Stoff aus der „Pension Mama“

Von Dieter A. Graber

HANAU. Kevin und Enrico sind zwei Brüder aus Nidderau. Beide zeichnen sich aus durch dieselbe endomorphe Statur, durch weiche, fast femi­nine Züge in fülligen Gesich­tern und eine auffällige Neigung zum Doppel­kinn. Kevin ist 27 Jahre alt, En­rico 21. Sie kommen, wie man so sagt, „aus gutem Hause“. Sie müssen sich we­gen Dro­genhandels in großem Stil vor der Ju­gendstrafkammer des Landge­richts verantworten.

Die Geschichte von Kevin und Enrico zeigt uns eine andere Seite der Rausch­giftszene. Eine gutbürgerliche Seite. Meist bleibt sie verborgen hin­ter den abgezehrten Gestalten, den Beschaffungskriminellen, den Verlo­renen mit irrlichternden Augen, die uns in Straßen und Parks begeg­nen. „Gestrandete Seelen“, wie Staatsan­walt Oliver Piechaczek sie nennt. Die Angeklagten haben, wenn die Auf­stellung der Fahnder stimmt, schät­zungsweise zwölf Kilo Marihu­ana er­worben und zum Teil mit Ge­winn weiterverkauft.

Der Jüngere sei der Spiritus rector gewesen, sagt Richterin Susanne Wet­zel in der Urteilsbegründung. Die treibende Kraft. Enrico also. Ein un­auffälliger Junge, blass, übergewich­tig. Kürzlich baute er sein Fachabitur, über eine abgeschlossene Banklehre verfügt er obendrein, dem­nächst geht’s auf die Uni. Wirt­schaftswissen­schaften. Er ist ein in­telligenter Bur­sche mit krimi­neller Energie. Früh kam er mit dem Gesetz in Konflikt: Betäubungsmittel, auch Körperverlet­zung. Sein Plan war es, die aus den Ge­richtsverfahren erwachsenen Schul­den mit Erlösen aus dem Dro­genhandel zu tilgen. Seinen Bruder, der ohnehin bewusstseinserweitern­den Substanzen zuge­tan war, holte er mit ins Boot.

Die beiden kamen mit einer Gruppe von Rauschgifthändlern aus Karlsruhe ins Geschäft. Kaufen! Verkaufen! Kommissionshandel. Es war ein biss­chen wie an der Börse. Rasches Geld, hohes Risiko. Das mag ein zusätzli­cher Kick gewe­sen sein für den Nach­wuchsbanker. „Gier frisst Hirn“, sagt Richterin Wet­zel. Die „Firmenzent­rale“ war Enricos Ju­gendzimmer zu­hause. Er wohnt noch in der „Pension Mama“. Die beiden stammen aus ei­ner angesehe­nen Un­ternehmerfa­mi­lie. Der Vater, ein Tüftler, gilt als einer der erfolg­reichs­ten Erfinder Hessens. Viele Pa­tente nennt er sein Eigen. Einmal war er sogar in einer Fernseh­show.

Im vergangenen November wurden seine Söhne mit fünf Kilo Stoff in ei­nem Ford Transit bei Windecken ge­stoppt. Die Fahnder hatten das Brü­derpaar schon eine Weile im Visier, auch ihre Telefone abgehört. In der  Verhandlung sind sie geständig. An­gesichts der erdrückenden Beweislast dürfte dies aber nicht für eine beson­dere Charakterstärke gelten. Drei Wo­chen saß Enrico in Untersuchungs­haft; dann wurde er, mit einer elekt­ronischen Fessel am Bein, nach Hause geschickt. Die trägt er auch jetzt auf der Anklagebank. Der Frankfurter Strafrechtler Joachim Bremer sagt, das alles habe seinen Mandanten zu­tiefst beeindruckt. Ein geläuterter Mensch ist er also.

Kevin traf es härter. Seine Fahrer­laubnis wurde kassiert, weil er als Drogenspediteur am Steuer gesessen hatte. Für 12.000 Euro Kau­tion war er auf freien Fuß gekommen. Er sei nur „ein Mitläufer“ gewesen, führt Ver­tei­diger Marc von Harten (Bad Hom­burg) ins Feld.

In seinem bemerkenswerten Plädoyer spricht Staatsanwalt Oliver Piechaczek von einer „perfekten Or­ganisation“ des Rauschgifthandels. Und er sagt: „Ich halte nichts davon, sogenannte weiche Drogen wie Mari­huana zu ver­harmlosen. Sie sind oft der Ein­stieg in die harten Drogen.“ Drei Jahre und zwei Monate fordert er für Kevin, für dessen Bruder, der zur Tatzeit zwan­zig und mithin noch Her­anwach­sen­der war, zwei Jahre und zehn Mo­nate. Kevin erweckt nun den Eindruck, als würde er gleich in Trä­nen ausbre­chen. Hinten im Saal sitzt seine Le­bensge­fährtin. Die beiden ha­ben ein Kind.

Die Jugendkammer verurteilt die Brüder zu jeweils zwei Jahren auf Be­wäh­rung. Es ist eine moderate Strafe, wenn­gleich das dicke Ende unverzüg­lich folgt. Es trägt den sperrigen Na­men „Vermö­gensabschöpfung“ und findet seine Wurzel in Paragraph 73c StGB: „Ist die Einziehung eines Ge­genstan­des … nicht möglich …, so ordnet das Ge­richt die Einziehung ei­nes Geldbe­tra­ges an, der dem Wert des Erlang­ten entspricht.“ Vielleicht ist das in diesem Fall die weitaus här­tere Sank­tion. Einziehung, das heißt, der hoch­gerechnete Erlös aus den Drogen­ge­schäften der Brüder wird konfis­ziert, und zwar, den Grundsät­zen ehrbarer Kaufmann­schaft zuwi­der, brutto für netto. Da gibt es keine in Abzug zu bringenden Investitionen, keine ertragsmindernden Spesen. Volle Härte! Das ent­sprechende neue Gesetz gilt übrigens erst seit we­nigen Tagen. Einem der­artig dras­ti­schen Prinzip wird der an­ge­hende Ba­chelor of Science im Hör­saal der wirt­schaftswissenschaftli­chen Fa­kul­tät wohl kaum begegnen. Aber das Dro­gen­geschäft hat nun mal seine ei­genen Risi­ken und Nebenwir­kun­gen.

Für Enrico macht das 23.810 Euro. Da haben die 200 Stunden gemeinnützi­ger Arbeit, die ihm das Gericht noch drauf packt, fast einen humorigen As­pekt. Kevin muss als Bewährungs­auf­lage 20.000 Euro für ei­nen guten Zweck zahlen.