Tak-tak – tak-tak um Mitternacht

Wahrheitsfindung unter freiem Himmel: Bericht aus dem Hanauer Anzeiger über den Ortstermin im Mordprozess des Jahres

Von Dieter A. Graber

HANAU. Eine junge Frau torkelt durch die Gallienstraße. Es ist früher Nach­mittag und sie schon hackedicht. Die Straße ist nach einem Graveur be­nannt, der zu den ersten Lehrern der nahen Zeichenakademie zählte. Jean Louis Gallien. Eine Sackgasse. Däm­merung fällt ein. Polizeifahrzeuge parken im Halterverbot. (Was sich noch rächen wird.) Eine ganze Landge­richtskammer mit Schöffen und Staatsanwalt, Protokollführerin und Justizbediensteten, dazu Verteidiger, Nebenkläger, Gutachter und überdies ein Pulk an Medienleuten drängeln sich auf Fahrbahn und Bürgersteigen, in Einfahrten und Vorgärtchen. Die Betrunkene taumelt ihres Weges, un­beeindruckt.

Ortstermin im Mordprozess gegen Lutz H., der seinen Schwager erschos­sen haben soll. Der Tatort liegt am Ende einer schmalen Feuerwehrein­fahrt, dort, wo es noch dunkler ist als im Rest des Gevierts. Handtuch­schmale Reihenhäuser mit winzigen Gärtchen nach vorn und hinten raus drängen sich aneinander wie ver­schüchterte Kinder. Eines davon ist die Nr. 18. Mannshohe Yucca-Palmen in Töpfen flankieren den Eingang, da­neben eine sauber gestutzte Hecke der Gattung Buxus sempervirens. Zwei Waschbetonstufen hinauf. Hier also ist es passiert.

Die 1. Große Strafkammer will sich durch Augenschein ein Bild von den Örtlichkeiten machen, vor allem aber von den Lichtverhältnissen, wie sie in der Nacht des 7. September 2013 hier geherrscht haben mögen. Die Tür von Nr. 18 ist dazu aber kaum geeignet, wurde der ursprüngliche Riffelglas­einsatz längst durch einen aus Milch­glas ersetzt. Das Gericht quetscht sich erst mal ins Haus. Ulrike Volke (57) erzählt – zum wievielten Male eigentlich? –, wie das war, als ihr Mann Jürgen (53) von drei Schüssen im Flur niederge­streckt wurde. Ulrike Volke ist eine schmale Frau, das feine blonde Haar zurückgebürstet, die Augen tieftrau­rig hinter den schmalen Brillenglä­sern. Hier wirkt sie noch zerbrechli­cher als im großen Saal 215 des Land­gerichts. Gebeugt von der Last des Unfassbaren.

Der Angeklagte begehrt ebenfalls Einlass. Auch er will den Tatort von innen sehen. Eine schwer erträgliche Vorstellung für seine Schwester, dass er, der mutmaßliche Mörder ihres Man­nes, ihr Zuhause betritt, aber es sei nun mal sein gutes Recht, sagt Richter Peter Graßmück bedauernd.

Lutz H. trägt einen grau-grünen Trachtenjanker und hellblaue Jeans und bleibt die ganze Zeit über gefes­selt. Polizisten bilden einen Kordon um ihn. Er hat ein kantiges Gesicht mit einer auf ein Minimum reduzier­ten Mimik. Es ist eines dieser Gesich­ter, die immer reglos erscheinen, un­berührt, kühl, die nie etwas preisge­ben an Emotion. Solchen Men­schen tut man leicht Unrecht.

Nils Volke (20) berichtet von der Tat­nacht. Er ist ein Sohn des Opfers. „Es klingelte. Ich hörte, wie mein Vater die Schlüssel aus der Küche holte, die Tür aufschloss …“ Dann Schüsse. Ins­gesamt vier. Zwei – kurze Pause – wieder zwei. „Es folgte ein Schlag, als würde etwas zu Boden stürzen.“ Auch Frau M. von nebenan erinnert sich an die Schüsse. „Tak-tak – tak-tak. Ich schaute von oben aus dem Fenster, aber es war alles dunkel.“ Niemand rannte weg. Niemand drückte sich tiefer in die Schatten der angrenzenden Büsche. Stille!

Aber auch Dunkelheit? Der Mörder muss auf jeden Fall den Bewegungsmelder aktiviert haben, der den Eingang von Haus Nr. 18 in weiße Helligkeit taucht. Mindestens eine halbe Minuten lang. Oder gar länger? Wie schnell kann einer aus dieser hohlen Gasse verschwin­den, ohne auch nur einen flüchtigen Eindruck zu hinterlassen?

Manuel N. (21) will etwas gesehen haben in jener Nacht, aus dem Fenster der elterlichen Wohnung im ersten Stock schräg ge­genüber. „Auf der Straße rannte jemand weg. Ein blonder junger Mann. Er trug eine helle Kapuzenjacke.“ Richter, Verteidiger, Staatsanwalt gehen also in Position da oben zwischen Dusche und Kloschüssel. Jurisdiktion auf Socken. Der Hausherr legte Wert darauf, dass vorm Betreten der Woh­nung die Schuhe ausgezogen werden. Drunten hetzt ein junger Polizist mit heller Jacke auf Kommando die Straße entlang. Zweimal, dreimal, viermal … Auch Wahr­heitsfindung kann an körperli­che Grenzen gehen.

An der noch original vorhandenen Haustür (mit Riffelglaseinsatz) der Gallien­straße 16 lassen sich trefflich die Sichtverhältnisse von damals si­mulie­ren. Dazu streift sich Kommissar Bernd F. ein weißes T-Shirt über, wie es das Opfer in der Tatnacht trug, und taucht in verschiedenen Körperhal­tungen drinnen im Flur auf. Er ist als Schemen zu erkennen, aber nicht als Person zu identifizieren. Hat der Mörder etwa auf gut Glück geschos­sen?

Ortswechsel. Hässliches gelbes Licht ergießt sich aus hässlichen Lampen auf ein Stück Weg, der von einem hässlichen Bretterzaun begrenzt wird. Winzige Gärtchen reihen sich anei­nander. Eins gehört zur Nr. 18. Wer hier auf der Rückseite durch die Büsche linst, hat freien Blick ins Wohnzimmer. Dort lag das Opfer (im weißen T-Shirt, wohlgemerkt) auf dem Sofa, als der Mörder vorn an der Tür klingelte.

Um 19.57 Uhr, nach gut zweieinhalb Stunden, ist Feierabend. Die Protokollführerin klemmt sich ihr Klemmbrett untern Arm und macht sich vom Acker. Lutz H. verschwindet in einem Streifenwagen. Mit klammen Fingern packen Fotografen und Kameramänner ihr Arbeitsgerät zusammen. Es ist kalt geworden. Stille sickert ein in die Gallienstraße.

Was noch zu sagen wäre: Ein BMW-Fahrer hat während des Ortstermins einen – falsch – parkenden Polizei-Vito gestreift. Und die Betrunkene wurde noch einmal gesichtet. In einer dunklen Ecke. Schlafend.

Mehr zum Fall Volke hier und hier.