Sterben auf dem Rücksitz

Von Dieter A. Graber

HANAU. In den frühen Morgenstun­den des 18. September 2013, einem Mittwoch, sprengen drei Männer den Fahrkartenautomaten an der Bahnsta­tion von Gau­büttelbrunn bei Tauber­bischofsheim mit einem Gas-Sauer­stoff-Gemisch in die Luft. Es ist eine dilettantische Tat, die einem von ih­nen das Leben kostet: Manfred A., ge­nannt Manni (47), wird von der 30 Kilo schweren Ge­häuseverkleidung tödlich am Kopf getroffen. Das Ha­nauer Landgericht verurteilte seine beiden Komplizen zu fünf, bzw. sieben Jahren, unter ande­rem wegen ver­suchten Mordes. Sie hätten ihn, so die Überzeugung der Kammer, sterben lassen, um sich der Strafver­folgung zu entziehen. Nun muss der Fall erneut aufgerollt werden – der BGH ent­deckte Verfah­rensmängel (hier).

Es ist eine vertrackte Ge­schichte. Ver­trackt für das Hanauer Landgericht, das vom 2. BGH-Senat mal wieder zum Nachsitzen verdon­nert wurde. Die Frage, ob Denis D. (54) und Olaf H. (37) den Tod Mannis tatsächlich billigend in Kauf nahmen, also der bedingte Tötungsvorsatz, sei „nicht tragfähig begründet“. Es geht, einfach gesagt, ums Wollen. Vertrackt aber auch für Denis D. selbst: Er hatte seine Strafe von fünf Jahren akzep­tiert. Er ist inzwischen Freigänger. Er darf auf Bewährung in Kürze hoffen. Nun muss er erneut in Saal 215 die Anklagebank drücken. Das verdankt er Paragraph 357 StPO; sein Ur­teil wurde nämlich gleich mit aufgehoben.

Richterin Susanne Wetzel lässt einen Anflug von Unmut erkennen. Nur ein „Begründungsmangel“ hafte dem Ur­teil der 1. Großen Strafkammer vom Juli 2014 an, betont sie. Das könnte man aus der Revisionsentscheidung der Bundesrichter aber auch anders herauslesen. Denis D. und Olaf H. hatten Manni auf den Parkplatz hin­term ehe­maligen Krankenhaus von Salmünster gelegt. Da muss er aber schon tot gewe­sen sein. Gestorben auf einer 120 Kilo­meter langen Tour über Landstraßen und Autobahnen. Die Polizei fuhr hinterher die Strecke ab und listete akri­bisch alle Stellen auf, wo Hilfe möglich gewesen wäre: Kran­kenhäuser, Raststätten, Notruf­säulen.

Eigentlich schnurrt die ganze Tat auf die Zeit zwischen 1.19 und 3.25 Uhr zusam­men in diesem zweiten Auto­ma­tenspren­ger­prozess: 126 Mi­nuten nach dem großen Knall, in de­nen drei Männer im Mercedes durch die Nacht gondeln, einer von ihnen halb tot auf der Rückbank, blutend, schwach at­mend, bewusstlos – ein Loch im Kopf, diverse Knochen zerschmettert im Leib. „Wo­rü­ber haben Sie sich unter­halten?“ fragt Richterin Wetzel. „Gar nicht“, antwortet Denis D., ein schlan­ker Mann mit schulterlan­gem, zum Pfer­de­schwanz gebundenem Haar. „Aber ich ging davon aus, dass er wie­der zu­sammengeflickt wird im Kran­ken­haus …“ – „Sahen Sie sich den Ver­letzten mal an? Fühlten Sie seinen Puls?“ – „Nein. Er trug ja auch noch seine Sturmmaske.“ Blut will Denis D. nicht bemerkt haben. „Es herrschte Dun­kelheit im Auto …“

Aber da war welches. Es gibt Bilder: eine gewaltige Blutlache auf der Rückbank des Mercedes. Bevor sie ge­zeigt werden auf den großen Ge­richtsmonitoren, verlässt eine ver­härmte, schmale Frau mit kurzen kasta­nienbraunen Haaren und tief­traurigen Augen den Saal. Waltraud A. ist die Mut­ter des Toten. Die Mut­ter eines Straftä­ters, der Opfer seiner bösen Absicht wurde. Sie ist Neben­klägerin, auch dies­mal wieder. Sie ist eine tapfere Frau, die gleichwohl die Wahrheit nicht zu akzep­tieren bereit ist. Die niemals fassen wird, was an jener einsamen unterfränki­schen Bahnstation geschah – und vor al­lem: warum? „Auf einmal bist du nicht mehr da, und keiner kann’s verstehn“ hatte sie in die Traueranzeige ge­schrieben. Die Liebe einer Mutter ist erhaben über juristische Urteile.

Aber waren die Angeklagten über­haupt in der Lage, die Si­tuation rich­tig einzuschätzen? Sie sind keine Leuchten, fürwahr: Denis D. hatte Ausbildungen als Spengler und Drahtweber abgebrochen, sich in jun­gen Jahren den Drogen zugewandt und fristet heute sein Dasein als Früh­rentner. Er ist Vater von drei Kindern. „Ein abge­brühter, empathieloser Mensch“, sagte ein Gutachter über ihn. Olaf H. scheiterte nach seiner Kfz-Mecha­nikerlehre in mehreren an­de­ren Jobs, baute Cannabis im Keller seiner Oma an und verfügte über ein bemerkens­wertes Vorstrafenregister. „Im Schock­zustand“, so Denis D., seien sie gewesen in jener Nacht. Gleichwohl zeugt ihr Handeln von be­wundernswürdiger Kalt­blütigkeit: Nachdem sie – den ver­mutlich bereits toten – Komplizen auf die Straße ge­legt hatten, entsorgten sie zunächst die Gasflasche in einem Müllcontai­ner. Olaf H. versteckte den Mercedes anschließend in Schlüchtern hinter einem Gebüsch. Mannis Mo­biltelefon, das er selbst während der Tat benutzt hatte, bewahrte er in der Tiefkühl­truhe auf – Akku, SIM-Karte und Ge­rät getrennt in Alufolie ver­packt. Da­mit es nicht mehr zu orten war.

Der Prozess wird fortgesetzt.