Stakkato im Zeugenstand

Von Dieter A. Graber

HANAU. Mehmet ist keiner von den Sympathischen. Er trägt eine schwarze Lederjacke, das schwarze Haar pomadig zurückge­bürstet und auf dem Gesicht ein Dauergrinsen voll höhnender Verachtung. Das filigrane Oberlippenbärt­chen, die messerscharfen Augen­brauen und die spitz zulaufenden Ko­teletten wirken wie mit schwarzer Schuhwichse aufgemalt. Seine Nasen­flügel sind ständig damit beschäftigt, sich zu blähen, als wolle er Witterung aufnehmen in Saal 110 des Amtsge­richts. Der Tick des Koksers. Mehmet (33) ist wegen Diebstahls, Sachbeschädi­gung, Körperverletzung, Nötigung an­geklagt.

Ein Hochhaus im Lamboy. Thomas (50) wohnt im 17. Stock, Mehmet im zehnten. Es ist ein grauer Kasten, die­ses Mietsilo, ein Resort für Geschei­terte, Ausgesonderte, Bedrückte. Thomas gehört zur Gilde der Alkoho­liker, wie manch anderer auch in die­sem anonymen Quartier. Er ist groß und mager, sein Haar grau und lang, der Bart struppig. Die beiden Männer freunden sich an. Eines Tages ver­misst der Thomas sein nagelneues Mobiltelefon. Ein Samsung GT-C 3050. „Er war in meine Wohnung geschlichen, als ich mal wieder schwer betrunken auf der Couch lag“, glaubt Thomas. Er redet da nicht drumherum. Sprit ist sein Lebensinhalt. Aber bestehlen lassen will er sich trotzdem nicht. Das Handy tauchte hinterher bei Naila auf. Drei Wochen später sei der Mehmet dann wieder ungebe­tenerweise erschie­nen. Da war Thomas aber noch halb­wegs nüchtern. Es gab ein Gerangel mit Blessuren …

Doch vergessen wir das erst mal, weil es nur die Ouvertüre ist zu einem denkwürdigen Prozess, in dem es um mehr geht, um sexuelle Gewalt und Hass, um Demütigung und Nieder­tracht. Naila betritt den Saal. Naila ist 29 Jahre alt, schlank, aber nicht zu sehr, das Haar lang und schwarz, zornblitzende Augen. Sie waren mal ein Paar, der Mehmet und die Naila. „Er machte mir sogar einen Heirats­antrag, und ich dumme Kuh habe ihm seine Liebesschwüre geglaubt“, zischt sie nun.

„Jeden zweiten Tag hat er mich ge­schlagen. Mit der Faust ins Gesicht. Einmal brach er mir sogar die Nase.“ Schnell redet sie, als gäbe es noch so viel zu sagen. Zu viel für einen einzel­nen Prozess. Die Geschichte einer ge­scheiterten Beziehung will sie erzäh­len. Hinten im Saal sitzt ihre Mutter, eine schmale, verhärmte Frau, eben­falls voller Groll auf den Angeklagten. Im Juli vor zwei Jahren lernten sie sich kennen. Er zog bei ihr ein, nachdem seine Bude im Hochhaus zwangsge­räumt worden und er auf der Straße gelandet war. Er hatte keine Arbeit. Eigentlich hatte er nie welche. Nur Gefängniserfahrung. Von seiner zu­nehmenden Eifersucht berichtet die Zeugin weiter: „Allein durfte ich schließlich die Wohnung nicht mehr verlassen. Oft drohte er, mir die Kehle durchzuschneiden!“ Mehmet wölbt die Nüstern und grinst. Nailas Vortrag steigert sich daraufhin zum rasanten Stakkato, ihre Stimmbänder stehen unter Hochspannung, Hyper­ventila­tion setzt ein, Schluchzen … Sie braucht eine Zigarettenpause. 

Irgendwie beginnt dieses Verfahren aus dem Ruder zu laufen. Was sich in der von Oberamtsanwältin Christa Breideband vorgetragenen Anklage­schrift noch wie eine Ansammlung kleinkrimineller Delinquenz  anhörte, entwi­ckelt sich zum Martyrium für eine junge Frau – wenn es denn stimmt, was Naila da aus ihren Erinnerungen hervor kramt: „Er hat mich vergewal­tigt“, sagt sie. „Er drohte, Nacktfotos von mir ins Internet zu stellen.“ Und: „Er brach mir den Kiefer!“ Einmal habe er ihr in einem Fastfood-Lokal am Hauptbahnhof angekündigt, sie zu er­schießen, jetzt, auf der Stelle, vor al­len Leuten. Sie rannte in Panik davon. „Ich habe diese Person zig Mal angezeigt, aber die Polizei unternahm nichts! Ich bin deshalb psychisch krank geworden.“ Diese Person! Seinen Namen hat sie aus ih­rem Wortschatz gestrichen. Geblie­ben ist Abscheu. Bitterkeit. Hysterie!

Mehmets Verteidiger ist der Straf­rechtler Andreas Steffen aus der Nähe von Münster. Es geht um viel für seinen Mandanten. Er steht unter Bewährung. Anwalt Steffen bohrt nach. Wann denn die Nacktaufnahmen entstanden seien? Und unter welchen Umständen? Warum sie ihm hinterher gereist sei, obwohl die Beziehung doch zu Ende war? Und was bedeuteten ihre fortgesetzten Anrufe bei ihm? So manches passe da nicht zusammen, findet der Verteidiger. Mehmet trium­phiert. Das zynische Feixen klebt auf seinem Gesicht wie Fliegendreck auf einem alten Gemälde. Vielleicht ist es aber auch nur sein Art, freundlich zu erscheinen.

„Diese Person hat mich mit anderen Frauen betrogen“, stößt Naila schließlich anklagend hervor. Möglicherweise ist das ja der Schüssel zu al­lem: eine enttäuschte Liebe, die aus einvernehmlichem Sex rückblickend eine Vergewaltigung macht, aus bö­sen Worten, im Streit gesprochen, eine Morddrohung, aus einem frivolen Scherz eine Erpressung ... Es gibt noch viel Aufklärungsbedarf in dieser Sache. Richterin Kohlheim ver­tagt die Verhandlung. Es müssen wei­tere Zeugen gehört werden.

Hinter­her, auf dem Gerichtsflur, gibt Tho­mas der Naila die Hand. Er tröstet sie: „Bleib stark“, sagt er. Der Trinker und die psychisch kranke Frau – der Pro­zess hat sie irgendwie zusammen ge­bracht. Auch Wut kann ein starkes Band sein, wenn sie sich gegen einen gemeinsamen Feind richtet.

Nachtrag: In einem späteren Termin wurde das Verfahren gegen Mehmet eingestellt. Die Beweislage war doch zu mager.