Tödliche Tüte

Wundertüte aus Kindertagen: Was da wohl drin ist? Es gab sie dereinst für zehn Pfennig, und sie enthielt allerhand unnützes Zeug. Das ist heute nicht anders in Kifferkreisen, die Überraschung kann aber üble Folgen haben. ©Doc.Heintz

Von Dieter A. Graber

HANAU. Der Mann, den sie alle Hugo nannten, obwohl er doch ganz anders hieß, war ein Au­ßenseiter, erst 28 Jahre alt, so ein armer Hund von der Sorte, deren bester Freund die Fla­sche ist und die zu Zeiten auch einen Joint nicht verachten. In einer kalten Nacht  vor fast ge­nau zwei Jahren starb Hugo ei­nen erbärmlichen und einsa­men Tod. Er hatte zwei oder drei Züge von einer „Tüte“ ge­nommen, in der sich Spice, eine synthetischen Droge, befand. Er brach zusammen. Sein Herz hörte auf einer Wiese neben der Kreisrealschule in Gelnhau­sen auf zu schlagen. Mag sein, dass Hugo noch leben könnte, wenn die Jungs nur Hilfe geholt hätten. Haben sie aber nicht.

Deshalb müssen sich Kevin und sein Bruder Stefan, Halil, Umut und Domenico jetzt vor der Ju­gendkammer des Landgerichts verantworten. Unterlassene Hilfeleistung wirft ihnen Ober­staatsanwalt Mies vor. Dem Kevin sogar ein Tötungsdelikt. Der soll Hugo nämlich den Joint gegeben haben. Ein Joint mit besonders starkem Stoff. „Ga­rantenstellung aus vorange­gangenem gefährdendem Tun“ nennen Rechtskundige so et­was. Die fünf jungen Leute hät­ten gewusst, dass Hugo, der vor ihren Augen mit einem Kreislaufkollaps zusammenge­brochen war, „bei Temperatu­ren um den Gefrierpunkt ster­ben würde“, so die Anklage. Aber das ist die juristische The­orie. In der konkreten Praxis waren die „Täter“ zwischen 16 und 18 Jahre alt.

In Saal 215 erzählen sie aus ih­rem Leben. Es sind Versager-Biografien, die einander glei­chen wie die billigen Schundge­schichten in den Groschenro­manen. Am Anfang ist ein Schulproblem. Halil zum Bei­spiel fliegt mit 15 von der Schule. „Weil ich so oft fehlte“, sagt er. Dem Umut ging’s nicht anders: „Ich habe mich im Un­terricht nicht benommen.“ Schon die erste Klasse hatte er wiederholen müssen. Kiffen lernten sie hingegen ratzfatz. Vielleicht beginnen kriminelle Karrieren ja in der Grund­schule. Ihre weitere Lebenspla­nung bestand dann vorwiegend in der Überlegung, wie die nächste Ration an Cannabis, Ecstasy und anderen bewusst­seinserweiternden Stimulan­zien zu beschaffen sei. Von Domenico abgesehen, hat kei­ner einen Abschluss, keiner ei­nen Beruf erlernt. Hilfsjobs in Fast-Food-Lokalen und Lager­arbeiten wechseln einander ab. Umut sagt: „Ich hab Rücken.“ Er könne nicht schwer heben. Die Wirbel. Das müsse operiert werden. Aber es habe Zeit. Umut ist 18.

Kevin, 19, und Stefan, 20, sind Brüder. Von Ähnlichkeit keine Spur. Der Jüngere ist groß und muskulös und hat ein Jungen­gesicht, der andere ist schmächtig und sieht in seinem schneeweißen Hemd und der schwarzen Hose aus wie ein zu kurz geratener Pikkolo ohne Frack im Grand-Hotel. Die bei­den haben, auch das muss man sagen, bereits ein besch… Le­ben hinter sich, das doch ei­gentlich erst angefangen hat. Aber davon mehr zu gegebener Zeit; der Verhandlung wohnt auch Frau Kaiser bei, eine erfahrene Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe des Main-Kinzig-Kreises. Sie wird sich dazu äußern.

An jenem verhängnisvollen Abend hatten sich die fünf in Gelnhausen getroffen. Abhän­gen war angesagt. Kiffen na­türlich auch. Hugo, der Streu­ner, torkelte heran und drängte sich der Gruppe auf. Er war schon hackedicht. Kevin hatte Spice dabei. Das galt damals noch als legal, weil vom Betäubungsmittelgesetz nicht er­fasst. Bei dem für den Rausch verantwortlichen Hauptwirk­stoff handelt es sich um das Cannabinoid 5 F-ADB. Das nur der Vollständigkeit halber. Für Hugo hatte es eine tödliche Wirkung.

Kevin und Stefan brachten ihn noch in eine stabile Seitenlage. Sie müssen geahnt haben, wie ernst es war. Dann machten sich alle gemeinsam davon. Es roch nach Ärger. Sie hatten noch weiteren Stoff dabei, an­geblich auch Waffen. Aber da­von will der Umut nichts wis­sen.

Er habe das ganze Geschehen nur aus der Dis­tanz beobachtet und dringend geraten, den Notarzt zu rufen. Dann sei er zum Bahnhof ge­laufen. In Panik. Nix wie weg! Aber: Der Kevin hatte dem Sterbenden vorher noch die Papiere und den Geldbeutel gestohlen. Umut beteuert: „Ich wollte doch unbedingt zur Poli­zei!“

Und hier wird seine Geschichte ziemlich dünn: Denn stattdessen besuchten sie hinter­her eine Spielothek. Und anderntags trafen sie sich wieder in Gelnhausen. Zwecks Brainstorming. Zur Polizei gingen sie nicht. Die kam dann zu ihnen.