Tête-à-Tête im Kartoffelkeller

Ein cooler Bursche und eine schöne Frau in einer Bar. Was als Abenteuer beginnt, endet bisweilen nach allerlei Verwicklungen mit Katzenjammer. Schau dir in die Augen, Kleines! (Bogart/Bergman in „Casablanca“) ©Warner Brothers

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es war der Abend, an dem Jürgen Volke ermordet wurde. 7. Sep­tember 2013. „Hallettimmi“ lautete die Kurznachricht, die Herr I. um 22.55 Minuten und 55 Se­kunden an seinen Kumpel Cengiz schickte. Bei der Polizei wurde es später so übersetzt: „Hat er/sie das erledigt?“ Klingt irgendwie abgründig. Nach Verbrechen. Auftragsmord. Passt jedenfalls in die Hypothese von Banu D. als Täte­rin. Die Polizei-Übersetzung aber sei falsch, sagt nun der Dolmet­scher. Er ist Sachverständiger für die türkische Sprache. Es bedeute in Wirk­lichkeit: „Bist du fertig mit dem Ter­min?“

Der Nachrichtenaustausch zwischen Il­han I. und Cengiz G. er­streckte sich in jener Nacht über gut zwei Stunden. Banu D. war mit Cengiz G. unterwegs gewesen. Erst zum Tête-à-Tête im Wiesbadener Restaurant „Harput“, an­schließend beim Auftritt eines Sängers  in der Zurna Bar, wo Ilhan I. die beiden ungeduldig erwartet. Es ist eine Lo­ka­lität im Stadtteil Mainz-Kastel mit dem Charme eines Kartoffelkellers – aber kolossal angesagt in der Szene.

Cengiz G. hatte tagsüber einen ge­schäftlichen Termin in Frankfurt ge­habt. Der türkische Bauunternehmer gilt un­ter Kumpels als das, was man heutzu­tage einen „Womanizer“ nennt. Ein Frauenheld. Stolz wie Bolle ist er auf seine Er­folge als Jäger und Sammler. Und Banu D., seine jüngste Eroberung, kann sich sehen lassen. In einen kurzen, en­gen Fummel gezwängt, stöckelt sie ne­ben ihm her in das Etablissement. Das muss gewesen sein …  –  irgend­wann zwi­schen kurz nach Mittenacht und dreiviertel eins, ausweislich des SMS-Protokolls. Cengiz‘ andere Freundin, die Hülya, sitzt derweil nichts ahnend zu Hause. Später schreibt er dem Ilhan verschwörerisch: „Na, wie passt sie zu mir?“ Da ist es 0.48 Uhr. Der türkische Sänger singt, der Laden ist proppenvoll und Il­han schwer beein­druckt: „Sehr hübsch.“ Auch das F-Wort kommt vor in dem Protokoll, auf Türkisch und zwar als, nun ja, scherz­hafte Drohung an die Adresse desjeni­gen, der es wagen sollte, „seine“ Banu anzu­baggern. Kerle unter sich halt.

Die Polizei hat es versäumt, die Geo­daten des Mobiltelefons von Cengiz G. zu sichern, wie auch manches andere untergegangen ist damals im Eifer des Gefechts. Etwa, im „Harput“ zu ermit­teln, ob sie dort wirklich zu Abend ge­gessen haben. Oder die Auto­bahnstreife zu finden, mit der es die beiden in der Nacht auf dem Weg nach Mainz-Kastel zu tun bekamen, weil Cen­giz G. auf der Standspur angehalten hatte, um seine Nachrichten zu schrei­ben. Denn gab es diesen Vorfall wirk­lich, irgendwann zwischen halb zwölf und Mitternacht bei Wiesbaden, dann kann Banu D. nicht vorher in Ha­nau den Mord began­gen haben. Sicher ist: Um 0.06 Uhr be­fanden sich die bei­den nahe der Zurna Bar, davor oder bereits darin.

Um 23.28 Uhr hatte Cengiz G. noch  geschrieben: „Ich bin in 45 Mi­nuten da.“ Aber wo genau befindet er sich in diesem Moment? Im „Harput“? In der Gallienstraße? Dort fallen kurz darauf die tödlichen Schüsse. Die Staats­an­waltschaft glaubt, Cengiz G. habe Banu D. zum Tatort gefahren und dann ir­gendwo nahebei auf sie gewartet. In diesem Fall wäre er entweder Mittäter oder ein ahnungsloser Galan, den die neue Flamme benutzt, um sich mal eben zum Morden chauffieren zu lassen. Es ist eine müde Hypothese. Unverkäuf­lich.

Tatsache ist: Auf dem Weg zu ihrem Treffen mit Cengiz G. verursacht Banu D. einen Verkehrsunfall. Sie türmt. Sie parkt den am Kotflügel beschädigten, aber noch fahrbereiten Wagen irgendwo in der Nähe von Bad Schwalbach und lässt sich dort von ihm abholen. Später wird Cengiz G. seinen Freund Ilhan bitten, die Sache zu regeln.

Ilhan I., 46, ist ein massiger Mann. Er war mal in der Wurstbranche, was sich in seinem Leibesumfang niedergeschla­gen hat, aber auch im Autohandel und Kneipier. Ein gutmütiger Mann. Mit der deutschen Sprache tut er sich schwer. Gleichwohl ist seine Zeugenaussage lü­ckenlos. Und vor allem: glaubwürdig. Ja, er habe das verbeulte Auto am nächsten Tag abgeholt und in eine Werkstatt gebracht. „Ein Freund­schaftsdienst für Cengiz.“ Die beiden stammen aus derselben Stadt, aus Kars, 77.000 Einwohner, Nordost-Anatolien. So etwas verbindet. Die Polizei hat Il­han I. vernommen, viel später erst. Er hatte dafür extra seinen Heimatauf­ent­halt abgebrochen. „Wenn die Kripo ei­nen sprechen will, muss es wichtig sein“, sagt er jetzt. Er dachte, es gehe um den Unfall. In Wirklichkeit ging es um Mord. Aber das hat er damals nicht geahnt. Und dass der Cengiz damit was zu tun haben könnte, also nee …

Dessen Vernehmung wurde auf nächste Woche verschoben.