Stille Nacht, hitzige Nacht

Von Dieter A. Graber

HANAU. Vielleicht haben sie ihn aus­gewählt, weil er klein ist von Wuchs und eher schmächtig. Das klassische Opfer also. Fabio C. (19) war in jener Nacht auf dem Heimweg, als sie ihn sich schnappten. Einer nahm ihn von hinten in den „Schwitzkasten“, wie man so sagt, ein Würgegriff, der ihn an Flucht und Gegenwehr hinderte. Aber Fabio hätte sich sowieso nicht widersetzt, so verängstigt, wie er war. Dann haute ihm der Räuber auf den Kopf. „Mit einem Hammer“, heißt es in der Anklageschrift. Die Worte „Geld her, oder ich schlage dich tot!“ sollen gefallen sein. Der andere drohte, ihn zu erstechen. Fa­bio rückte sein letztes bisschen Hart­geld raus, fünf Euro etwa, mehr hatte er nicht dabei, außerdem seine Bankkarte, und obendrein verriet er auch noch die Geheimzahl. Damit hoben die Tä­ter 500 Euro beim nächsten Geldau­tomaten ab. Es passierte in Bad Orb. Es war kurz vor Weihnachten vergan­genen Jahres.

Karsten A. ist 26, ein baumlanger Bur­sche mit dunklem, kurzem Haar, so ein schmales Handtuch, dem die Jeans um die Hüften schlottern. Der Hosenboden befindet sich auf Knie­kehlen­niveau. Sein Hemd muss früher mal weiß gewesen sein und sieht aus, als sehne es sich nach ei­nem Bügeleisen. Hinten im Zu­schau­erraum sitzen seine Mutter und die Freundin. Der andere ist Nader N., 25 – und erst mal nicht da. Das Gericht wartet. Für ei­nen solchen Raub kann es fünfzehn Jahre geben. Nader aber hat ver­schlafen. Sein Verteidiger klingelt ihn telefonisch aus der Falle. Mit ein­ein­halb Stunden Verspätung trudelt er endlich ein. Sauberes Hemd, sau­bere Hose, sauber rasiert. Richter Graß­mück ist ziemlich angefressen.

Sie waren mal Nachbarn, der Karsten und der Nader. Zwei Versager unter einem Dach in einem Haus am Bad Orber Kur­park. Der Dritte im Bunde ist der Al­kohol. Nader war gerade die Frau ab­handen gekommen; nach fünf Jah­ren Ehe und einem gemeinsamen Kind habe sie sich einem anderen zu­ge­wandt, lamentiert er jetzt. Also: Nader, der aus Tunesien stammt, kei­ner Arbeit nachgeht, in Deutsch­land nur geduldet ist, hängt oft beim Kars­ten ab. Der hat auch nix auf der Naht. Das letzte bisschen Hartz IV ist aufge­braucht, und der Monat hat noch zehn Tage. An jenem Abend trinken sie Wodka und Bier und Wein. Dann ziehen sie los. „Luft schnappen“, sagt Karsten. Sie begegnen dem Fabio. Sie rippen ihn ab.

Drei Tage später. Heiligabend. Wieder Bad Orb. Wieder ein Besäufnis, dies­mal in der „Heppe“, das ist eine Kneipe mit Musik und Daddelauto­mat, wo die Theke rund ist, ein Bier zwei Euro kostet und auf dem Flach-TV häufig Fußball läuft. Da war der Markus so gut wie zuhause. Auch er hackedicht in jener Nacht. Als er ge­gen halb drei in der Früh auf die Straße wankt, sollen ihm die beiden aufgelauert haben. „Einer schlug ihm ins Gesicht, dass er zu Boden ging, dann traten sie auf ihn ein, nahmen ihm Münzen aus der Tasche sowie seine Geldbörse mit 280 Euro“, sagt Staatsanwalt Joachim Böhn. Soweit die Anklage.

Die Verhandlung vor der 1. Großen Strafkammer steht unter dem Ein­druck einer kollektiven Amnesie. Karsten sagt: „Ich kann mich so schlecht erinnern.“ Das müsse am Al­kohol liegen und an den Drogen, denen er früher in großen Mengen zusprach. Heroin, Cannabis. Aber dass sie weder einen Hammer, noch ein Messer dabei hatten, als sie den Fa­bio in die Mangel nahmen, das weiß er noch. Und auch, dass der ihnen „sein Portemonnaie freiwillig gege­ben“ habe. Aber ansonsten … Richter Graßmück fragt: „Wann haben Sie letztmals Rauschmittel konsumiert?“ Er zuckt die Schultern. Hat er auch vergessen.

Es gibt Fotos der beiden, aufge­nom­men von der Kamera am Geldau­to­maten. Zwei verschwiemelte Ge­sich­ter unter Kapuzen, gleichwohl deut­lich als die Angeklagten zu erkennen. Den Überfall geben sie ja auch zu. Sie ent­schuldigen sich bei Fabio. Der trug eine Beule am Kopf davon. Ob er den Hammer gesehen habe, fragt der Richter. „Nein, aber gespürt habe ich ihn.“

Markus nimmt Platz auf dem Zeugen­stuhl. Ein kräftiger Mann ist er, 43 Jahre, sehr breit und ziemlich hoch. So einen hätten selbst zwei vom Schlage dieser jungen Burschen nicht so leicht fertig gemacht – wenn er denn nüchtern gewesen wäre. 1,51 Promille hatte er intus. Auch er ist der Gnade des Verges­sens anheimgefal­len. „Ich weiß nur noch, dass mein Portemonnaie weg war.“ Es wurde später in der Nähe der „Heppe“ ge­funden. Leer natür­lich. Die ganze Stütze weg. Er ist jetzt noch verärgert, der Markus. Die Staatsanwalt­schaft hatte zwar Geld bei Karsten und Na­der beschlag­nahmt, mutmaßlich die Beute, aber bisher noch nichts an ihn rausgerückt. Wo er es doch so nötig bräuchte. Vielleicht beantwortet er die Fragen des Richters deshalb so unwillig, ein­silbig, patzig.

Nader stellt es so dar: „In dem Lokal hat er mich ständig beleidigt. ,Ka­na­ke‘ pöbelte er und ,Hurensohn‘. Als wir gingen, war­tete er draußen auf uns. Es gab ein Gerangel, und er fiel hin.“ Klingt ein wenig nach Notwehr. Be­stohlen habe er ihn aber nicht, beteuert der Ange­klagte. Er hatte 2,59 Promille im Blut. Auch er hat vieles vergessen. „Wenn ich trinke, verliere ich oft die Kontrolle“, räumt er kleinlaut ein. Kars­ten wiederum sagt: „Ich nahm ihm nur etwas Kleingeld aus der Ta­sche, als er da lag. Wir gin­gen weiter – plötzlich hatte Nader das Portemon­naie in der Hand. Wir teil­ten den In­halt.“ Zumindest eins ist si­cher: Abgespro­chen haben sich die beiden vor der Verhandlung nicht.

Am selben Abend waren sie übrigens festgenommen worden. Sie verbrach­ten die Feiertage hinter Gittern. Der Haftbefehl ist nur außer Vollzug. Wenn Nader N. zum nächsten Ver­handlungstag nicht pünktlich er­scheine, meint Richter Graßmück, könne man ihn ja wieder in Kraft set­zen …