel ist, zuhause auf. Die drei verschwinden im Schlaf­zimmer. „Kevin lud mich zu ei­nem Joint ein“, erinnert sich Herr B., der schon ordentlich ei­nen gezwitschert hatte. „Er sagte: ,Das ist bombiges Zeug. Probier mal, Onkel …‘“ Der inhaliert drei oder vier Mal.

Kurz darauf bricht er zusammen. „Mir wurde schlecht. Ich kriegte Atemnot, konnte nicht mehr sprechen, nichts mehr sehen, nicht mehr gehen …“ Er schafft es gerade noch, sich ins Wohn­zimmer zurück zu schleppen. „Da kippte ich um.“ Vielleicht hätte auch er seinen Ausflug in die Welt der künstlichen Canna­binoide mit dem Leben bezahlt, wäre nicht sein Freund Armando, der gerade zu Besuch war, so geistesgegenwärtig gewesen, Erste-Hilfe-Maßnahmen anzu­wenden, an die er sich aus seiner Zeit als Feuerwehrmann erin­nerte.

„Wie lange dauerte es nach dem letzten Zug, bis Ihnen schlecht wurde?“ will Oberstaatsanwalt Mies wissen. Und vor allem: Wo waren Kevin und Halil zu diesem Zeitpunkt? Denn sollten sie Zeu­gen des Kollapses gewesen sein, hätte ih­nen die Gefährlichkeit des Stoffs zumindest klar sein müs­sen. Es geht dabei um die „Ga­rantenstellung“, wie Juristen es nennen, in diesem Fall um die Verantwortung des Kiffers für seinen Joint und die Folgen, die er bei anderen anrichtet. Herr B. beteuert: „Die beiden waren schon weg. Sie kriegten das nicht mit.“ Denn Joint hätten sie mit­genommen. „Wenn der Kevin gewusst hätte, wie tödlich das Zeug ist, hätte er mir das nicht angetan“, fügt er hinzu.

Tatsächlich wird die letale Wir­kung auf das Zusammenspiel von Spice und Alkohol zurückzufüh­ren sein. So sagt es die Gutachte­rin der Gerichtsmedizin. Hugo hatte in jener Nacht 3,1 Promille im Blut. Wie so oft hatte er am Nachmittag vorm Gelnhäuser Bahnhof gebe­chert. Es ist eine verschworene Clique von Trin­kern, die hier im Kollektiv ihre Sorgen mit billi­gem Bier aus dem nahen Dis­counter wegzu­spülen pflegen. Die Alks vom Bahnhof: von manchen bemitlei­det, für andere ein Ärgernis, von vielen igno­riert. „Eine Zweck­gemeinschaft“, sagt René, der damals auch dazu gehörte. „Jeder passt ein bisschen auf jeden auf.“ Das Leben hatte es nicht gut ge­meint mit Hugo, dem Russland­deutschen. Ein einsamer junger Mann, der noch zuhause beim Vater lebte. Tags­über arbeitete er für kleines Geld in einem Lebens­mittellager, abends streunte er herum, oft hackedicht. „Ein friedfertiger Typ, den alle mochten“, erinnert sich Rene‘. „Aber ziemlich naiv.“ Er war sein bester Freund. Zur Beerdi­gung sind viele ge­kommen, die ganze „Familie“ vom Bahnhof war da, viele mit Blumen.  

Beim Ermittlungsrichter hatte Stefan ausgesagt: „Er nahm dem Kevin den Joint aus der Hand. Eigentlich wollte der ihm ja nichts geben.“ Warnungen habe Hugo mit der herablassenden Bemerkung „Kindergarten“ ab­getan. Ein erwachsener Mann,  28 Jahre alt, lebenserfahren. Ke­vin war 17 damals, nach dem Gesetz ein Jugendlicher.

Sie hatten ihn noch in die stabile Seitenlage gebracht. Sie waren dann in eine Spielothek gegan­gen. Auf dem Heimweg hatten einige von ihnen noch mal nach Hugo ge­schaut. Da habe er geatmet. Morgens um sechs fand Frau B., die Leiterin der Kreisre­alschule, seine Leiche. Die Gerichtsmedizinerin sagt, es sei nicht sicher, ob er überhaupt hätte gerettet werden können, nicht einmal, wenn ein Notarzt zur Stelle gewesen wäre.

Zunächst hatte die Polizei wegen eines gemeinschaftlichen Raubes mit Todesfolge ermittelt. Kom­missar Dieter W.: „Wäre ja mög­lich gewesen, dass sie ihm den Joint absichtlich ge­geben haben …“ Der Ermitt­lungsrichter lehnte einen Haftbe­fehl gegen Kevin und seinen Bruder Stefan ab.